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USA-Experte „Was ist mit den Amis los?“

05.10.2016, 14:54  |  807   |   |   

Dr. Christoph von Marschall, US-Korrespondent des Berliner „Tagesspiegels“, zu den bevorstehenden Wahlen und den Positionen der Kandidaten Clinton und Trump. Exklusivbericht vom Partner-Meeting von €uro Advisor Services und FondsConsult Research in München.

„Hätten wird uns vor einem dreiviertel Jahr unterhalten, hätte niemand auf dem Schirm gehabt, dass Trump Präsidentschaftskandidat wird“, startet Dr. Christoph von Marschall seinen Vortrag beim „Partner-Meeting“ 2016 von €uro Advisor Services und FondsConsult Research. 

Drei Gründe seien hierfür verantwortlich, so der US-Korrespondent: „Erstens, die Stimmung gegen die da oben, gegen die politische Klasse.“  Auch wenn das im Grunde eigentlich ein Paradoxon sei. Wer könne, frägt sich Marschall, mehr Establishment sein als Donald Trump, der Multi-Millionär aus New York. Die zweite Fehlannahme war damals, dass man glaubte, dass gute Wirtschaftsdaten Kandidaten wie Clinton zu Gute kommen. Drittens gab es bei den Vorwahlen durchaus Vertreter des moderat-republikanischen Flügels. Allerdings hätten sich diese gegenseitig geschwächt – weshalb sich Trump durchsetzen konnte. 

In den Umfragen führt Trump bei den Amerikanern, die in der amerikanischen Fläche und dem sogenannten Rust-Belt leben.  Zudem hat der Niedergang des einst mächtigen amerikanischen Industriesektors im Nordosten der USA und den Midwest-Staaten über die letzten Jahrzehnte zu höherer Arbeitslosigkeit geführt. Auch beinahe zehn Jahre nach der Finanzkrise hat sich diese Region lange nicht so erholt, wie die großen Städten und die Küstenregionen. Genau in diesem „Gürtel“ ist Trump auf Wählerfang.

„Jahr der Irritation“

Der Journalist und Buchautor glaubt dennoch, dass Clinton die nächste Präsidentin der USA wird. Er möchte aber darauf nicht wetten: „Dieses Wahljahr ist außergewöhnlich, weil es Variablen gibt, die sich so gar nicht vorhersagen lassen“, so Marschall. Allerdings sei der Anteil der noch unentschiedenen Wähler mit  rund 8 Prozent niedrig. Entscheidende Faktoren für die Wahl seien Demografie, politische Geografie und das Wahlsystem. 

Außergewöhnlich sei auch, dass beide Kandidaten in der Bevölkerung äußerst unbeliebt seien. So trauten 55 Prozent der Bevölkerung Clinton nicht. 60 Prozent hielten Trump als Kandidaten für nicht geeignet. Während Clinton, vereinfacht gesagt, als Streberin wahrgenommen würde, biete Trump in den Augen vieler nur politische Slogans. 
„Das Wahljahr 2016 ist ein Jahr der Irritation, nicht der Faszination wie 2008“, so Marschall. Ein Jahr, in dem es „gegen die da oben“ gehe. Ein Jahr, in dem die US-Wähler wohl den Kandidaten wählten, dem sie weniger misstrauen. Im Gegensatz zu früheren Wahljahren führe nicht derjenige Kandidat die Meinungsumfragen an, der die Schlagzeilen der Zeitungen dominiert, weil negative Schlagzeilen über beide Kandidaten die Berichterstattung bestimmten.

Trump sei kein Verrückter, sondern korrigiere seine Fehler, so Marschall. Auch würde er als Präsident durch die Gewaltenteilung und den Stab, der ihm als Präsident zuarbeiten würde, in seine Schranken gewiesen. Größter negativer Effekt im Falle eines Wahlsieges Trumps sei der Ansehensverlust der USA, auch bei den europäischen Verbündeten. Die Gegner der USA fänden ihn als klares Feindbild hingegen gut. Auch würde es wohl Monate dauern bis er sich in seine neue Team-Rolle eingefunden hätte. An seiner protektionistischen Haltung würde Trump wohl festhalten, weil er sich nicht so schnell von seiner starken Haltung gegen Freihandelsabkommen abwenden könnte. Marschall ist auch überzeugt, dass Trump aufgrund der Gewaltenteilung vieles nicht durchsetzen könnte, was wiederum zu Blockaden führe.

Auch unter Clinton sieht der US-Korrespondent wenig Hoffnung auf Veränderung, da die Teilung der Macht zwischen einem republikanisch dominierten Parlament und einer demokratischen Präsidenten einige Blockaden nach sich ziehen würde.  Doch egal ob Trump oder Clinton der/die nächste US-Präsident(in) wird, eines dürfte man nicht vergessen: „Immer ist der US-Präsident ein Präsident, der amerikanische Interessen vertritt.“  

(KR)



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Teresa Laukötter hat den M. Sc. in Volkswirtschaft der Universität Maastricht. Als Redakteurin und Content-Managerin bei €uro Advisor Services GmbH ist sie zuständig für die Top-Themen auf www.fundresearch.de.

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