DAX-0,46 % EUR/USD+0,50 % Gold+0,56 % Öl (Brent)-1,06 %

Umverteilung Armuts- und Reichtumsbericht
Armut als politischer Kampfbegriff

Gastautor: Rainer Zitelmann
12.04.2017, 16:37  |  1248   |   |   

Das Kabinett verabschiedet heute den Armuts- und Reichtumsbericht. Schon jetzt kann man vorhersehen, dass Politik und Medien eine erschreckende Zahl von Armen beklagen und noch mehr Umverteilung fordern. Doch der offizielle Armutsbegriff ist unsinnig.

Meist wird in der öffentlichen Debatte „Armut“ mit der „Armutsgefährdungsquote“ gleichgesetzt. Diese ist laut der offiziellen Definition des Statistischen Bundesamtes „ein Indikator zur Messung relativer Einkommensarmut und wird definiert als der Anteil der Personen, deren Äquivalenzeinkommen weniger als 60% des Medians der Nettoäquivalenzeinkommen der Bevölkerung (in Privathaushalten) beträgt“.

Eine absurde Definition
Wie absurd diese Definition ist, sieht man an der logischen Folgerung: Je reicher wir werden, also je stärker das Durchschnittseinkommen steigt, desto mehr Arme gibt es laut dieser Formel. Ein Sinken des Durchschnittseinkommens (bzw. des Medians) hätte umgekehrt zur Folge, dass es weniger Arme gibt. Demnach müsste es politisch wünschenswert sein, dass die Durchschnittseinkommen sinken, damit es weniger Arme gibt. Das ist bekanntlich der sozialistische Weg zur Armutsbekämpfung.

Umverteilung auf Rekordniveau
In Wahrheit hat sich der Begriff „Armut“ zum politischen Kampfbegriff entwickelt. Es geht darum, noch mehr staatliche Umverteilung zu begründen. Dabei ist diese ohnehin auf einem Rekordniveau in Deutschland. Eine aktuelle Studie der OECD ergab, dass – mit Ausnahme von Belgien – in keinem anderen Land dem Bürger so viel vom Staat weggenommen wird wie in Deutschland. Ein Lediger muss die Hälfte seines Bruttoeinkommens für Steuern und Sozialabgaben berappen. Den Umverteilern ist das nicht genug. Sie wollen die Steuern noch stärker anheben und SPD, Grüne und Linke fordern, jetzt auch noch die Selbstständigen in die maroden Sozialversicherungssysteme zu zwingen.

Und die „Reichen“?
Zunächst: Wer ist reich? Hier habe ich eine Überraschung für Sie: Wahrscheinlich sind die meisten Leser dieses Beitrages reich, denn nach offizieller Definition ist derjenige reich, der 200% des mittleren Nettoäquivalenzeinkommens (Medien) hat.
Die Klage über die Armut wird meist verbunden mit der Forderung, die „Reichen“ sollten „endlich einmal auch etwas beitragen zur Solidarität“. In Wahrheit zahlen die am besten verdienenden 1% der Bevölkerung bereits heute 22% der Einkommensteuer. Zudem sprudeln die Steuereinnahmen so stark wie noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik. Der Staat ist ein Nimmersatt und kann nie genug bekommen. SPD, Linke und Grüne fordern lautstark, dass die Steuern erhöht werden – vor allem für die von ihnen angefeindete Gruppe der Vermögenden. In Wahrheit handelt es sich dabei vor allem um Unternehmer, denn die meisten „Reichen“ sind durch Unternehmertum reich geworden. Hilft man den Armen, wenn man die Unternehmer noch stärker zur Kasse bittet?

Ursachen der Armut werden nicht bekämpft
Ja, es gibt arme Menschen in Deutschland. Und dies, obwohl es eine geradezu gigantische Wohlfahrtsindustrie gibt, die diesen Menschen helfen soll. Tatsächlich geholfen hat diese Industrie jedoch vor allem den dort Beschäftigten. Schon 2013 zeigte René Zeyer in einem bemerkenswerten Buch (http://www.empfohlene-wirtschaftsbuecher.de/2014/08/armut-ist-diebstah ...), dass von den Milliarden, die der Staat angeblich für Arme ausgibt, weniger als die Hälfte bei den Betroffenen, also den Armen, ankam. Das erinnert an die weltweite Entwicklungshilfe, von der auch der größte Teil nicht bei denen ankommt, denen geholfen werden soll. Trotz der Millionen Menschen, die in der Sozialverwaltung und der Wohlfahrtsindustrie tätig sind, nimmt die Zahl der Armen, wie auch immer man sie messen mag, zu und nicht ab.
Was würde den wirklich Armen helfen? Vor allem mehr Bildung. Denn alle Studien zeigen, dass es einen starken Zusammenhang zwischen Bildung und Einkommen gibt: Die Arbeitslosenquote bei Menschen ohne Ausbildung liegt bei 19,5 Prozent, bei Menschen mit Hochschulabschluss bei 2,5%. Wer keine Ausbildung hat, verdient in seinem gesamten Leben 460.000 Euro, wer eine Universität besucht hat, mehr als das Doppelte (990.000 Euro).
Doch während die Schulen verrotten und das Bildungssystem völlig veraltet ist, fließen Milliardenbeträge in Sozialsysteme, die so ineffizient sind, dass sie längst pleite wären, wenn es sich um private Unternehmen handelte, die sich im Wettbewerb bewähren müssten. Die hohen Sozialabgaben, die ein Hauptgrund für das oben zitierte Ergebnis der OECD-Studie sind, werden natürlich nicht niedriger, wenn die Politik aus „Gerechtigkeitsgründen“ das Rentenalter („Rente mit 63“) heruntersetzt, statt es nach oben an die gestiegene Lebenserwartung der Menschen anzupassen.

25 Besprechungen + Interviews zu Zitelmanns neuem Buch "Psychologie der Superreichen": http://psychologie-der-superreichen.de/presse/. Im März erstmals auf der Bestellerliste vom manager-magazin.

Schreibe Deinen Kommentar

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren. Anmelden | Registrieren

 

Kommentare

@ Zirkusboxer:

Reichtum hat in erster Linie nichts mit Erbschaft zu tun. Reichtum geht einher mit Können, Leistungswillen und vor allem mit Disziplin.

Können/Wissen: Hat Rainer Zitelmann schon belegt. Als Beispiel kann das Schulsystem in Berlin herangezogen werden. Wobei mir die angegebenen Einkommenssummen etwas niedrig erscheinen.

Leistungswillen: Internationale Firmen haben immer noch Probleme in gewissen Gegenden Fuß zu fassen, da die Arbeitsmentalität Probleme bereitet. Wenn nur gearbeitet wird, wenn man Geld braucht, dann lässt sich damit keine strukturierte Fabrik in die Höhe ziehen.

Disziplin: Vermögen wird nur mehr, wenn man weniger ausgibt, als man einnimmt. Dabei spielt zuerst einmal die Höhe der Einnahmen eine untergeordnete Rolle. Aber je größer die Differenz wird, umso schneller der Vermögenszuwachs. Und diese Differenz kann man sowohl durch Einkommenszuwachs als auch durch Ausgabenminderung erhöhen. Und auch genau diese Disziplin ist es, die einem an der Börse erfolgreich sein lässt.

Wenn man diese Dinge beherzigt, hat vielleicht Erbschaft doch was mit Reichtum zu tun. Denn Erblasser, grad von Unternehmen schauen sich in der Regel ihre Erben genau an und hinterlassen es meist dem, der über die nötigen Qualifikationen zu einer erfolgreichen Weiterführung besitzt. Und meist werden diese durch die entsprechende Erziehung und Förderung durch ein intaktes Elternhaus vermittelt. Wohlstand ist also harte Arbeit, für Eltern und Kinder. Nicht jeder ist dafür geeignet, und nicht jeder will das. Viele, die unter einer Brücke schlafen, wollen ihr Leben so. Es ist nicht schlechter oder besser und ich werde keine Wertung über irgendein Lebensmodell abgeben. Jeder Erwachsene ist für sein Leben selbst verantwortlich, und was dessen Eltern in der Erziehung versäumt haben, kann jeder Erwachsene selbst an sich nachholen. Und jeder hat das Leben, das er führt. Wollte er wirklich andere Umstände, so würde diese ändern.
Wer immer neidisch auf die Erbschaften anderer blickt, sollte sich zuerst einmal bei seinen Eltern beschweren.
Abgesehen davon halte ich es für sonderbar, wenn immer die Globalisierung und die Weltoffenheit Deutschlands beschworen wird, aber dann plötzlich bei der Armutsberechnung explizit auf den deutschen Grenzen verwiesen wird. Schon bei Betrachtung auf EU-Ebene dürften aus den Armen Deutschland plötzlich viele Wohlhabende werden und bezogen auf diese Weltenkugel gibt es nicht einen Armen mehr in Deutschland. Wie das?
Vergleicht man z.B. unser System mit dem der 50iger Jahre, so fällt auf, dass heute jeder krankenversichert ist, jeder ein Mindesteinkommen hat, welches über die Sozialleistungen finanziert wird. Es gibt ein funktionierendes Gesundheitssystem, das JEDER nutzen kann, jeder ist mobil, sei es durch flächendeckendem öffentlichem Personenverkehr oder privatem KFZ. Zudem ist jeder Kleinwagen heutzutage komfortabler und sicherer als eine Oberklassenlimosine der 50iger und 60iger Jahre. Selbst elektrisch betriebenen Fahrräder suchen seinesgleichen. Das Pflegesystem ist bestens ausgebaut und jedem Alten kann die notwendige Pflege gewährt werden. Es verhungert niemand in D und nicht einmal zu dieser Sorge besteht Anlass. Wir haben ein heutzutage ein Informtionsangebot, das vielfach kostenlos ist und explizit allen zur Verfügung steht. Mehr oder weniger alle Menschen sind immer und überall erreichbar, der Katastrophenschutz und die Rettungskette springt innerhalb von Minuten an. Obdachlose haben ein Recht auf eine eigenen Wohnung.
Wenn ich also all diese Dinge zusammenzähle, dann komme ich zu dem Fazit, dass es in Deutschland keine armen Menschen mehr geben kann. Selbst als Flüchtling wird man beser alimentiert, als man es in der jeweiligen Heimat je hätte erarbeiten können. Gerchterweise sollte man daher die Messlatte mindestens auf EU-Ebene anlegen oder sogar auf Weltebene. Dann wird vielleicht aus bewusst, wo die wirklichen Probleme liegen.

@Zirkusboxer:
bei allem, was man am offiziellen armutsbegriff und -bericht kritisieren kann, muss man halt auch erwähnen, dass der autor hier im prinzip ein invertierter christoph butterwegge ist: ein privilegienverfechter, wie er im buche steht.

das fängt ja schon bei so "kleinigkeiten" an, wenn hier der beitrag der "reichen" zum steueraufkommen vorgerechnet wird, dabei aber ganz unschuldig nur die direkten und nicht die indirekten steuern berücksichtigt werden. und weitgehend vernachlässigt wird ja dann auch die zunehmende ungleichverteilung, die ja immerhin mit dem (zugegeben suboptimalen) armutsbegriff schon sehr gut ausdrückbar ist. reichtum wird eben vererbt - und dadurch kann von "chancengleichheit" keine rede mehr sein. selbst christian lindner hat das mittlerweile kapiert und fordert eine entsprechende reform der erbschaftssteuer. im gegensatz zu der goldbelöffelten, interessengeleiteten einseitigkeit des autor dieses artikels ist der mann ein ausbund an sympathie.

Disclaimer

Weitere Nachrichten des Autors

Titel
Titel
Titel