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Hürden & Chancen Mehrwertsteuer: Indien strafft sein Steuersystem

23.06.2017, 11:37  |  4307   |   |   

Die aktuelle Situation Indiens wird als vielversprechend bewertet, denn das Kreditwachstum zieht an und der Einzelhandel legt um 15 Prozent zu. Dies könnten Vorboten eines zukünftigen Wachstumskurses sein. Die größte Herausforderung wird die geplante Mehrwertsteuerreform sein, die ab dem 1. Juli 2017 die Steuersätze landesweit vereinheitlichen soll.
 
Am vergangenen Freitag streikten die Stoff- und Textilhändler in der Finanzmetropole Mumbai, denn ihre Waren werden nach dem 1. Juli erstmals von der Mehrwertsteuer betroffen sein. Bislang galt, dass Textilien von der Mehrwertsteuer ausgenommen waren (“Fashionunited”). Gleich 16 Verbände von Textilhändlern haben sich entschieden, sich nicht für die einheitliche Steuer zu registrieren. Laut einer der führenden Organisationen, der Bharat Merchants Chamber, wird sich die Steuer negativ auf die gesamte Branche auswirken. Die Initiative ACTTA sagte, dass ein Großteil der Textilindustrie unorganisiert sei. An den landesweit 4,5 Millionen Webstühlen arbeiten 100 Millionen Menschen mit geringer Bildung, auf die die Steuer negativ zurückfällt. Ferner verteuert die Mehrwertsteuer die Preise für Bekleidung. Einige Bekleidungsmarken warten mit neuen Investitionen vorerst noch ab.        
 
Die Einführung einer Goods and Services Tax (GST), so die offizielle Bezeichnung, gilt als größte Steuerreform seit 1947. Für Außenstehende gleichen bislang die Steuersätze in Indien einem großen Durcheinander. Der Subkontinent ist überzogen mit einem undurchschaubaren Dickicht aus Zoll-, Steuer- und Transportabgaben, die jeder der 29 Bundesstaaten selbstständig festgelegt hat. Hinzu kommen Steuern und Abgaben, die auf Bundesebene anfallen, was den Handel innerhalb des Landes oft sehr kompliziert macht. Das größte Problem des Steuersystems zeigte sich an den Grenzen zwischen den Bundesstaaten des Milliardenlandes: Zu jeder Tages- und Nachtzeit stehen dort Tausende Lastwagen in langen Schlangen.

Eine einheitliche Steuer auf Waren und Dienstleistungen soll die enorme Bürokratie abbauen und den Warenfluss beschleunigen. Spediteure rechnen mit bis zu 50 Prozent weniger Kosten, wenn ihre Lkws nicht an jedem Schlagbaum halten müssen. Der deutsche Berater Tillmann Ruppert (Rödl & Partner) ist sich noch nicht sicher, ob die Kontrollpunkte nun alle verschwinden. "Das wird sich erst zeigen, sobald die Steuer eingeführt ist" (“Süddeutsche”).

Mit der landesweit einheitlichen Mehrwertsteuer sollen Produktionskosten gesenkt und die Wirtschaft angekurbelt werden, so die Gedanken des Finanzministers Arun Jaitley (“ntv”). Darüber hinaus sagen Ökonomen Indien aufgrund der Reform ein zusätzliches Wirtschaftswachstum von bis zu zwei Prozent jährlich voraus. Die neue Mehrwertsteuer könnte Indien zur am schnellsten wachsenden Volkswirtschaft der Welt machen (“Spiegel”). Bernhard Steinrücke, Hauptgeschäftsführer der deutsch-indischen Handelskammer, bewertete im vergangenen Jahr die Pläne der indischen Regierung positiv: „Die einheitliche Umsatz- und Mehrwertsteuer wird für deutsche Firmen in Indien zu einer erheblichen Vereinfachung ihrer Geschäfte führen. Wie in Europa wird der Bundesländer überschreitende Warenaustausch beschleunigt und entbürokratisiert” (“FAZ”). Auch die Automobilbranche rechnet mit Verbesserungen und steigenden Absatzzahlen. In Indien könnten die Autos nicht nur günstiger werden, sondern es wird sich auch der Verwaltungsaufwand für den Verkäufer reduzieren.

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