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Gigaset: Die Neuausrichtung zahlt sich aus

24.04.2017, 06:45  |  6074   |   

2016 macht Gigaset einen Umsatz von 281,9 Millionen Euro. Die Gesellschaft meldet einen Gewinn von 4,3 Millionen Euro, das ist eine Verbesserung um mehr als 26 Millionen Euro. Im Gespräch mit unserer Redaktion erläutern die Vorstände Hans-Henning Doerr und Klaus Weßing die Zahlen und die aktuelle Entwicklung. Sie sprechen über die Strategie bei Gigaset sowie über die ersten Reaktionen auf das neue Smartphone GS160. Die Beziehungen zur Goldin-Gruppe sind ebenso Thema in dem Interview, das in Zusammenarbeit mit www.4investors.de entstanden ist, wie die Zukunft der Schnurlos-Telefone.

 

 

Am Freitag haben Sie Ihre Zahlen für das Geschäftsjahr 2016 veröffentlicht. Wie beurteilen Sie diese?

 

Hans-Henning Doerr: Im vergangenen Jahr galt es für uns, zahlreiche Herausforderungen zu meistern. Rückblickend zeigt sich jedoch, dass sich die konsequente Umsetzung der operativen Neuausrichtung des Unternehmens auszahlt. Unsere Kosteneinsparungen haben gegriffen und wir konnten das Ergebnis aus dem Kerngeschäft vor planmäßigen Abschreibungen um 136 Prozent auf 25,0 Millionen Euro steigern. Auch unser Free Cashflow ist mit 7,2 Millionen Euro erstmals seit 2011 wieder deutlich positiv. Sicherlich, das Kerngeschäft mit Schnurlostelefonen bleibt anhaltend herausfordernd und der Konzernumsatz reduzierte sich auf 281,9 Millionen Euro, aber viel wichtiger für die Zukunft von Gigaset ist es, dass wir in einem Jahr, das vor allem durch den Umbau des Unternehmens gekennzeichnet war, dennoch einen operativen Turnaround realisieren konnten – maßgeblich durch die Stabilisierung des Kerngeschäfts und die Reduktion laufender Kosten. Das stimmt uns auch positiv hinsichtlich unseres Ausblicks für 2017.

 

Gigaset hat in der zweiten Jahreshälfte 2016 operativ Schwung aufgenommen. Konnten sie den Schwung in die ersten Monaten 2017 mitnehmen?

 

Hans-Henning Doerr: Wir haben unsere Prognosen und Ziele in 2016 erfolgreich getroffen. Als wichtigen Erfolgsbaustein haben wir die Restrukturierung erfolgreich umgesetzt, vielmehr noch aber gleichzeitig begonnen, unser Geschäft effizienter und profitabler zu gestalten – z.B. mit Blick auf unseren Produktmix und unsere Margen. In vielen europäischen Regionen haben wir im Kerngeschäft Marktanteile gewinnen können. Entsprechend konnten wir eine positive Entwicklung der entscheidenden Kennzahlen zum Jahresende vorlegen. Den Schwung konnten wir vor allem in den Bereichen Consumer Products und Business Customers auch ins erste Quartal 2017 mitnehmen, das sich für uns zufriedenstellend gestaltet. Konkrete Zahlen werden wir Ende Mai publizieren.

 

Die operativen kurzfristigen Erfolge von Gigaset kommen am Markt gut an, wie sieht es aber mit der mittelfristigen Entwicklung von Gigaset aus? In den letzten Jahren wurden eine Reihe neuer Geschäftsfelder angekündigt, die jedoch nicht den erhofften Erfolg lieferten.

 

Hans-Henning Doerr: Sie werden von uns keine vollmundigen Ankündigungen hören. Wir werden, wie jetzt für das Geschäftsjahr 2016, erst an die Öffentlichkeit gehen, wenn wir erfolgreich umgesetzt haben. Unsere Position hat sich über das letzte Jahr erheblich verbessert. Dies beruht auf vier Gründen: Die neuen Geschäftsbereiche Business Customers und Home Networks sind inzwischen so groß, dass ein durchaus realistischer Gesamtanstieg in diesen Bereichen in Höhe von z.B. 15 Prozent einen möglichen Rückgang bei Consumer Products von z.B. 4 Prozent kompensieren kann. Der Abwärtstrend ist entsprechend gestoppt. Mit der Verschiebung unseres Geschäftsmodells von Consumer Products hin zu neuen Bereichen erhöht sich unsere Margen-Qualität, weil wir im Business Customers Bereich mehr Geld verdienen als im Consumer Products Bereich. Aufgrund des in 2017 fortgeführten Kostensenkungsprogramms sind wir zudem in der Lage, in der derzeitigen Struktur erheblich operativ Cash zu genieren. Und zuletzt, mit diesem operativen Cash ist Gigaset in der Lage, über 20 Millionen Euro jährlich in die Entwicklung und Vermarktung neuer Wachstumsfelder zu investieren. Gigaset ist also strategisch gut aufgestellt, neue Wachstumsfelder zu erschließen. Wir arbeiten an einer Reihe dieser Wachstumsfelder und werden darüber berichten, wenn wir Erfolge vorweisen können.

 

Mitte Dezember 2016 hat Gigaset mit dem GS160 ein Telefon für das Einstiegssegment an den Markt gebracht. Wie entwickeln sich die Verkaufszahlen seitdem?

 

Klaus Weßing: Im ersten Quartal 2017 haben wir uns mit unserem neuen Smartphone, dem GS160, noch in einer Ramp-up Phase befunden. Es galt, das Produkt zu positionieren, die Retail- und Online-Kanäle zu befüllen und die Internationalisierungsstrategie für das neue Smartphone festzulegen. Gleichzeitig mussten wir durch verschiedene Marketingmaßnahmen erst einmal für Awareness sorgen mit Blick auf das Produkt und in unserem Fall auch die Kategorie. Gemessen an diesen Herausforderungen sind wir mit den Abverkäufen im ersten Quartal zufrieden – sie befinden sich im Plan. Spannend wird es für uns ab dem zweiten Quartal 2017. Ab hier erwarten wir uns deutliche Umsatz-Zuwächse, was sich auch in unserem Ausblick für 2017 manifestiert hat. Wir erwarten eine Steigerung des Umsatzes gegenüber 2016 im unteren zweistelligen Millionenbetrag durch das neustrukturierte Smartphone Geschäft.

 

Das Innenleben des GS160 hat in Tests wie zum Beispiel in der Computerbild oder beim Stern nicht besonders gut abgeschnitten. Wie beurteilen sie die Kritik?

 

Klaus Weßing: Für uns ist Qualität und die Zufriedenheit der Kunden sehr wichtig. Entsprechend herrscht bei Gigaset eine Kultur, in der auf jedes Feedback und jede Kritik sehr detailliert eingegangen wird. Mit Blick auf unser GS160 sind die Meinungen der Fachpresse gespalten. Sie zitieren kritische Töne von Computerbild und Stern, ich kann mich auf das Lob von Androidpiloten, Notebookcheck, Guter Rat oder AreaMobile berufen. Sie alle loben unseren Ansatz, ein rundum solides Einsteiger-Smartphone zu einem sehr kompetitiven Preis anzubieten. Entsprechend entscheidet für mich hier das Urteil unserer Kunden. Gemessen an all unseren Verkäufen, ist unsere Retourenquote sehr zufriedenstellend. Ich denke, das spricht für sich, das GS160 trifft den Nerv unserer Kunden.

 

Mitte Dezember des vergangenen Jahres sprach Gigaset von möglichen Kooperationen außerhalb der Goldin-Gruppe. Seitdem ist es ruhig von dieser Seite. Wurden die Pläne wieder beerdigt?

 

Klaus Weßing: Unser GS160 ist das erste Beispiel von einer Kooperation außerhalb der Goldin-Gruppe. Während unsere ersten Smartphones in Kooperation mit der Goldin-Gruppe entstanden sind, sind unsere aktuellen Modelle bereits das Ergebnis der Zusammenarbeit mit anderen Lieferanten.

 

Sollen von ihnen weitere mobile Endgeräte auf den Markt gebracht werden? Welche Pläne bestehen hier?

 

Klaus Weßing: Das ist richtig. Das GS160 ist erst der Auftakt zu einem eigenen Gigaset-Smartphone-Portfolio, das wir 2017 sukzessive auf den Markt bringen werden. Zum Timing möchte ich mich an dieser Stelle noch nicht im Detail äußern, aber es werden zwei weitere Modelle folgen, die andere Preispunkte und Ausstattungsumfänge bedienen werden.

 

In diesem Jahr hat Gigaset neue Schnurlostelefone auf den Markt gebracht. Ist das der Versuch eines Comebacks dieses Bereichs, der eigentlich rückläufig ist und dessen Rückgang durch neue Geschäftsfelder aufgefangen werden sollte?

 

Klaus Weßing: Schnurlos-Telefone stellten auch in 2016 unser Kerngeschäft und wichtigsten Umsatzträger dar. Durch die Umstellung auf IP-Telefonie, die sich sowohl im privaten als auch im geschäftlichen Bereich vollzieht, wurde aus technologischer Sicht frischer Wind in die Produktkategorie gebracht. Mit Produktlinien wie Gigaset GO, das sind hybride Telefone, die analoge und IP-Telefonie unterstützen, oder Gigaset HX, dies sind Mobilteile, die an beliebigen Routern direkt und ohne Basisstation angeschlossen werden können, haben wir unseren Kunden neue Optionen und interessante Angebote geschaffen. Dank diesen technologischen Innovationen und unseren Anstrengungen mit Blick auf Design und Funktionalität haben wir in zahlreichen europäischen Märkten Marktanteile hinzugewinnen können. Wir setzen im Bereich Schnurlos-Telefone auch weiterhin auf Design und Innovation, das ändert jedoch nichts daran, dass wir unsere neuen Geschäftsfelder voranbringen und Gigaset auf breitere Beine stellen müssen.

 

Im Interview im November mit unserer Redaktion hieß es, dass neue Produkte entwickelt werden, die man bisher nicht mit Gigaset in Verbindung bringe. Ist weiterhin ein Einstieg in weitere Geschäftsbereiche geplant?

 

Klaus Weßing: An dieser Aussage hat sich nichts geändert. Unser Ziel ist es, Gigaset mittelfristig auf breitere Beine zu stellen. Wir konnten – obwohl wir uns 2016 mitten in einer Restrukturierung befanden – das Kerngeschäft stabilisieren und die operative Weichenstellung gemäß unserer Strategie in den Wachstumsfeldern Home Networks, Business Customers und Mobile Devices stellen. Als nächsten Schritt werden wir diese Bereiche ausbauen. Hier spielt für uns in 2017 vor allem Business Customers eine wichtige Rolle. Neben all diesen Aktivitäten werden wir aber auch neue Produkte einführen und Kategorien besetzen, in denen wir bisher noch nicht aktiv waren. Mitte 2017 wird es soweit sein, dann werden wir erste Ergebnisse vorstellen.

 

2016 haben vor allem Kosteneinsparungen für Verbesserungen bei den Ergebniszahlen gesorgt. Woher sollen die zukünftigen Gewinnanstiege kommen?

 

Hans-Henning Doerr: Die erfolgreiche Durchführung der Restrukturierungsmaßnahmen spielte eine wichtige Rolle mit Blick auf die Kosteneinsparungen. Diese Maßnahme war im Rahmen des Unternehmensumbaus und der Neuausrichtung auf die heutigen Marktbedürfnisse unerlässlich. Mit Beendigung des Unternehmensumbaus Ende 2017 werden wir einen zweistelligen Millionenbetrag in Euro pro Jahr einsparen. Dies ist eng verbunden mit neuen Investitionsfreiräumen, die wir für unsere zukünftigen Projekte und Themen benötigen. Dank der Einsparungen können wir neue Projekte und Themen angehen, die in 2017ff. sukzessive realisiert werden und zum Ausbau des Umsatzes beitragen werden. Ebenso tragen die Stabilisierung des Kerngeschäfts und der Ausbau von Business Customers und Mobile Devices zum erfolgreichen Umsatzwachstum in 2017 bei.

 

Gigasets Eigenkapitalquote ist sehr gering, zugleich der Aktienkurs deutlich von der Ein-Euro-Schwelle entfernt. Behindert sie das bei einer Verbesserung der Bilanzrelationen, zum Beispiel was mögliche Kapitalerhöhungen angeht?

 

Hans-Henning Doerr: Wir fokussieren uns darauf, operativ Erfolge zu zeigen und den Investoren langfristig Perspektive zu bieten. Wir sind überzeugt, dass sich eine solche Strategie mittelfristig auf den Aktienkurs auswirken wird. Gigaset wird derzeit an der Börse mit 100 Millionen Euro bewertet. Eine erfolgreiche Kapitalerhöhung wird möglich sein, wenn wir den Investoren belegen können, dass sich eine Investition in der Zukunft lohnt.

 

Gigaset

 

Nachdem der Markendeal mit Goldin geplatzt ist, wie hat sich das Verhältnis zu ihrem Großaktionär seitdem verändert?

 

Hans-Henning Doerr: Unser chinesischer Partner hat sich im Sommer 2016 dazu entschieden, das Smartphone Geschäft nicht weiter direkt aufzubauen. Gigaset selbst wird deshalb wie beschrieben ein eigenes Portfolio an den Markt bringen. Insofern war es ein logischer Schritt, die Marke selbst weiterzuentwickeln und nicht in fremden Händen zu belassen. Goldin betätigt sich weiterhin als strategischer Investor für Gigaset.

 

Bekommt Gigaset von Goldin weiter finanzielle Rückendeckung?

 

Klaus Weßing: Unser Ziel als Vorstand der Gigaset AG ist es, dem Unternehmen eine klare Perspektive zu geben und operativ so auszurichten, dass Wachstumschancen ergriffen und der Umsatz mittelfristig gesteigert werden kann. Wir haben Anfang 2016 die Herausforderungen identifiziert und arbeiten seitdem konsequent daran, Maßnahmen auf- und umzusetzen. Die Goldin-Gruppe begleitet uns hierbei strategisch.

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