Experte im Interview
Warum Investor Leonard Fischer für 2026 zur Vorsicht rät
Die Börsen gehen mit hohen Erwartungen ins Jahr 2026 – doch einfache Antworten gebe es nicht, warnt Investor Leonard Fischer bei wO TV.
Zwischen KI-Euphorie, geopolitischen Unsicherheiten und historisch hohen Bewertungen sieht Fischer eher Übertreibungen als eine neue sorglose Hausse. Vor allem Künstliche Intelligenz hält er für den am meisten überschätzten Treiber.
Zwar sei KI eine Schlüsseltechnologie, doch Umfang, Tempo und wirtschaftlicher Nutzen der Produktivitätssprünge seien unklar. Die aktuelle Euphorie erinnere an typische Übertreibungsphasen bei technologischen Umbrüchen – allerdings ohne die strukturelle Schwäche der Dotcom-Zeit. Die investierenden Konzerne seien heute hochprofitabel. Einen Crash erwartet Fischer daher nicht, wohl aber eine gesunde Korrektur.
Für 2026 sieht er eine erhöhte Rückschlagsgefahr. Der Markt werde aktuell von drei Faktoren getragen: KI-Hoffnungen, der Erwartung dauerhaft niedriger Zinsen und demografischen Effekten durch investitionsstarke Babyboomer. Doch Impulse aus der Geldpolitik seien weitgehend eingepreist. Steigende Zinsen in Japan und eine zurückhaltende EZB begrenzten den Spielraum, während politische Risiken in den USA den Druck erhöhen könnten.
Das vielfach beschworene Goldilocks-Szenario hält Fischer für fragil. Ohne reale Produktivitätsgewinne seien die Bewertungen kaum zu rechtfertigen. Seine Konsequenz: defensiver ins Jahr gehen, Gewinne bei stark gelaufenen Titeln mitnehmen und den Blick auf vernachlässigte Nebenwerte sowie klassische Branchen wie Pharma richten. Nicht der Mainstream, sondern Bewertungsdisziplin sei 2026 der bessere Kompass.
Moderation: Martin Kerscher, Text: Julian Schick

