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Grüner Fisher "Die totale Erinnerungslücke"

Gastautor: Thomas Grüner
24.05.2017, 17:19  |  1241   |   |   

Sind wir denn wirklich so vergesslich?

Mit beängstigendem Tempo nimmt die Anzahl absurder Diskussionen rund um gesellschaftliche, politische und vor allem wirtschaftliche Themen zu. Man gewinnt zusehends den Eindruck, dass viele Teilnehmer dieser Debatten überhaupt nicht mehr wissen, wovon sie eigentlich reden. Munter wird dabei die eigene Meinung verkündet – unter völliger Ignoranz der Fakten und mit einer geradezu schauerlichen Geschichtsvergessenheit. Meinungsstark? Eher dämlich!

Parallel dazu fürchtet man sich vor Manipulation von Nachrichten, vor den berüchtigten „Fake-News“. Fremde Mächte und deren Geheimdienste sollen uns manipulieren und unsere Gesellschaft destabilisieren. Dabei glauben wir selbst jeden verbreiteten Unsinn und denken nicht mehr selbst nach. Ein paar Beispiele für weit verbreiteten Unfug?

Rekordsteuereinnahmen ohne Steuerzahler?

Ein beliebtes Thema in politischen Talkshows ist die vermeintliche Ungerechtigkeit. Die Reichen zahlen kaum Steuern, der kleine Mann muss dagegen bluten. Die Reichen werden immer reicher, die Schere in der Besitzverteilung öffnet sich. Sozialer Sprengstoff entsteht angeblich. Die Nullzinsen sind von der „Elite“ erfunden worden und belasten die Kleinsparer!

Mit etwas Nachdenken und -rechnen stellt man schnell fest: Bereits auf den ersten Blick ist das natürlich völliger Quatsch. Der überragende Teil der Steuereinnahmen wird von den „Reichen“ aufgebracht. Und natürlich belasten die Nullzinsen auch zu einem überragenden Anteil die vermögenden Anleger, die nun einmal viel Vermögen in Anleihen anlegen. Die Nullzinsen wirken dabei wie eine Vermögensteuer, die den Staat entlastet und reiche Anleger ihrer Zinseinnahmen beraubt.

Äpfel und Birnen vergleicht man gerne

Der Spitzensteuersatz war unter Kanzler Helmut Kohl mit bis zu 56 % deutlich höher als heute mit 42 % + 3 % „Reichensteuer“. Die Reichen wurden mit der Absenkung beschenkt. Dazu bevorteilt die Abgeltungsteuer auch die bösen Aktionäre, die heute einen geringeren und pauschalen Abgeltungsteuersatz zahlen als deren persönlicher Einkommensteuersatz betragen würde. Auch diesen Blödsinn hört man derzeit fast täglich und an jeder Ecke. Die Steuern für vermögende Bürger müssen endlich erhöht werden. Auch hierbei wird die Realität völlig verkannt, die Geschichte komplett vergessen.

Natürlich ist der nominale Spitzensteuersatz heute niedriger als in den 90er Jahren. Auch ist der Prozentsatz der Abgeltungsteuer geringer als der Spitzensteuersatz in der Einkommensteuer. Dieser Vergleich ist aber in der Realität völlig daneben. Kursgewinne auf Wertpapiere waren nach einer Haltefrist von sechs Monaten und später einem Jahr komplett steuerfrei, in beliebiger Höhe! Später gab es das Halbeinkünfteverfahren. Dazu gab es noch bis 1999 Sparerfreibeträge von 12.000 DM für Eheleute. Haben Sie das auch schon alles vergessen?

Wissen Sie überhaupt noch, was Abschreibungen sind?

Abschreibungsmöglichkeiten waren früher wesentlich häufiger und attraktiver als heute. Denken Sie allein an die hohen, degressiven Abschreibungsätze im Immobilienbereich. Damals und anfänglich bis zu 7%. Heute nur noch 2%. Selbst ein überschaubarer Immobilienbesitz hat dazu geführt, dass man selbst bei einem weit überdurchschnittlichen Einkommen überhaupt keine Einkommensteuer mehr zahlte. Sagen Ihnen §§ 7b, oder 10e bei selbst genutztem Wohneigentum noch etwas? Eigenheim- und Kinderzulage? Degressive AfA bei vermieteten Wohnobjekten? Eine Werbungskostenpauschale von bis zu 42 DM pro qm ohne Nachweis? Ansparrücklage für Unternehmer? Alles abgeschafft und vergessen! In der Summe zahlt man daher wesentlich mehr Steuern und Sozialabgaben als früher – trotz gesunkenem Spitzensteuersatz!

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Gastautor

Thomas Grüner ist Gründer und Vice Chairman der Vermögensverwaltung „Grüner Fisher Investments“ mit Sitz in Rodenbach bei Kaiserslautern. Grüner Fisher Investments arbeitet eng mit „Fisher Investments“, einem der größten amerikanischen Vermögensverwalter zusammen. Weitere Informationen unter: www.gruener-fisher.de. Bitte beachten Sie den dort hinterlegten Disclaimer sowie die Nutzungsbedingungen.

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