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Grammer: Die Zahl der Hastor-Gegner wächst

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11.05.2017, 07:00  |  2041   |   

Hastor bemüht sich um eine Übernahme der Kontrolle bei Grammer, das Unternehmen wehrt sich vehement. Die Süddeutschen erhalten im Streit mit der Investorenfamilie kurz vor der Hauptversammlung, terminiert für den 24. Mai, immer größere Unterstützung aus dem Kreis der Aktionäre, der Aktionärsschützer und der Politik. Die Autobranche ist spätestens seit der Auseinandersetzung zwischen Hastor und Volkswagen sehr skeptisch gegenüber der Investorenfamilie. Und so zeichnet sich ab, dass Grammer Aufträge verlieren wird, wenn Hastor wirklich die Kontrolle übernimmt. 

Über die aktuelle Lage wenige Tage vor der Aktionärsversammlung und die Sorge der Kunden des Konzerns haben wir uns mit Grammer-Finanzvorstand Gérard Cordonnier unterhalten.

Redaktion: Die Familie Hastor wirft Ihnen unbefriedigende Profitabilität vor. Zugleich konnten Sie aber mit den Zahlen für 2016 und das erste Quartal einen deutlichen Anstieg der EBIT-Marge verkünden? 

Cordonnier: Wir haben in den vergangenen Jahren hohe Investitionen und Aufwendungen getätigt und damit das Unternehmen zu einem global agierenden, zuverlässigen Partner der Automobil- und Nutzfahrzeugindustrie mit hoher technologischer Kompetenz entwickelt. Diese Strategie zahlt sich nun wie erwartet aus und bietet hohes Potential für eine weitere Steigerung des Unternehmenswertes. Es gibt wenige Unternehmen in Deutschland, denen es gelungen ist, in den letzten Jahren eine vergleichbare Performance und strategische Entwicklung vorzuweisen. Insbesondere im abgelaufenen Geschäftsjahr hat sich Grammer deutlich besser als der Gesamtmarkt und seine Wettbewerber entwickelt. Und auch der Ausblick für die kommenden Jahre stimmt uns sehr zuversichtlich – sofern es nicht zu dem befürchteten Kontrollwechsel kommt. Darüber hinaus spiegelt sich die positive Performance auch im Aktienkurs der Grammer AG wider. 
Weder Cascade noch Halog haben übrigens vor Dezember Zweifel an der Geschäftsentwicklung von Grammer oder den Leistungen des Vorstands und des Aufsichtsrates geäußert. Auf der letzten Hauptversammlung im Mai 2016 hatte Halog noch für die umfassende Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat gestimmt und damit ihre Zustimmung deutlich gemacht, mit der Arbeit der Organe der Grammer AG sehr zufrieden zu sein. Von daher sind die Forderungen der Cascade für uns in keiner Weise nachvollziehbar.

Redaktion: Die Kunden äußern sich besorgt über den Einstieg der Familie Hastor bei Grammer. Ist das berechtigt?

Cordonnier: Über die Familie Hastor kann ich nichts sagen. Ich habe sie nie kennengelernt. Wir bekommen aber mit, dass die großen Automobilhersteller, also unsere Haupt-Kunden, der Familie und ihren Unternehmungen extrem skeptisch gegenüber stehen. In die Öffentlichkeit gedrungen ist das ja durch die Vorfälle im Sommer 2016 rund um VW, als zwei Zulieferer aus der Hastor Gruppe in einer wochenlangen Auseinandersetzung die Lieferungen einstellten und so die Produktion von Volkswagen teilweise zum Stillstand brachten. Auch aus diesem Grund haben unsere Kunden auch öffentlich angekündigt, im Falle eines Kontrollwechsels die Geschäftsbeziehung zu überprüfen.

Grammer

Redaktion: Hastor besitzt zwischen 20 Prozent und 30 Prozent an Grammer. Damit könnten sie auf der Hauptversammlung eine dominierende Stellung einnehmen, oder?

Cordonnier: Laut offizieller Meldung liegt der gemeinsame Anteil bei über 20 Prozent. Es gibt aber auch immer wieder Marktgerüchte, dass der gemeinsame Anteil von Cascade und Halog schon mehr als 25 Prozent betragen könnte. Insofern ist eine starke Position zu erwarten und eine HV Mehrheit nicht völlig ausgeschlossen. Aber wir hoffen auf ausreichende Unterstützung für unsere Strategie durch unsere anderen Aktionäre.

Redaktion: Haben Sie weitere Maßnahmen zur Abwehr der Hastor-Wünsche durchgeführt?

Cordonnier: Wir lassen uns natürlich zu verschiedenen unternehmerischen Sachgebieten extern beraten, das heißt auch zu kapitalmarktrelevanten Themen. Wir bitten um Verständnis, dass wir zu speziellen Beratungsmandaten keine Stellung nehmen können.

Redaktion: Sie haben mit Ningbo Jifeng einen strategischen Partner gefunden, der sich auch als wichtiger Aktionär langfristig bei Grammer etablieren will. Dieser hält inzwischen schon mehr als 11% an der Grammer AG. Das ist fix oder kann da noch etwas schief gehen?

Cordonnier: Das ist richtig, unser strategischer Partner, ein mit dem chinesischen Investor Ningbo Jifeng verbundenes Unternehmen, hat die im Februar begebene Wandelanleihe nun in insgesamt 1.062.467 neue Aktien gewandelt und besaß damit 9,02 Prozent der Anteile an Grammer. Dieser Vorgang kann nicht rückgängig gemacht werden. Die Aktien sind auf der Hauptversammlung stimmberechtigt. Mit offenbar weiter hinzuerworbenen Aktien hält dieses Unternehmen laut der aktuellen Stimmrechtsmitteilung zwischenzeitlich knapp über 11 Prozent.

Redaktion: Häufig werden Investoren aus China kritisch betrachtet. Sie setzen auf Ningbo Jifeng. Warum?

Cordonnier: Wir waren schon seit längerem auf der Suche nach einem strategischen Partner im Automotive-Segment in China und freuen uns mit Ningbo Jifeng in einem längeren Auswahlprozess einen starken Partner gefunden zu haben. Die strategische Allianz wird unsere gemeinsame Wettbewerbsposition als international tätiger Innenraumspezialist verbessern und das zukünftige Wachstum und die Wertsteigerung beider Unternehmen sichern.

Durch die geplante Zusammenarbeit werden beide Unternehmen außerdem ihre Präsenz im wichtigen und attraktiven chinesischen Markt weiter ausbauen und ihr Produktangebot für vorhandene Kunden verbessern können. Ningbo Jifeng unterstützt die Weiterführung unserer erfolgreichen Wachstums- und Innovationsstrategie. Die strategische Allianz ist somit auch für die Sicherung der Geschäftsbeziehungen mit unseren Kunden sehr wichtig. Im Übrigen haben wir schon seit längerem ein Joint Venture im Seating Bereich in China und fahren damit sehr erfolgreich. 

Redaktion: Welche Unterstützung haben Sie bisher aus der Politik erfahren?

Cordonnier: Wir erfahren in dieser für unser Unternehmen schwierigen Zeit glücklicherweise Unterstützung von vielen Seiten, die unsere Unternehmensstrategie unterstützen und mit uns für eine erfolgreiche Zukunft des Grammer Konzerns kämpfen. Im April hat die bayerische Staatssekretärin Ilse Aigner unser Hauptwerk bei Amberg besucht und sich eingehend über das Unternehmen und die aktuelle Lage informiert. Frau Aigner teilt unsere Sorge um die Zukunft von Grammer und die 12.000 Mitarbeiter, sollte die Familie Hastor die Kontrolle übernehmen. Mit ihrem Besuch hat sie sich klar hinter das Unternehmen und die erfolgreiche Strategie des Vorstands gestellt. Aber auch von der Bundespolitik bekommen wir Rückhalt. Morgen wird der Staatssekretär für Wirtschaft und Energie, Matthias Machnig, ebenfalls nach Amberg kommen und sich ein Bild der Lage machen. Ein weiteres wichtiges Zeichen der Solidarität mit Grammer. Und auch die IG Metall und Arbeitnehmervertreter sind besorgt um die Zukunft von Grammer und haben dies in der Öffentlichkeit mehrfach deutlich geäußert.

Redaktion: Wie hat sich der Auftragseingang in den vergangenen Wochen entwickelt?

Cordonnier: Erste Auswirkungen spüren wir bereits: Im Automotive-Bereich hat Grammer bereits jetzt eine Zurückhaltung der Kunden bei der Vergabe von Neuaufträgen festgestellt. Das geht soweit, dass erstmals seit Ende der Wirtschaftskrise 2010 die Auftragseingänge im Automotive-Bereich rückläufig sind. Im Falle einer Kontrollübernahme durch die Familie Hastor in der bevorstehenden Hauptversammlung könnte sich diese Situation noch deutlich verschärfen.

Redaktion: Sie haben die Dividende in diesem Jahr deutlich erhöht. Ein Teil der Abwehrstrategie?

Cordonnier: Für das Geschäftsjahr 2016 werden wir eine Dividende von 1,30 Euro pro Aktie vorgeschlagen. Die Ausschüttungsquote von rund 32 Prozent des Konzern-Jahresüberschusses liegt damit im Rahmen unserer Dividendenpolitik, gemäß der wir 25 bis 35 Prozent des Konzern-Nettoergebnisses als Dividende an unsere Aktionäre.

 

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