EZB entscheidet am Donnerstag
Krämer: Zinssenkung jetzt keine gute Idee für Europa
Ist die Inflation in der Eurozone bereits so stark gesunken, dass eine weitere Zinssenkung möglich ist? Diese Frage beantwortet Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, im Interview mit wO.
"Nach der EZB-Sitzung im September war der Konsens, dass die Notenbank ihre Zinsen nur alle drei Monate senkt, immer dann, wenn neue Inflations- und Konjunkturprognosen vorliegen. Der nächste Schritt wäre demnach im Dezember zu erwarten gewesen. Doch schwächere Konjunkturdaten und eine niedrigere Inflation als prognostiziert, haben das Bild geändert. EZB-Präsidentin Christine Lagarde deutete kürzlich an, dass bereits in dieser Woche eine erneute Zinssenkung anstehen könnte – nur 5 Wochen nach der letzten Entscheidung", so Krämer.
Auf die Frage nach möglichen Meinungsverschiedenheiten innerhalb des EZB-Rates, sieht Krämer wenig Konfliktpotenzial:
Das Lager der Falken, also der Befürworter einer restriktiven Geldpolitik, ist deutlich kleiner geworden. Sogar der Präsident der Bundesbank scheint eine Zinssenkung zu unterstützen. Ich erwarte also keine großen Diskussionen.
Die Entscheidung der EZB werde jedoch nicht nur durch die Inflation, sondern auch durch schwache Konjunkturdaten beeinflusst, betont Krämer. Der Einkaufsmanagerindex für den Euroraum sei weiter gefallen und liege nahe am Rezessionsbereich.
Diese Daten tragen erheblich dazu bei, dass die EZB das Tempo ihrer Zinssenkungen wahrscheinlich erhöhen wird.
Krämer warnt allerdings davor, den Sieg über die Inflation zu früh auszurufen:
Obwohl die EZB durch ihre Zinssenkungen signalisiert, dass sie die Inflation im Griff hat, bestehen Risiken. Die Löhne im Euroraum steigen weiterhin mit Raten von 4 bis 5 Prozent, was deutlich über dem Inflationsziel der EZB liegt. Zudem steigen die Preise in arbeitsintensiven Dienstleistungsbranchen weiter zu stark.
Moderation: Martin Kerscher, Text: Nicolas Ebert, wallstreetONLINE Redaktion
