Strategien Das du-Dilemma in Unternehmen - zwischen Start-Up und Biedermann

21.06.2017, 12:13  |  3826   |   |   

Während andere Branchen wie PR, IT oder Unternehmensberatungen – Start-Ups sowieso –  sich mit ihrer du-Policy brüsten und damit eine Open-Door-Kultur und den Duft von Freiheit etablieren möchten, hält sich die Banken- und Versicherungsbranche noch konservativ-patriarchalisch an den guten alten Ton - und dieser heißt in Deutschland: Distanz, Formalität, Macht, Disziplin – kurz: Sie. Manch einer überschätzt jedoch die Vor- und ignoriert die Nachteile dessen.

Um die Frage nach der „richtigen“ Ansprache sowie die Funktionen einer direkten (du) oder indirekten (Sie) Ansprache in Organisationen wie Unternehmen zu erörtern, bedarf es jedoch einer kleinen Vorgeschichte: Am Anfang war das Wort. 

Sprache steuert Denken und umgekehrt
Was als Erkenntnis erst langsam in Vorstandsetagen und Management sickert, betrifft den expliziten Zusammenhang unseres Sprechens mit dem Denken sowie die Macht der Sprache per se. Sprache setzt Gedanken, Gefühle und uns selbst in Bewegung – in welche Richtung allerdings, hängt vom sprachlichen Ausdruck ab.

Umgekehrt prägt das soziale Umfeld wiederum Sprache mit. Denn Werte, Menschenbilder und Verhaltensmuster schlagen sich in Ausdrucksmustern nieder. Beispielsweise macht es einen Unterschied, ob man von Mitarbeiter oder Belegschaft spricht – während ersteres das Individuum dahinter anspricht, suggeriert letzteres ein abstraktes Kollektiv. Je nach Wort werden demnach kognitiv unterschiedliche Assoziationen bei Sender und Empfänger der Nachricht aufgerufen, die natürlich auf deren Verhalten einwirken. So hat Sprache sehr wohl (auch messbare!) Auswirkungen auf die Performance von Managern oder Unternehmen. Sprachliche Mittel sind ausschlaggebend für die gute Umsetzung von Verhandlungen, Verkaufs- oder Krisengespräche, was diverse Studien, etwa das Kieler Modell zur Analyse von Texten auf Karrierewebseiten, beweisen – eine unglückliche Wortwahl beeinflusst die Wahrnehmung des Tatbestandes durch den Empfänger negativ. 

Funktionen der Ansprache

Der scheinbar minimale Akt der Ansprache ist fundamental für den Aufbau einer bestimmten internen Unternehmenskultur, da mittels dieser auf der Beziehungsebene emotionale Ankerpunkte gesetzt werden. Sprache dient nämlich nicht nur dazu, Informationen auszutauschen, sondern – ganz essentiell – soziale Beziehungen und ganze Bedeutungswelten zu konstituieren. Mit anderen Worten: Mit Sprache handelt man. Schon 1926 wusste Austin, how to do things with words, beispielsweise wird der Akt des Dankens durch das Wort danke verübt, der Akt des Kündigens durch Kündigung. Im privaten Kontext wird durch die Aussage ja, ich will eine Ehe geschlossen. Alle drei Äußerungen verändern die Realität von Sender und Empfänger.

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