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Diskusssion um 75+ Rasende Senioren für Versicherungen eine Gefahr?

24.01.2017, 13:27  |  1341   |   |   

Jede zweite Frau und jeder vierte Mann werden über 85 Jahre alt. Die rüstigen Rentner sind im Fokus der Versicherungen, wenn es darum geht, die Einnahmen zu steigern. Sie sehen die Oldies als große Gefahr für den Verkehr. Darum werden sich Experten - diesen Donnerstag - auf dem Verkehrsgerichtstag in Goslar erneut mit dem Senioren-TÜV befassen.    

Der demographische Wandel bestimmt die Debatten um unsere Zukunft. Die Gesellschaft wird immer älter und die Kosten für eine Gesellschaft aus Rentern steigen. Alter wird in jedem Feld neu definiert. Senioren-WGs, Senioren-Unis und Mobilität stehen im Fokus. Viele ältere Menschen ziehen vom Land in die Stadt und statt des Rollators benutzen sie wie gewohnt das Auto.

Geht es nach den Versicherungen, soll der Senioren-TÜV noch 2017 festgezurrt werden. Immerhin gibt es in Deutschland circa 13 Millionen Führerscheininhaber, die älter als 65 Jahre sind und bereits von den Versicherern aufgrund des Alters extra zur Kasse gebeten werden ("Spiegel Online"). Mit einem Senioren-TÜV ließen sich womöglich die Daumenschrauben weiter anziehen. 

Versicherungen machen sich Sorgen

Um die Sicherheit auf deutschen Straßen zu steigern, plädieren die Versicherungen für Kontrollfahrten für Senioren ab 75 Jahren, wie "Auto Service" berichtet. Ein Fahrtest an der Seite eines ausgebildeten Fahrlehrers soll Klarheit darüber bringen, ob die Senioren Straßenverkehr und Technik beherrschen. Die Testfahrten sollen 2017 entwickelt werden, wenn es nach den Versicherern geht. Siegfried Brockmann, Chef der Unfallforschung des Versicherungsverbands GDV, möchte diese Kontrollfahrt zur Pflicht machen, jedoch soll das Ergebnis lediglich eine Empfehlung darstellen. 

Senioren am Steuer und es wird teuer?

Zur Untermauerung der aktuellen Forderung der Versicherer wurden die Zahlen entsprechend aufpoliert. Laut den vorliegenden Daten 2015 sind bei Unfällen von Senioren, über 75 Jahren, diese zu 75 Prozent Verursacher, während bei den 18- bis 21-jährigen nur 70 Prozent den Schaden selbst verursachen, wie das "Hamburger Abendblatt" berichtet. ABER: Schaut man sich die absoluten Unfallzahlen an, dann gab es 2015 in der Altergruppe ab 75 Jahren nur 15.714 Unfälle, bei denen der Pkw-Fahrer der Hauptverursacher war, während jüngere Fahrer (18-25 Jahre) ganze 41.290 Unfälle bauten ("Destatis").

Laut den Destatis-Angaben gehören die jungen Erwachsenen mit Abstand zu der gefährdetsten Altergsgruppe im Straßenverkehr, denn sie verunglücken häufiger als alle anderen Altergruppen in einem Pkw. Am Ende der Rechnung sind es also doch die jungen Wilden, die mehr Kosten verursachen, jedoch sorgen sie auch für die höchsten Einnahmen bei den Versicherungen. Während ein Rentner meist in der kleinsten Schadensfreiheitsklasse geführt wird und eher ein Mittelklassewagen bzw. Kleinwagen fährt, setzt die Jugend auf große Autos und spielt somit ordentich Geld in die Versicherungskassen. Diese Einnahmequelle könnte in den nächsten Jahren noch größer werden, denn der Führerschein ab 16 steht auf der Agenda - damit vielleicht nochmals höhere Beiträge von den Küken im Straßenverkehr.

Darüber hinaus berichtet "Focus" von Senioren-Zuschlägen bei der Kfz-Versicherung, also auch für diese Altersgruppe gibt es bereits Monetäre-Kreativität bei der Versicherern. Der Aufschlag setzt bei jeder Versicherung zu einem anderen Zeitpunkt an, aber wie die "Augsburger Allgemeine" schreibt, werden im Durchschitt ab 68 Jahren höhere Beiträge fällig. Das Thema Senioren-Aufschläge wurde bereits 2012 thematisiert - damals wehrten sich aber einige Versicherungen gegen den Vorwurf ("Süddeutsche Zeitung"). Bislang gibt es keine einheitliche Regelung.

Was können die Versicherungen mit dem Senioren-TÜV anfangen?

Das Engagement der Versicherungen für die Verkehrssicherheit der Senioren ist ehrenhaft, jedoch stellt sich die berechtigte Frage nach dem Zweck des Senioren-TÜVs. Ein enormer bürokratischer Aufand nur für eine Empfehlung zu betreiben, klingt eher unwahrscheinlich.

Hier unsere Gedanken dazu: Mit einem Testergebnis ließen sich die Senioren vertraulich in unterschiedliche Gefahrenklassen einteilen. Diese interne Einstufung könnte zur nachvollziehbaren Erhöhung der KFZ-Versicherungskosten eingesetzt werden - nach dem Motto: höheres Risiko = höhere Kosten. Mit den Ergebnissen könnten die Versicherungen deutschlandweit eine einheitliche Linie fahren, was die Altersaufschläge angeht.

Die Folge könnte sein, dass vor allem gesundheitlich eingeschränkte Senioren in der Altersarmut sich das Auto nicht mehr leisten können. Die Einstufung kann auch in anderen Bereichen eingesetzt werden, denn Senioren versuchen auch Schäden im Haushalt und anderen Lebensbereichen.

Mobilität versus Sicherheit

Die individuelle Mobiltät spielt im Alter eine große Rolle, denn sie trägt auch mit zur Unabhängigkeit bei. Tatsächlich gaben 2015 bundesweit gerade mal neun Männer und vier Frauen über 65 Jahren ihren Führerschein freiwllig ab ("Hamburger Abendblatt").

Vor allem die älteren Menschen auf dem Land sind auf das Auto angewiesen. Der Weg zum Arzt, Einkäufe erledigen oder ein schöner Ausflug gehören zum wohlverdienten Ruhestand. Ohne Auto wäre es ein Problem.

Ob ein Fahrtest für Senioren - zur Verbesserung der Verkehrssicherheit - die richtige Strategie wäre, ist umstritten, denn diese liefert lediglich eine Momentaufnahme. Sören Bartol (SPD) schlägt vor, dass Hausärzte bei diesem Thema stärker involviert werden müssen. Die Ärzte kennen die gesundheitliche Situation besser und können entsprechend beraten. Hier spricht das Vertrauenverhältnis zwischen Patient und Arzt für Erfolg.

Auch der ADAC steht nicht geschlossen hinter einem verpflichtenden Fahreingungstest für Senioren. Sein Argument: Sie verfügen über lebenslange Praxiserfahrung und sind im Straßenverkehr eher Opfer als Täter. Laut ADAC steht der bürokratische Aufwand in keinem angemessenen Verhältnis zur erwarteten Steigerung der Verkehrssicherheit. Jeder, der seine Fahrtüchtigkeit testen möchte, kann dies beim ADAC freiwllig tun.    

Die Interessen der Versicherer werden bislang nicht von der Politik gestützt. So will sich der Bundesverkehrsminister, Alexander Dobrindt, nicht zu dem Vorschlag äußern ("Hamburger Abendblatt"). Die Deutsche Polizeigewerkschaft plädiert dafür, dass Senioren über 75 den öffentlichen Personennahverkehr kostenlos nutzen können. Ob dieser Freifahrtschein ein attraktives Tauschobjekt ist, bleibt fraglich. 



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Kommentare

"Das Engagement der Versicherungen für die Verkehrssicherheit ist ehrenhaft.... "

Da sträuben sich alle Nackenhaare - als ob diese von den Ängsten der Menschen lebende Mitesser-Branche zu ehrenhaftem Denken überhaupt fähig wäre. Es geht einzig und alleine darum, mit fadenscheinigen Begründungen zusätzliche Einnahmequellen zu erschließen. Dieses scheinheilige Engagement können die heutzutage nur noch den Leuten verklickern, die ihre Hosen mit dem Schuhanzieher anziehen.

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