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Marktkommentar: Dr. Georg von Wallwitz (Eyb & Wallwitz): Sun Tsu und die perfekte Metapher
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Marktkommentar Dr. Georg von Wallwitz (Eyb & Wallwitz): Sun Tsu und die perfekte Metapher

Nachrichtenquelle: Asset Standard
04.09.2017, 00:00  |  593   |   |   

Dr. Georg von Wallwitz erläutert, was Anleger von Sun Tsu, einem der bedeutendsten Militärphilosophen der Geschichte, lernen können.

Sun Tsu, mit Carl von Clausewitz der bedeutendste Militärphilosoph der Geschichte, war, bevor er sein großes Werk über die Kunst des Krieges schrieb, ein Mann von großem praktischem Talent.

Als der König von Wu in der Zeit der Streitenden Reiche (irgendwann im 4. oder 5. Jahrhundert v. Chr.) überlegte, Sun Tsu zum General zu machen, stellte er ihm eine Aufgabe: Er sollte aus den 180 Konkubinen seines Harems Soldatinnen machen. Sun Tsu teilte die Damen daraufhin in zwei gleich große Haufen ein und bestellte die beiden Lieblingskonkubinen zu deren Befehlshaberinnen. Nun befahl er, die beiden Kompanien sollten sich ausrichten und nach rechts schauen. Die Konkubinen kicherten aber nur, was sonst? Sun Tsu sagte daraufhin, er als General sei dafür verantwortlich, dass seine Soldatinnen seine Befehle verstanden, und wiederholte das Kommando. Wieder kicherten die Damen. Nun befahl Sun Tsu die Lieblingskonkubinen zu exekutieren, denn wenn die Soldatinnen den Befehl verstanden, ihn aber nicht befolgten, so sei dies die Schuld der Offizierinnen. Der König von Wu protestierte heftig, wurde von Sun Tsu aber in seine Schranken gewiesen: Wenn der König einmal einen General ernannt hat, darf er ihm bei der Ausführung seines Auftrages nicht mehr dreinreden. Nun wurden zwei neue Lieblingskonkubinen ernannt und der Harem funktionierte seither nicht anders als ein Feldlager. Sun Tsu aber wurde General.

In den 80er- und 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es unter Investmentbankern die Mode, ihr Vorgehen mit den Ideen des Sun Tsu zu rechtfertigen. Dessen Schrift hatte den Vorteil, sehr kurz und einfach verständlich zu sein (Firmeneroberer haben meist kurze Aufmerksamkeitsspannen), und dabei gleichwohl einige ewige Wahrheiten zu Papier zu bringen. Wie etwa den Rat, lange Belagerungen (Übernahmeversuche) oder Grabenkämpfe zu vermeiden („Wenn der Sieg auf sich warten lässt, werden die Waffen stumpf und der Enthusiasmus der Krieger verfliegt“). Oder überhaupt dem Kampf aus dem Weg zu gehen und lieber aus einer Position der Stärke eine friedliche Einigung zu versuchen („Die höchste Vollkommenheit in der Kriegskunst besteht darin, den Widerstand des Feindes ohne Kampf zu brechen“). Oder im Fall des Kampfes sehr schnell sehr stark zuzuschlagen und dabei die Geschwindigkeit keinesfalls der fehlerlosen Vorbereitung zu opfern („Wir haben zwar von dummer Eile im Krieg gehört, aber lange Verzögerungen waren dennoch niemals klug“). Und so weiter.

Sun Tsu empfiehlt, den Gegner mit allen Mitteln zu täuschen und dadurch ein Überraschungsmoment zu schaffen, seine Pläne zu antizipieren und zu unterlaufen, die eigene Stellung unverwundbar zu machen, kleinere Verluste hinzunehmen um den Gesamtsieg zu erreichen. Er warnt davor, denselben (siegreichen) Trick immer wieder zu versuchen (die Gegner lernen dazu), von Armeen Unmögliches zu verlangen, Offiziere nicht nach ihrem Talent einzusetzen, den Souverän mitreden zu lassen und das sich ständig ändernde Umfeld (Klima, Territorium) außer Acht zu lassen. Und so weiter.

Das alles sind Einsichten, die so einfach sind, dass sie als Trivialität abgetan werden könnten.

Aber bis heute scheitern die Feldzüge aus genau den von Sun Tsu beschriebenen Gründen. Napoleon etwa war ein Meister der Geschwindigkeit, des Blitzkrieges. Aber in Moskau ging ihm eben dieses Mittel verloren, und damit auch der Russlandfeldzug, gegen einen Feind, den er nicht mehr ausrechnen konnte, in einem Terrain, welches er nicht kannte. In Dünkirchen, Stalingrad und bei etlichen weiteren Gelegenheiten griff Hitler direkt in die militärische Operation ein und beinahe jedes Mal war es ein Geschenk für die Alliierten. Die Amerikaner belagern in Afghanistan seit 15 Jahren immer neue Höhlen und Dörfer ohne irgendeine Aussicht auf so etwas wie den Sieg. Mit General Sun Tsu wäre so etwas nicht zu machen.

Sun Tsu und die Finanzmärkte

An den Finanzmärkten im Allgemeinen und bei Fondsmanagern im Besonderen hat Sun Tsus Werk nie den Kultstatus erlangt wie bei den Firmenjägern, die sich damals noch gerne Barbaren nannten, bevor man sie als Heuschrecken bezeichnete. Das lag nicht zuletzt daran, dass es dort weniger um Sieg und Niederlage geht und der Fondsmanager (außerhalb seiner Firma) keinen Feind identifizieren kann. Der Markt kann mühsam sein, er kann den Manager den Kopf kosten, aber er ist eben auch Quelle des Einkommens. Der Markt ist mehr ein Spielfeld als der Gegner. Gewiss, einige Weisheiten des Sun Tsu haben auch an den Finanzmärkten Gültigkeit, aber meistens sind sie in Form von alten Börsenweisheiten ohnehin bekannt.

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