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Buchtipp Die bundesdeutsche Linke der 70er Jahre

Gastautor: Rainer Zitelmann
15.04.2017, 23:59  |  2437   |   |   

Gunnar Hinck, Wir waren wie Maschinen. Die bundesdeutsche Linke der siebziger Jahre, Rotbuch Verlag, Berlin 2012, 464 Seiten.

Selten habe ich ein Buch zur deutschen Nachkriegsgeschichte gelesen, aus dem ich so viel Neues und Interessantes gelernt habe wie aus diesem. Und das, obwohl meine politische Einstellung eine andere ist als die des Autors, der seine Urteile aus einer linken Sichtweise fällt. 

Stärker als die 68er
Es handelt von den verschiedenen Gruppen, die weit links von der SPD standen und deren Bedeutung bis heute massiv unterschätzt wird, obwohl viele Personen in Politik, Medien und Wirtschaft durch sie stärker geprägt wurden als durch die 68er-Bewegung, die in aller Munde ist.

Die Zahl der Anhänger der linksextremen Gruppen – Maoisten, Moskautreue, Trotzkisten, Spontis usw. – war deutlich höher als die Zahl der aktiven 68er-Studenten, worauf bereits Gerd Koenen in seinem wichtigen Buch „Das rote Jahrzehnt“ hingewiesen hat. Hinck schätzt, dass die Gesamtzahl derjenigen, die zu irgendeinem Zeitpunkt in den 70er Jahren zum Umfeld dieser linksextremen Szene gehörten „vorsichtig geschätzt auf rund 200.000 bis 250.000“ zu beziffern sei (S. 41). Da gab es den KBW (der allein etwa 20.000 Mitglieder und aktive Sympathisanten hatte), die KPD/ML und andere ML-Gruppen, die DKP mit ihren Vorfeldorganisationen, Sponti-Gruppen wie den RK (Revolutionärer Kampf) und diverse trotzkistische Organisationen.

Zahlreiche Spitzenpolitiker der Grünen wurden in maoistischen K-Gruppen sozialisiert – so etwa Winfried Kretschmann, Antje Vollmer, Jürgen Trittin, Krista Saager, Ralf Fücks oder Reinhard Bütikofer. Fast der gesamte Führungszirkel des „Revolutionären Kampfes“ (Daniel Cohn-Bendit, Joschka Fischer, Tom Koenigs u.a.) schloss sich den Grünen an, ebenso wie ehemalige Trotzkisten (Andrea Fischer, Kerstin Müller) (S. 160, 350). Ob im Auswärtigen Amt, in der Wirtschaft, in Medien – der Autor nennt zahlreiche Belege für Personen, die in den 70er Jahren in linksextremen Organisationen sozialisiert wurden und heute Führungspositionen begleiten. Der ehemalige Chefredakteur der „Welt“, Thomas Schmid, war einer der radikalsten Aktivisten im „Revolutionären Kampf“ und der ehemalige Chefredakteur des „Handelsblatt“, Bernd Ziesemer, war Funktionär der maoistischen KPD/AO. Die beiden Letztgenannten gehören zu denen, die ihre politischen Positionen um 180 Grad geändert haben – und dennoch zeigt der Hinck, dass auch bei ihnen Prägungen durch diese Zeit eine Rolle spielen. Ich kann das auch für mich selbst bestätigen; ich war in den 70er Jahren Gründer einer Roten Zelle und Anhänger der KPD/ML.

Legenden über 68
Warum wurde dieser Szene bislang – im Vergleich zu den 68ern - so wenig Beachtung geschenkt? „Ginge es logisch zu, müsste es demnach breite öffentliche Beschäftigung mit den 70er Jahren und weitaus weniger Interesse für ’68 geben. Das Gegenteil ist der Fall. Über die Studentenrevolte ist inzwischen wohl (fast) alles gesagt, gedacht und erforscht worden… Den Gruppierungen der 70er Jahre wird gemessen an deren Bedeutung hingegen nur wenig Beachtung geschenkt.“ (S. 15)

Dafür gibt es viele Gründe. Die 68er werden bis heute verklärt und es ranken sich um sie – wie der Autor überzeugend anhand vieler Beispiele zeigt – unzählige Legenden, die einer genaueren Nachprüfung nicht standhalten. Die 68er haben ihre Geschichte selbst geschrieben und idealisiert. Hinck merkt an, dass es außer den 68ern keine andere Kohorte in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts gegeben habe, der es gelungen sei, „ihre eigene historische Deutung gleich selbst mit zu übernehmen“ (S. 121). Das Geheimnis der fortwährenden Faszination für das Jahr 1968 sei gerade seine Ambivalenz. „Jeder kann darin finden, was er finden möchte.“ (S. 16) „68“ ist im Mainstream der Bundesrepublik „offensichtlich sexy“ (S. 17), man erinnert sich lieber daran als an die prägenden 70er Jahre. „Vor die Wahl gestellt, ist es natürlich attraktiver, sich seiner Zeit als 68er-Rebell in Westberlin oder Adorno-Schüler in Frankfurt am Main zu erinnern (oder sich zu stilisieren), als über die anschließende Funktionärsarbeit in kargen Hinterzimmern, die Verantwortung für schmallippig verfasste Kampfschriften gegen den Klassenfeind oder das Liebäugeln mit der Gewalt Auskunft zu geben.“ (S. 15)

In der Tat eignen sich all die maoistischen und sonstigen revolutionären Gruppen nicht für eine Legendenbildung. Man kann das, wofür sie standen, nicht so einfach umdeuten wie die 68er-Bewegung, die heute als legitimer Protest gegen eine angeblich verdrängte NS-Geschichte, gegen den Vietnamkrieg und gegen „verkrustete Strukturen“ der Universitäten und der bundesrepublikanischen Gesellschaft insgesamt idealisiert wird. Ein Verdienst des Autors ist es, dass er viele diese 68er-Legenden anhand von zahlreichen Fakten zerpflückt. 

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