Experte im Interview
Europas Abhängigkeit wird zum Börsenrisiko
Die transatlantische Eiszeit ist mehr als diplomatisches Theater. Für Martin Lück, Chefanlagestratege bei Franklin Templeton, markiert sie einen strategischen Bruch, der Anleger langfristig beschäftigen dürfte.
Die USA richteten ihren Fokus seit Jahren stärker auf den Indopazifik, Europa verliere damit schrittweise den gewohnten Schutzschirm. Besonders heikel ist aus Lücks Sicht die mögliche Verzögerung der geplanten Stationierung von Tomahawk-Marschflugkörpern in Deutschland.
Dahinter stehe nicht nur Militärtechnik, sondern die Frage, wie verlässlich die USA noch für Europas Sicherheit einstehen. Fehlen solche Systeme, entstehe eine gefährliche Fähigkeitslücke gegenüber Russland.
Für Anleger bedeutet das: Europäische Rüstungs-, Infrastruktur- und Cybersicherheitswerte könnten weiter Rückenwind bekommen. Entscheidend sei aber, dass Europa eigene Kapazitäten aufbaut. Der Kauf amerikanischer Waffensysteme schaffe neue Abhängigkeiten, etwa bei Software, Ersatzteilen und Priorisierung durch Washington.
Anleger sollten laut Lück deshalb breiter streuen: über Regionen, Sektoren und Anlageklassen hinweg. Gold, kurzlaufende Anleihen und eine geringere Abhängigkeit vom US-Dollar könnten in der neuen Unsicherheit wichtiger werden.
Moderation: Martin Kerscher

