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Allianz, Reiserücktrittversicherung, Frühbucher, Auslandskrankenversicherung Boomende Reiserücktrittsversicherungen: Verschnaufpause für die Versicherungswirtschaft?

Gastautor: Martin Brosy
31.08.2017, 09:09  |  320   |   |   

Wer sich als Frühbucher für eine Reise entscheiden, muss auch gewisse Risiken tragen: kann beispielsweise aufgrund eines plötzlichen Verlustes des Arbeitsplatzes, einer Erkrankung oder eines Unfalls eine Reise letztlich nicht angetreten werden, fallen hohe Stornokosten an - sofern eine Stornierung überhaupt noch möglich ist und nicht sämtliche Reisekosten in voller Höhe getragen werden müssen. Eine Reiserücktrittsversicherung schützt vor genau dieser Situation. Vor allem aus Investorensicht kann das wachsende Geschäft mit den Versicherungen sinnvoll sein, in Zeiten einer geringen Kapitalmarktverzinsung zeigen sich die Renditen hier vergleichsweise üppig.



Eine Reiserücktrittversicherung ist wie ein Rettungsring im Notfall. Quelle: CoolR - 163784399 / shutterstock.com

Wachstum in der Tourismusbranche sorgt für hohe Nachfrage

Speziell für Reisende werden mittlerweile viele unterschiedliche Versicherungsleistungen angeboten: von der Auslandskrankenversicherung über die Reisekrankenversicherung bis hin zur Gepäckversicherung oder eine Reiseunfallversicherung stehen gesonderte Policen zur Wahl. Eine entsprechende Auslandskrankenversicherung in den meisten Fällen ebenso empfehlenswert. Die insgesamt gute Wirtschaftslage wirkt sich insofern aus, dass die Menschen ein wenig mehr Geld in der Tasche haben und dieses häufiger in eine Reise investieren. Allein der innerdeutsche Tourismus konnte im letzten Jahr einen Zuwachs von 7,6 % für sich verbuchen, in diesem Jahr erwarten Hoteliers und Gastronomen ähnliche Zuwachsraten. Aufgrund dieser Steigerungsraten, die sich ebenso bei Auslandsreisen zeigen, ist auch die höhere Nachfrage nach wichtigen Policen wie der Reiserücktrittsversicherung zu erklären.

Rückbesinnung auf Kerngeschäft

Große Versicherungen wie die Allianz, die neben günstigen Konditionen mit einer Gesundheits-Assistance und einem Umbuchungsgebühren-Schutz überzeugen kann, profitiert offenkundig von diesem Boom; seit einiger Zeit stabilisieren sich die Börsenwerte der Versicherung; die Marke von 200 Euro erscheint beinahe schon erreicht. Diese Entwicklung ist insofern als bemerkenswert einzustufen, weil die Problematik der geringen Kapitalmarktverzinsung derzeit noch bestehen bleibt. Die hohen Kapitaleinnahmen der Versicherungen lassen sich auf diese Weise kaum noch renditestark einbringen. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass Versicherungen sich künftig wieder mehr auf ihr eigentliches Kerngeschäft zurückbesinnen müssen: das Anbieten von Versicherungsleistungen. Eine breite Streuung unterschiedlicher Policen sorgt letztendlich auch für eine Minimierung des Risikos, wenn der Markt sich dynamisch entwickelt. Immer mehr Experten prognostizieren ohnehin einen baldigen Anstieg der Zinsen, sodass die aktuelle Problematik womöglich bald der Vergangenheit angehören könnte.

Versicherungs-Direktvertrieb noch die Ausnahme

Allerdings warten neue Schwierigkeiten auf die Versicherungswirtschaft: die Digitalisierung erfasst die Versicherungsbranche zunehmend. Die Vernetzung von immer mehr Lebensbereichen führt letztlich auch bei der Versicherungswirtschaft zu neuer Konkurrenz. Dabei geht es weniger darum, dass sich die Vertriebswege ändern, wie aktuelle Zahlen nahelegen: je nach Art der Versicherung werden rund die Hälfte der Verträge über Einfirmenvermittler abgeschlossen, weitere 25 % über Makler. Der Direktvertrieb macht bei Schadens- und Unfallversicherungen nur etwa 13,9 % aus, bei Krankenversicherungen sind es 6,1 % und bei Lebensversicherungen nur 2,3 %. Bemerkenswert an den aktuellen Zahlen des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV): gegenüber dem Vorjahr sank der Anteil der Lebensversicherungen, die online abgeschlossen wurden sogar; 2015 waren es nämlich immerhin noch 3 % der Verträge, die per Mausklick abgeschlossen wurden.
Fintech-Unternehmen als Bedrohung?

Die tatsächliche Bedrohung geht von ganz anderer Seite aus: schon die Banken müssen derzeit schmerzvoll lernen, was bedeutet, mit innovativen Start-ups zu konkurrieren. Fintech-Unternehmen greifen zunehmend klassische Geschäftsbereiche an. Einige Fachleute sehen mindestens zwei Schwierigkeiten, die im Zuge der Digitalisierung auf die Versicherungswirtschaft zukommen können:

  • Big Data: letztlich leben Versicherungen von der Einschätzung des Risikos. Künftig könnten sie bei der Erhebung dieser Daten ins Hintertreffen gelangen, weil IT-Unternehmen über eine immer größere Datenbasis verfügen. In Verbindung mit dem Direktvertrieb wären damit unter Umständen Tarifmodelle möglich, mit denen sich nur schwer konkurrieren lässt. Auch die Problematik der Cyberkriminalität wird steigen. Sensible Daten sind letztlich auch das Kapital der Versicherungen; ein Datenleck und damit einhergehende Vertrauensverlust könnte womöglich wirtschaftlich schwerwiegende Folgen haben.
  • Künstliche Intelligenz. Die Analyse der großen Datenmengen wird nicht mehr mit bestehenden Algorithmen möglich sein. Letztlich ergeben sich dadurch für die Versicherungen Chancen, weil die Auswertung dadurch rationeller erfolgen kann - wenngleich diese Tatsache Arbeitsplätze kosten wird. Andererseits könnten Fintech-Unternehmen auch hier bereits bestehendes Know-how nutzen und für zusätzlichen Wettbewerb sorgen.


Es zeigt sich also: auch wenn sich die Versicherungswirtschaft allmählich von der Niedrigzinsperiode zu erholen scheint, bleiben künftig Herausforderungen. Derzeit ist die Branche bemüht, sich auf das Kerngeschäft zu konzentrieren und eine Vielzahl unterschiedlicher Versicherungsleistungen anzubieten. Am Beispiel der Reiserücktrittsversicherung zeigt sich, dass diese Strategie durchaus aufgehen kann - die Nachfrage ist ungebrochen. Künftig wird eine Erweiterung des Portfolios allerdings nicht mehr ausreichen, um gegen innovative Newcomer bestehen zu können.

Bildquelle: CoolR - 163784399 / shutterstock.com

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