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Welche Chancen bietet der britische Aktienmarkt?

Gastautor: Markus Hampel
19.09.2017, 07:43  |  3655   |   |   

Die Brexit-Verhandlungen zwischen der EU und Großbritannien kommen kaum voran. Aber das war zum derzeitigen Zeitpunkt auch nicht anders zu erwarten, schließlich wollen beide Seiten das Bestmögliche für sich dabei herausholen. Wenn man aber mal vom aktuellen Geschehen Abstand nimmt, lassen sich mittlerweile die ersten tatsächlichen Folgen abschätzen, die das Brexit-Referendum vom 23. Juni 2016 für die Wirtschaft und die Finanzmärkte Großbritanniens mit sich bringt. Abgesehen von der Abwertung des britischen Pfunds scheinen die Folgen bislang noch recht beschränkt zu sein. Trotz des Misstrauens und einer äußerst hohen Unsicherheit, die noch lange andauern könnte, scheint die Bewertung der britischen Aktien, die etwa 28 Prozent der großen europäischen Börsenindizes ausmachen, insgesamt nicht betroffen zu sein. Im Hinblick auf das „Stock Picking“ ergeben sich aus dem Brexit jedoch Gelegenheiten bei britischen Inlandswerten.

In makroökonomischer Hinsicht schien sich die Brexit-Ankündigung trotz des 17-prozentigen Kursverlustes des britischen Pfunds gegenüber dem Dollar nicht unmittelbar auf die Wirtschaftstätigkeit in Großbritannien auszuwirken. Das Wachstum des BIP hielt sich im zweiten Halbjahr 2016 annualisiert auf einem hohen Niveau von fast 2 Prozent, der Konsum ging nicht zurück und die Arbeitslosenquote nähert sich mit derzeit 4,4 Prozent der Vollbeschäftigung an. Und auch der vorlaufende Indikator PMI für das verarbeitende Gewerbe hält sich in einem Bereich, der auf ein anhaltend hohes Wachstum der Unternehmenstätigkeit hinweist und sogar die Werte aus der Zeit vor der Brexit-Entscheidung übertrifft.

Konsum der Haushalte leidet unter gesunkener Kaufkraft

Im Laufe des Jahres 2017 machten sich jedoch Anzeichen für eine Verlangsamung der Entwicklung bemerkbar: Die Unternehmen halten sich mit Investitionen zurück und die Produktion im verarbeitenden Gewerbe stagniert seit Juni 2016 bei +0,9 Prozent, trotz des theoretisch positiven Effekts, den die Abwertung des Pfundes auf die Exporte haben müsste. Der Konsum der Haushalte leidet unter einer gesunkenen Kaufkraft. Mehrere Handelsketten wie Next oder Carphone Warehouse haben zudem eine Verschlechterung ihrer Ergebnisse und Prognosen bekannt gegeben. Der Analysten-Konsens rechnet seinerseits  für 2018 mit einer gebremsten konjunkturellen Entwicklung und einem BIP-Zuwachs von 1,2 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit einer Rezession scheint aber zum derzeitigen Stand gering.

Was die Aktienmärkte anbelangt, so konnten die britischen Börsenindizes den anfänglichen Schock des Referendums schnell vergessen machen. Der Index MSCI UK mit reinvestierten Dividenden verzeichnete seit dem 23. Juni 2016 einen Zuwachs um 23 Prozent gegenüber den 16 Prozent des MSCI Europe ex UK mit reinvestierten Dividenden in Landeswährung. Vergleichbares lässt sich für die Small und Mid Caps feststellen, obwohl diese noch stärker auf dem Inlandsmarkt engagiert sind. Die Unternehmen des FTSE 250 erzielen durchschnittlich 50 Prozent ihres Umsatzes auf dem britischen Markt, während sich dieser Anteil bei den Unternehmen des FTSE 100 auf nur 25 Prozent beläuft. Mit Kursgewinnen um 18 Prozent in britischen Pfund kann der FTSE 250 seit dem Votum jedoch eine nur unwesentlich geringere Performance verzeichnen.

Die Auswirkung des Brexit auf die britischen Aktien ergibt sich in erster Linie aus den plötzlichen Kursverlusten des britischen Pfunds, dessen Kurs sich auf einem historisch niedrigen Stand befindet. In Euro ausgedrückt beläuft sich die Performance des FTSE 100 und des FTSE 250 seit dem Votum auf nur noch +2,4 Prozent bzw. minus 1,8 Prozent. In Dollar weisen die Indizes gegenüber dem MSCI World ebenfalls eine noch nie dagewesene unterdurchschnittliche Performance auf.

Inlandswerte vs. Unternehmen von internationaler Bedeutung

Im Hinblick auf die Bewertung nähern sich die Kennzahlen des MSCI UK mit einem KGV von 14,6 gegenüber den 14,9 des MSCI Europe ex UK auf aggregierter Ebene den langfristigen historischen Durchschnittswerten an. Dies verschleiert jedoch die starken Unterschiede zwischen den vorwiegend auf dem Inlandsmarkt tätigen Unternehmen und den nur wenig auf dem britischen Markt engagierten Unternehmen von internationaler Bedeutung, deren Börsenkurse die Schwankungen der Wechselkurse reflektieren. Die Bewertung der sogenannten Inlandswerte erreicht oft fast historische Tiefpunkte und spiegelt bisweilen das Szenario einer Rezession wie in 2009 wider. Dies gilt insbesondere für Konsumwerte oder Werte aus dem Bereich der industriellen Dienstleistungen.

Vor diesem Hintergrund ist die Sensitivität unserer Teilfonds METROPOLE Sélection und METROPOLE Avenir Europe für das Risiko einer weiteren Verschlechterung der britischen Wirtschaftsdaten derzeit relativ gering, da sie mehrheitlich Papiere halten, die wie beispielsweise die Large Caps BP, GlaxoSmithKline und Vodafone oder die Small Caps GKN, Senior und Morgan Advanced Materials in nur relativ geringem Maße der britischen Wirtschaft ausgesetzt sind. Darüber hinaus halten wir auch britische Inlandswerte wie Lloyds, Marks & Spencer oder das Transportunternehmen First Group, da das Risiko einer Rezession bei der Bewertung dieser Unternehmen bereits eingepreist ist. Seit der Brexit-Entscheidung haben wir auch zahlreiche stark unterbewertete Papiere in unsere Portfolios aufgenommen, darunter Small und Mid Caps wie TalkTalk, EasyJet, Mitie, Berendsen, Weir oder Aggreko.

Unsicherheiten werden bis 2019 anhalten

Die Unsicherheit dürfte wohl bis März 2019, dem Datum des offiziellen Austritts Großbritanniens aus der EU, anhalten. Die mit dem weiteren Verlauf der Verhandlungen zwischen der britischen Regierung und den europäischen Institutionen zusammenhängende Unsicherheit ist mit einer gewissen Gefahr für die Entwicklung der britischen Wirtschaft verbunden und wird noch zu weiteren Marktschwankungen führen. In solchen Zeiten ergeben sich besonders dann gute Anlagemöglichkeiten, wenn auf den Märkten eine Risikoaversion vorherrscht und die Bewertung der Unternehmen in den Hintergrund tritt und unterschätzt wird. Andererseits kann man auch ein weniger pessimistisches Szenario nicht ausschließen. Die Verhandlungen könnten weniger hart ausfallen als vorgesehen. Großbritannien wird sehr wahrscheinlich weiterhin einen wichtigen Platz in Europa einnehmen, ein vernünftiges Szenario, das von den Märkten nicht berücksichtigt zu werden scheint.

 

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