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Kriminalität im Internet Wie sich Paypal zum Handlanger von Betrügern macht

Gastautor: Roland Klaus
23.07.2017, 13:42  |  8024   |   |   

Die Sache beginnt mit dem Glauben an das Gute und an die Seriosität eines Großkonzerns – und endet in der totalen Ernüchterung. Doch der Reihe nach.

Vor einigen Wochen hatte ich ein Smartphone zu verkaufen. Ich inserierte bei Ebay Kleinanzeigen. „Abholung bevorzugt“ schrieb ich, da ich eigentlich keine Lust auf das Verpacken und Versenden des Geräts hatte. Nur im Notfall würde ich das Gerät auch versichert verschicken. In diesem Fall sei die Bezahlung via Paypal möglich.

Kurz nachdem die Anzeige online gestellt war, meldete sich ein Interessent. Er wollte das Smartphone haben, den verlangten Preis akzeptierte er sofort. Er selbst wohne relativ weit weg, habe aber einen Freund in der Nähe, sagte er mir. Deswegen wolle er über Paypal bezahlen, sein Freund würde das Gerät dann etwas später abholen. Klingt plausibel – also einverstanden.

Wenige Minuten später meldete Paypal per Mail den Eingang des Geldes. Der Käufer hatte die Option „Geld an Freunde und Familie senden“ gewählt, bei dem das Unternehmen explizit dazuschreibt: „Kein Käuferschutz“. Kein Problem, dachte ich mir, ich bin ja der Verkäufer und nicht der Käufer. Und wenn dieser auf seinen Schutz verzichtet, ist das seine Sache. Mir ersparte das sogar ein paar Euro Gebühren, die mi r Paypal ansonsten für den Käuferschutz berechnet hätte. Soweit also alles in Ordnung.

Einige Stunden später klingelte es an meiner Haustür und ein junger Mann holte das Gerät ab. Seinen Ausweis ließ ich mir nicht zeigen, immerhin war das Handy zu diesem Zeitpunkt bereits bezahlt – dachte ich. Wenn ich in einem Geschäft ein Gerät kaufe und bar bezahle, fragt schließlich auch niemand nach meinen Ausweis.

Zwei Wochen später – ich hatte die Sache schon fast vergessen – erreichten mich plötzlich seltsame Mails. Absender: Jener Name, von dem mich die Paypal-Zahlung erreicht hatte. Darin wurde ich aufgefordert, das Geld zurückzuschicken, den man habe bei mir nichts gekauft. Ich antwortete, dass das Handy unter Zeugen übergeben worden sei – und die Sache damit für mich beendet sei.

Kurz danach erreichte mich jedoch eine Mail von Paypal. Darin heißt es, man untersuche eine „Beschwerde aufgrund eines unberechtigten PayPal-Kontozugriffs“. Ich möge dazu bitte Stellung nehmen. Als ich mich bei Paypal einloggte, kam die die Überraschung. Das Unternehmen hatte das erhaltene Geld von meinem Konto wieder abgebucht. „Einbehalten“ heißt es dort. Man untersuche den Fall und ich möge dazu bitte Stellung nehmen. Drei Antwortmöglichkeiten gab mir Paypal vor:

  1. Ich kann einen gültigen Versandbeleg vorweisen
  2. Ich habe die Ware nicht verschickt und werde die Zahlung rückerstatten
  3. Ich habe die Zahlung für diese Transaktion rückerstattet.

 

Keine der drei Optionen traf auf mich zu. Einen Versandbeleg hatte ich nicht, da ich die Ware nicht verschickt hatte. Und die Zahlung würde ich auch nicht erstatten, warum auch? Immerhin hatte ich die Ware ja geliefert.

 

Eine weitere Antwortoption bot mir Paypal nicht an. Also griff ich zum Telefon und rief bei dem Unternehmen an. Nachdem ich den Fall geschildert hatte, antwortete die Mitarbeiterin knapp: „Da haben Sie schon so gut wie verloren“. Ihre Argumentation: Ich hätte die Ware niemals abholen lassen dürfen, da dafür der Paypal-Schutz nicht gelte.

 

Der Besitzer des Accounts, von dem mir das Geld geschickt wurde, habe geltend gemacht, dass er mir das Geld gar nicht selbst geschickt habe. Vielmehr sei sein Konto unberechtigt genutzt worden, um das Geld an mich zu transferieren. Deswegen sei das Geld nun von Paypal einbehalten, um den Fall zu untersuchen. Falls sich dabei ergebe, dass das Konto tatsächlich unbefugt genutzt wurde, werde man mir das Geld endgültig entziehen und an den Besitzer des Accounts zurücküberweisen.

 

Auf meine Frage, ob man mir die Adresse des Account-Besitzers mitteilen würde, damit ich mittels einer Anzeige bei der Polizei prüfen lassen könne, ob der Besitzer des Kontos eventuell doch der Abholer des Smartphones sei, bekam ich ein klares Nein. Da die Transaktion via Paypal „Friends and Family“ vorgenommen worden sei, werde man hier keine Daten herausgeben. Auch der Polizei werde man bei entsprechenden Nachforschungen keine Daten liefern. Peng!

 

Selbst schuld könnte man sagen. Wenn ich vorher tief in den AGBs von Paypal gelesen hätte, hätte ich vielleicht entdeckt, dass dort steht, der Paypal-Verkäuferschutz gelte nicht, „bei Selbstabholung durch den Käufer“. Aber mal ehrlich: Wer liest bei einem Angebot wie Paypal, das für sich wirbt, in erster Linie sicher und einfach zu sein, die kompletten AGBs?

 

Und selbst wenn ich diesen Passus gelesen hätte, wäre ich als Verkäufer im Normalfall gar nicht davon ausgegangen, einen Käuferschutz zu benötigen, da ich das Geld bereits auf meinem Konto hatte. Kein Wort davon, dass es sich bei einem Zahlungserhalt von Paypal offenbar nicht um mehr als eine unverbindliche Mitteilung handelt, möglicherweise Geld erhalten zu haben – zumindest dann wenn die Gegenseite keine kriminelle Energie aufbringt.

 

Damit wir uns nicht missverstehen: Ich will nicht behaupten, keinen Fehler gemacht zu haben. Natürlich hätte ich mich intensiver über die Spielregeln bei Paypal informieren können – auch wenn ich die besagten AGBs enorm kompliziert finde – gerade für ein Unternehmen, dass für sich in Anspruch nimmt, das Bezahlen zu vereinfachen.

 

Aber es ist sehr seltsam, welche offensichtlichen Lücken Paypal in seinem Regelwerk für Kriminelle bietet. Fast scheint es, als mache sich Paypal zum Handlanger für Betrüger. Dass ich nicht der einzige bin, dem es so geht, davon zeugen Dutzende Erfahrungsberichte von geneppten Verkäufern im Internet. Wer so happige Gebühren nimmt wie Paypal (in der Regel zwei Prozent, teilweise jedoch bis zu acht Prozent des überwiesenen Betrags), der sollte hier dringend nachbessern.

 

Wie könnte Paypal den Schutz verbessern? Erstens sollte Paypal sehr viel genauer untersuchen, ob der Account des (vermeintlich geschädigten) Käufers wirklich missbraucht worden ist – oder ob der Käufer und der Abholer nicht viel mehr identisch sind oder zumindest zusammenarbeiten. Paypal behauptet zwar, dass man dies untersuchen würde, aber die Aussage der Paypal-Mitarbeiterin („Da haben Sie schon so gut wie verloren) drängt bei mir den Verdacht auf, dass Paypal sich hier allzu viel Mühe macht. Zumal diese Aussage zu einem Zeitpunkt fiel, zu dem diese Untersuchung (angeblich) noch lief.

 

Zweitens sollte sich Paypal die Historie des Verkäufers genau anschauen. Wenn ein Nutzer (wie in meinem Fall) seit mehr als zehn Jahren zahlreiche Transaktionen über Paypal abwickelt, ohne dass es zu irgendwelchen Beanstandungen kommt, dann ist es meines Erachtens eher unwahrscheinlich, dass er plötzlich zum Betrüger wird. Denn nichts anderes unterstellt Paypal, indem man den Verkäufer auf dem Schaden sitzen lässt.

 

Drittens sollte Paypal sehr viel stärker bei der Aufklärung eines Falls mitarbeiten. Wenn man mir sagt, dass man selbst auf Anfrage der Polizei keine Daten des Nutzers herausgeben werde, dann ist das ein äußerst fragwürdiges Verhalten, das nicht dafür spricht, dass Paypal an einer Reduzierung der Betrugsfälle interessiert ist.  

 

Unter dem Strich hat Paypal deutlichen Bedarf zur Nachbesserung, wenn es den Eindruck vermeiden will, dass es die falschen schützt: nämlich die Betrüger und nicht seine ehrlichen Kunden.

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