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Buchtipp Dieses Buch entlarvt die Afrika-Illusionen der Politiker

Gastautor: Rainer Zitelmann
25.03.2017, 15:13  |  2161   |   |   

Dambisa Moyo, Dead Aid. Warum Entwicklungshilfe nicht funktioniert und was Afrika besser machen kann, Haffmans & Tolkemitt, Berlin 2012.

Zu den Lieblingsphrasen deutscher Politiker im Zusammenhang mit der Flüchtlingspolitik gehört, man müsse "die Fluchtursachen beseitigen", insbesondere in Afrika. Ob nun Angela Merkel, die in ihrer Hybris erklärte, Afrikas Probleme lösen zu wollen, damit die Afrikaner keinen Grund mehr haben, nach Europa zu kommen, oder Entwicklungshilfeminister Müller (CSU), der vehement einen "Marshallplan für Afrika" fordert - alle sind sich einig, dass der Königsweg der Flüchtlingspolitik der ist, wirtschaftliche Not, Hunger und Bürgerkriege in Afrika zu beseitigen. Wer wollte solch hehren Zielen widersprechen?

Die Autorin warnte schon 2009

Die Autorin dieses Buches warnte schon 2009: "Die vier Reiter der afrikanischen Apokalypse - Korruption, Krankheit, Armut und Krieg - können schnell die internationalen Grenzen überschreiten und die Menschen im Westen ebenso in Gefahr bringen wie die Afrikaner. Unterschlagenes Geld, das auf europäische Bankkonten überwiesen wurde, kann zur Finanzierung terroristischer Aktivitäten verwendet werden. Krankheit, Armut und Krieg können derartige Wellen von entrechteten Flüchtlingen und unkontrollierter Immigration auslösen, dass die westlichen Sozialsysteme damit völlig überfordert wären." Zudem bestehe die Gefahr, dass "fragile und verarmte afrikanische Staaten zu Zufluchtsstätten und Operationsbasen für global agierende Terroristen" würden. (S. 208)

Die Autorin wurde in Sambia geboren, studierte in Harvard und promovierte später in Oxford, arbeitete dann einige Jahre bei der Weltbank und bei Goldman Sachs. "Für mich ist die Suche nach einer nachhaltigen Lösung für Afrikas Nöte ein persönliches Anliegen. Groß geworden in einem der ärmsten Länder der Welt, treibt es mich um, Familien wie die meine, die jeden Tag ihres Lebens unter den Konsequenzen des wirtschaftlichen Scheiterns leiden müssen, beizustehen und zu helfen." (S.19)

Entwicklungshilfe hat mehr geschadet als genutzt

Die Folgerungen der Autorin sind jedoch völlig andere als jene, die Merkel und andere europäische Politiker ziehen. Nicht etwa, wie Merkel, Müller & Co. dies als Patentrezept verkaufen, eine Ausweitung der Entwicklungshilfe, sondern ein sukzessiver Ausstieg aus diesem System ist nach ihrer Meinung die erste Voraussetzung, um Afrikas Probleme zu lösen. In den letzten 50 Jahren, so Moyo, wurde im Rahmen der Entwicklungshilfe über eine Billion Dollar Hilfsleistungen von den reichen Ländern nach Afrika überwiesen (S. 21). "Doch geht es den Afrikanern durch die mehr als eine Billion Dollar, die in den letzten Jahrzehnten gezahlt wurden, tatsächlich besser? Nein, im Gegenteil: Den Empfängern der Hilfsleistungen geht es wesentlich schlechter. Entwicklungshilfe hat dazu beigetragen, dass die Armen noch ärmer wurden und dass sich das Wachstum verlangsamte... Die Vorstellung, Entwicklungshilfe könne systematische Armut mindern und habe dies bereits getan, ist ein Mythos. Millionen Afrikaner sind heute ärmer - nicht trotz, sondern aufgrund der Entwicklungshilfe." (S.22)

Die Autorin bestreitet nicht, dass im Einzelfall konkrete Katastrophenhilfe wichtig war und die Not gelindert hat. Ihr geht es in dem Buch nicht um Notfallhilfe und um die Arbeit von Wohltätigkeitsorganisationen, sondern um die Milliardenzahlungen, die in Form konzessionärer Kredite oder als nicht rückzahlbare Beihilfen geleistet wurden. Oft wurden diese Gelder an korrupte und despotische Regierungen gezahlt und kamen nicht bei den Armen an. Doch selbst "wenn die Hilfsleistungen nicht einfach veruntreut wurden und in den Kanälen der Korruption versickerten, blieben sie unproduktiv. Die politische Realität hat überdeutliche Beweise dafür geliefert. Angesichts des ökonomischen Zustandes Afrikas ist nicht zu erkennen, wo Wachstum eine direkte Folge der Entwicklungshilfe gewesen wäre." (S. 58)

85 Prozent der Fördergelder zweckentfremdet

In den vergangenen Jahrzehnten haben mindestens ein Dutzend Schwellenländer (überwiegend in Asien) ein enormes Wirtschaftswachstum erlebt und Hunderte Millionen sind aus der Armut in die Mittelschicht aufgestiegen. "Aber im selben Zeitraum ist es etwa 30 Entwicklungsländern, vor allem im subsaharischen Afrika, nicht gelungen, ein beständiges Wirtschaftswachstum zu erzeugen. Trotz aller Hilfen haben sich manche sogar zurückentwickelt." (S. 60) Eine Studie der Weltbank belege, dass mehr als 85 Prozent der Fördergelder für andere Zwecke verwendet wurden als ursprünglich vorgesehen, oft umgeleitet in unproduktive oder gar groteske Projekte (S. 74). Obwohl die Auflagen ignoriert und unverblümt missachtet worden seien, wurde weiterhin Entwicklungshilfe geleistet. "Oft genug also spielten Konditionalitäten, obwohl ein zentraler Teil der Entwicklungshilfevereinbarungen, in der Praxis kaum eine Rolle."

Gute Absichten, fatale Folgen

Auch da, wo die Gelder für an sich sinnvolle Projekte verwendet werden, werden die kurzfristig positiven Folgen von negativen Langzeitfolgen konterkariert, wie die Autorin an folgendem Beispiel zeigt: Es gibt in Afrika einen Hersteller von Moskitonetzen, der 300 Netze pro Woche produziert. Er beschäftigt zehn Arbeiter, von denen jeder bis zu 15 Angehörige mit seinem Lohn mitversorgen muss. Das ging gut, bis ein Hollywood-Schauspieler dafür mobilisierte, eine Million Dollar für 100.000 Moskitonetze zu sammeln, um den Menschen in Afrika zu helfen. Kurzfristig eine gute Sache, aber ohne die Folgen zu bedenken: "Durch die Netze, die den Markt überschwemmen, wird der einheimische Hersteller aus dem Markt gedrängt. Seine zehn Angestellten müssen sehen, wo sie bleiben, können ihre Familienangehörigen nicht mehr unterstützen. Alle sind nun auf Almosen angewiesen. In spätestens fünf Jahren sind die meisten der importierten Netze beschädigt, zerrissen und nicht mehr zu gebrauchen." (S. 81) Die Autorin spricht von einem Mikro-Makro-Paradoxon. Eine kurzfristig effektive Intervention bewirke oft genug keine nachhaltige Langzeitverbesserung. "Es gibt nur einen Maßstab, dem die Entwicklungszusammenarbeit genügen muss: ob sie zu langfristigem, nachhaltigen Wachstum und zur Reduktion der Armut beigetragen hat. Und da sieht es düster aus." (S. 81) Die Autorin zitiert zahlreiche wissenschaftliche Studien, die zu dem Ergebnis kommen, dass die Entwicklungshilfe insgesamt nichts zum Wachstum beigetragen, sondern dieses sogar gehemmt habe. "Zwischen 1970 und 1998, der Zeit der höchsten Entwicklungshilfeleistungen an Afrika, stieg die Armut auf dem Kontinent von elf auf unglaubliche 66 Prozent. Das sind ca. 600 Millionen Afrikaner, die im Armutssumpf gefangen sind." (S. 83)

Entwicklungshilfe nährt Korruption

Die Erfahrung zeige, dass ausländische Hilfszahlungen korrupte Regierungen stützen, indem sie sie mit frei verfügbarem Geld unterstützten. Diese korrupten Regierungen blockierten die Rechtsstaatlichkeit, die Etablierung von transparenten politischen und zivilgesellschaftlichen Institutionen, den Schutz der bürgerlichen Rechte. "Dadurch machen sie zugleich einheimische wie ausländische Investitionen in ihren armen Ländern unattraktiv... In einem Umfeld hochgradiger Korruption und Unsicherheit werden weniger Unternehmer (einheimische wie ausländische) das Risiko eingehen, ihr Geld in Unternehmen zu investieren, wenn korrupte Staatsbedienstete auf die Erträge Ansprüche erheben. Das führt zur Stagnation der Investitionen und würgt letztlich das Wachstum ab." (S. 87 f.) Denn die korrupten Staatsangestellten entscheiden nicht im Interesse des Allgemeinwohls als vielmehr nach Maßgabe möglicher Selbstbereicherung.

Große Summen an Hilfsgeldern und eine Kultur der Entwicklungshilfe-Abhängigkeit ermutigten die afrikanischen Regierungen zudem, die unproduktiven öffentlichen Sektoren weiter aufzublähen - was auch nur eine Art sei, Günstlinge zu belohnen (S. 108). Entwicklungshilfe, dies werde durch zahlreiche Studien belegt, störe die Entwicklung, "weil das Geld letztlich immer in den Taschen einiger weniger lande" (S. 109).

Alternative: Der asiatische Weg

Schon 2002 erkannte der damalige Präsident von Senegal, Abdoulaye Wade: "Ich habe noch nie erlebt, dass sich ein Land durch Entwicklungshilfe oder Kredite entwickelt hat. Länder, die sich entwickelt haben - in Europa, in Amerika; oder auch in Japan oder asiatische Länder wie Taiwan, Korea und Singapur -, haben alle an den freien Markt geglaubt. Das ist kein Geheimnis. Afrika hat nach der Unabhängigkeit den falschen Weg gewählt." (S. 204) Die Autorin teilt diese Ansicht und plädiert dafür, dass Afrika von den positiven Erfahrungen asiatischer Länder lernen solle.

Die Autorin fordert, dass die westlichen Länder - nicht auf einen Schlag, aber in zügigen Schritten - die Entwicklungshilfe einstellen sollten. Erst das schaffe die Voraussetzung für eine Lösung der Probleme in Afrika. Entscheidend sei es, dass die afrikanischen Länder marktwirtschaftliche Systeme etablierten und lernten, die internationalen Anleihemärkte zur Finanzierung zu nutzen. Zudem könne die Ausweitung von Mikrokrediten einen Beitrag leisten, die Probleme zu lösen.

Meine Meinung: Die Autorin hat den Finger auf einen wunden Punkt gelegt. Man kann nicht so weitermachen wie in den letzten 50 Jahren und dann andere Ergebnisse erwarten. Richtig ist, dass korrupte Systeme und wirtschaftliche Unfreiheit, die durch die Entwicklungshilfe gestützt und befördert werden, eine wesentliche Ursache für die wirtschaftlichen Probleme sind. Schaut man auf die regelmäßig von der Heritage-Foundation erstellte Liste der wirtschaftlich freien und unfreien Länder, dann fällt auf, dass die afrikanischen Länder ganz unten im Ranking angesiedelt (also wirtschaftlich besonders unfrei) sind, während die aufstrebenden asiatischen Länder marktwirtschaftlich orientiert sind.

Doch lässt sich das asiatische Modell einfach auf Afrika übertragen? Oft fehlen in Afrika staatliche Strukturen und entwickelte Institutionen. Und die kulturellen Werte - in vielen asiatischen Ländern herrscht ein sehr hohes Arbeitsethos, der dem von Europäern weit überlegen ist - sind neben der wirtschaftlichen Freiheit eine weitere sehr wichtige Rahmenbedingung für wirtschaftliches Wachstum. Ich vermute, die Etablierung von marktwirtschaftlichen Strukturen ist zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung, um die Probleme Afrikas zu lindern.

Schön wäre es, wenn sich kein Politiker mehr zum Thema "Afrika" oder "Beseitigung von Fluchtursachen" äußern würde, ohne zuvor dieses Buch zu lesen. Leider ist auch das natürlich eine Illusion.

20 Rezensionen und Interviews zu Zitelmanns neuem Buch "Psychologie der Superreichen" (jetzt auch auf der Bestseller-Liste des manager-magazins) finden Sie hier: http://psychologie-der-superreichen.de/presse/

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Kommentare

Korruption und Armut sind schon da. An Krankheit und Krieg wird intensiv gearbeitet.

Jeder der die in diesem Land allgemein zugänglichen Medien aufmerksam verfolgt und klar denken kann dem war und ist all das benannte sinngemaess schon lange bekannt und klar.

Dafür muss man weder in Harvard studiert oder in Oxford promoviert habe und dafür muss man auch nicht bei der Weltbank oder Goldman Sachs abgehangen haben.

Nur einiges an Ursachen fehlt in dieser Buchbesprechung.
Aber vielleicht steht das ja im gesamten Buch noch mit drin.
Ich bin seit über 30 Jahren in der Entwicklungshilfe tätig und kann die Aussagen von Dambisa Moyo nur bestätigen. Kein Land in dem ich seit den 80 er Jahren gearbeitet habe hat sich, auch nur in geringster Art und Weise, in einem positiven Sinne entwickelt. Hingegen stopfen sich die Eliten dort und hier die Taschen voll. Und natürlich ist das eine Illusion das Geld, egal in welcher Höhe und in welcher Bezeichnung, irgendetwas ändern könnte.

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