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Notizen zum Aktienmarkt VOLATILITÄT, VIX UND MONSTERWELLEN

Gastautor: Dr. Georg Oehm
23.08.2017, 14:27  |  5098   |   |   

Monsterwellen

Die von Nassim Taleb in das allgemeine Bewusstsein gebrachten Schwarzen Schwäne gibt es auch im Bereich der Seefahrt: Dort werden sie Monsterwellen oder auch Kaventsmänner genannt. © Amanda Carden / Shutterstock

 

I. Volatilität

Wertpapiere, die mehr schwanken, weisen ein größeres Risiko auf als Wertpapiere, die weniger schwanken. Grundsätzlich gilt: Bei gleichem Ertrag ist dem Wertpapier mit der geringeren Schwankung der Vorzug zu geben. Das am weitesten verbreitete Maß zur Messung der Schwankungen von Wertpapieren ist die Volatilität. Diese wird aus historischen Börsenkursen errechnet. Andere Einflussgrößen werden nicht berücksichtigt. Ein häufig verwendeter Zeitraum zur Berechnung der Volatilität sind drei Jahre.

Die Anhänger der Effizienzmarkthypothese sind der Auffassung, dass die Volatilität eines Wertpapiers völlig ausreicht, um dessen Risiko zu beurteilen. Denn entsprechend der Effizienzmarkthypothese sind zu jedem Zeitpunkt alle verfügbaren Informationen in die Kursbildung eingeflossen. Informationsvorsprünge einzelner Investoren kann es nach dieser Theorie nicht geben.

Nobelpreisträger Eugene Fama als bekanntester Vertreter der Effizienzmarkthypothese empfiehlt dementsprechend ausschließlich in passive Anlagen zu investieren und dabei zu berücksichtigen, welche Volatilität diese Anlagen aufweisen, um dadurch die Anlage mit den Präferenzen des Anlegers abzustimmen.

II. VIX

Der bekannteste Volatilitätsindex mit der Kurzbezeichnung VIX wird von der Optionsbörse in Chicago berechnet. Der auch als „Angstbarometer“ bezeichnete Index wird manchmal auch als Absicherung eingesetzt und ist ein beliebtes Anlageobjekt bei professionellen Anlegern. Das liegt aber wohl weniger an den Absicherungseffekten, sondern eher daran, dass es fast keine andere Anlage gibt, bei der Kurszuwächse von 50 % am Tag möglich sind. In sehr vielen Fällen handelt es sich beim Kauf weniger um Absicherung. sondern um reine Zockerei.

Beim VIX ist es zu einer auch im langjährigen Vergleich außergewöhnlichen Entwicklung gekommen. Der Index fiel im Sommer dieses Jahres immer wieder auf neue historische Tiefstände.

VIX-Index

Der VIX-Index, das „Angstbarometer“ der Wall Street, sank auf das niedrigste Niveau seit 1993. © FT.com

 

Als Grund hierfür sehen viele Investoren die Geldschwemme der Notenbanken, die zu einer massiven künstlichen Verzerrung aller Vermögenspreise geführt hat. Dies hat den Effekt, dass die Aussagekraft reiner Volatilitätsbetrachtungen beim Risikomanagement abnimmt.

Der erfolgreiche US-Investor Howard Marks, Mitgründer von Oaktree, selbst Milliardär und Verfasser lesenswerter Bücher und Kommentare, sagt dazu: „Valuations are not cheap“. Er sagt nicht, dass deshalb alle Aktien sofort verkauft werden sollten. Aber Vorsicht sei angebracht. Um es mit unseren Worten zu sagen: aktives Sicherheitsmanagement. Das schließt nach Marks ganz besonders die Erkenntnisse der Behavioral Finance mit ein. Schauen Sie sich einfach das absolut sehenswerte Interview auf CNBC dazu an.

Jeffrey Gundlach, an dessen Fonds Doubleline Marks auch beteiligt ist, geht noch einen Schritt weiter und prognostiziert, dass noch in diesem Jahr die derzeit niedrigen Schwankungen von einer Phase mit viel höherer Volatilität abgelöst werden. Wer weiß, ob es so kommt, aber eine Möglichkeit ist es allemal.

III. Monsterwellen

Die von Nassim Taleb in das allgemeine Bewusstsein gebrachten Schwarzen Schwäne gibt es auch im Bereich der Seefahrt: Dort werden sie Monsterwellen oder auch Kaventsmänner genannt. Noch vor wenigen Jahren wurde die Häufigkeit und Größe dieser Monsterwellen systematisch unterschätzt. „Monsterwellen sind Seemannsgarn, davon erzählen Matrosen am Kamin“, wurde fälschlicherweise angenommen.

Satellitendaten und Videoaufzeichnungen veränderten die Einschätzung des Sachverhaltes vollständig. Heute weiß man, dass hunderte Totalverluste von Schiffen nur durch Monsterwellen erklärt werden können. Die Konstruktion der Schiffe wurde verändert, Fahrtgebiete mit besonderer Häufung von Monsterwellen wurden identifiziert und Verhaltensregeln für Kapitäne dafür aufgestellt, was im Falle der Begegnung mit einer Monsterwelle zu tun ist.

IV. Börsencrashs sind auch nichts anderes als Monsterwellen

Die heute in der Seefahrt üblichen Vorsichtsmaßnahmen sind an der Börse derzeit nicht en vogue. Der Mainstream glaubt an die Vorhersagen der Effizienzmarkthypothese: „Keiner weiß mehr als der Markt“, und zusätzlich wird dann noch behauptet, dass aktive Risikovermeidung im Ergebnis ohnehin unmöglich sei.

Das Mantra lautet in der Sprache des Immobilienmarktes etwa so: „Kaufen Sie den Markt. Das sind im Falle des DAX-Index die dreißig teuersten Immobilien, die am häufigsten ge- und verkauft werden.“ Ich habe noch keinen Immobilieninvestor getroffen, der so eine Vorgehensweise ernsthaft empfiehlt. Der Ratschlag: „Kaufen Sie einfach den Index“ ist aber genau das.

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