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Renditen steigen Donald Trump, das Comeback der Zinsen und der deutsche Export

Gastautor: Claudius Schmidt
06.02.2017, 00:21  |  1471   |   |   

Immer stärker zeichnet sich ab, dass der neue US-Präsident die Hoffnung auf eine Rückkehr zu normalen Verhältnissen am Anleihemarkt belebt. Das ist eine gute Nachricht für Sparer, Anleihegläubiger, Pensionskassen und Lebensversicherungen. Deren Renditeerwartungen waren in den letzten Jahren fast auf Null zurückgeschraubt worden, soweit die erwirtschafteten Zinsen nicht zusätzliche Prämien aufgrund eines besonderen Währungs- oder Schuldnerrisikos enthielten.

Erst recht werden sich die Kreditinstitute freuen. Die Null-Zins-Politik der Zentralbanken hatte ihnen nicht nur ihr Kerngeschäft verhagelt, den Zinsüberschuss der Aktiv- gegenüber der Passivseite, sondern sie vielfach auch noch „fürsorglich“ genötigt, die Masse der Eigenanlagen in praktisch zinslosen Staatsanleihen vorzunehmen. Deutsche Sparkassendirektoren wissen davon ein trauriges Lied zu singen.

Ronald Reagan und George Bush jr. sind beide als ausgabenfreudige und recht unternehmungslustige Präsidenten in die jüngere US-Geschichte eingegangen. Sein gut entwickeltes Ego wird Trump kaum eine Wahl lassen: Er muss seine Parteikollegen überflügeln. Das ist zwar noch keine Politik, kostet aber schon Geld. Den US-Gläubigern kann es recht sein, und damit wäre - wegen der traditionell engen Korrelation - auch in Europa der Trend zu negativen Zinsen gebrochen. Lange vor seinem Amtsantritt, nämlich unmittelbar nach der Wahl Anfang November, verzeichneten die richtungsweisenden 30-jährigen US-Bonds in einer Woche den stärksten Renditeanstieg seit acht Jahren. Bis heute legte ihre Rendite binnen dreier Monate von 2,6% auf etwa 3,1% zu. Für deutsche Bundesanleihen mit der klassischen Laufzeit von 10 Jahren (auch 30-jährige Bonds gibt es seit 1986, sie sind hier bis heute weniger maßgeblich) erhöhten sich die Zinsen von 0,15% auf 0,45%. Für den einen mag das eine Schwankung auf denkbar niedrigem Niveau sein, andererseits bedeutet es eine rapide Verdreifachung. Trumps Trumpf ist weniger die außenpolitische Geschlossenheit seiner Nation, da ist noch etwas Feinschliff vonnöten, als vielmehr der riesige amerikanische Binnenmarkt. Der scheinbar so mächtige Euroraum mit seinen 338 Mio. Verbrauchern ist dagegen bei näherem Hinsehen ein Papiertiger. Der Grund liegt auf der Hand: Fünfzehn Jahre lang wurden alle Chancen zur Herstellung der notwendigen Wirtschafts-, Fiskal- und Sozialunion vertan. Deshalb funktioniert auch die vom Vorvorgänger Merkels, Bundeskanzler Helmut Kohl, maßgeblich gestiftete Währungsunion nicht. Denn da der Euro für deutsche Exporteure viel zu billig ist und der erforderliche Länderfinanzausgleich nach deutschem Muster auf europäischer Ebene überhaupt nicht angestrebt wird, schlägt Deutschland bislang mit Abstand den größten Profit aus der verschleppten Integration. Doch die goldenen Zeiten neigen sich dem Ende zu.

1% kostet 21 Mrd.

Die Bundesrepublik Deutschland, zugleich größter Exporteur und größter Schuldner Europas, wird dank dieser Attribute der Hauptleidtragende von Trumps Plänen werden. Für Deutschland wird bereits die Rückkehr zu „normalen Verhältnissen“ am Anleihemarkt äußerst teuer. Rund 2,11 Billion Euro betrug die deutsche Staatsschuld Ende 2016, etwa 2/3 davon hat sich allein der Bund am Markt geliehen. Jeder Punkt Zinsdifferenz bedeutet also einen Mehraufwand bzw. eine Ersparnis von 21 Mrd. Euro pro Jahr - das ist mehr als ein Bildungshaushalt.

Euro als Reservewährung zunehmend unbeliebt

Im Nachteil gegenüber seinem US-Kollegen befindet sich der deutsche Finanzminister auch deshalb, weil der Euro als Reservewährung von seinen Glanzzeiten, nämlich vor dem Beginn der von den Europäern selbst ausgerufenen Schuldenkrise 2010, weit entfernt ist. Nach IWF-Angaben ist der Anteil des Euros an den Währungsreserven der Welt von ehedem fast 30% auf nun noch knapp 20% gefallen. Die schwache europäische Konjunktur, Folge einer selbstmörderischen Sparpolitik, Uneinigkeit zwischen den Europartnern und die latente Unsicherheit über den Fortbestand des Euros dürften die Hauptursachen dafür sein, denn im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung des Euroraums ist der Euroanteil in den Staatsschätzen der Welt viel zu niedrig. Auch aus der Schuldenproblematik erklärt sich seine geringe Gewichtung nicht, ist doch die Verschuldung der Euro-Teilnehmer im Verhältnis zu ihrem BSP bei weitem günstiger als die der USA oder Japans. Briten und Japaner schafften für Pfund bzw. Yen immerhin einen Anteil von rund 4% an den Währungsreserven. Die höchste Pro-Kopf-Gewichtung einer Währung in den Devisendepots besitzt natürlich der Schweizer Franken, doch der unbestrittene Star der Devisenportfolios ist der US-Dollar. Gegenüber dem Euro baute der Dollar seinen Vorsprung auf über 40 Prozentpunkte aus und nimmt nun mit über 60% eine einsame Spitzenposition ein. Das heißt, dem US-Finanzminister werden Staatsanleihen förmlich aus der Hand gerissen. Ob in China, Russland, Norwegen oder Arabien – die Länder mit geringer Verschuldung und großen Exportüberschüssen vertrauen hauptsächlich dem US-Dollar. Dass angesichts der krassen Verschuldung auch Risiken im Dollar stecken, wird ihnen nicht entgangen sein. Chinesen und Russen haben in den letzten Jahren vor allem den Goldanteil ihrer Devisenreserven kräftig aufgestockt, was auch politische Ursachen hat. Doch wenn die US-Staatspapiere, die weltweit zirkulieren, tatsächlich einmal binnen kürzester Frist kaufkraftwirksam dem Schuldner präsentiert würden, dann Gnade Amerika! Die Inflation stiege in den dreistelligen Bereich, und der Außenwert des Dollars würde sich schlagartig halbieren. Und das ist, wie natürlich auch Trump weiß, die beste Garantie gegen eine Fälligstellung dieser Kredite.

Attraktiver US-Binnenmarkt

Noch aus einem zweiten Grund ist der Amtswechsel im Weißen Haus für die Sparfüchse in Berlin eine Hiobsbotschaft. Trump bricht mit dem Prinzip offener Märkte. Dieser Paradigmenwechsel muss Deutschland, das 2015 für 114 Mrd. Euro Waren in die USA exportierte, besonders alarmieren. Trumps Ideale sind nicht geringe Zölle, weitgehender Freihandel und billigste Arbeitskräfte, die wo auch immer und für welchen Markt auch immer schaffen müssen, und das weitgehend ohne Rücksicht auf Mutterschutz, mangelnde Sozialstandards, auf das Fehlen von Gewerkschaften, auf Kinderarbeit und miserablen Arbeitsschutz - nichts anderes ist ja das Ideal, aus dem auch Europa seinen Wohlstand zieht. Der neue Chef im Weißen Haus scheint überzeugt, dass die US-Industrie in einem fairen Wettbewerb eine Chance hat, in einem freien jedoch nicht. Dass ein uramerikanisches Kleidungsstück wie Blue Jeans nicht mehr in den USA produziert wird, sondern nur noch in Indonesien oder Bangladesh, wurmt ihn mächtig. Etwas anders verlaufen die Warenströme technisch anspruchsvoller Produkte, etwa bei Automobilen. Der große Binnenmarkt mit z.Zt. über 17 Mio. verkauften Autos jährlich hat deutsche Hersteller schon immer als Werksstandort gereizt und bei Dollarschwäche in die USA gezogen. Dieser Trend wird sich verstärken, sobald die Drohung von 35% Einfuhrzoll etwas konkreter im Raum steht. Dann kann sich jedes Unternehmen die Minderung seiner Gewinnmarge ausrechnen, und Investitionen werden dann zwangsläufig in vorauseilendem Gehorsam – wenn sie denn ohnehin anstehen – eher an einem US-Standort erfolgen als z.B. in Mexiko, wo der Binnenmarkt vielleicht nur 1 Mio. Autos pro Jahr absorbiert. Deutschland hatte seit Mitte der fünfziger Jahre immer einen Platz unter den drei größten Automobilherstellern der Welt (akkumuliert PKW/LKW/Busse), rangiert aber seit 2006 hinter China, Japan und den USA bloß noch auf Platz vier. Jetzt drohen nicht nur VW durch sein naives Missmanagement im Abgasskandal Einbußen von am Ende vielleicht 50 bis 60 Mrd. USD, sondern allen deutschen Herstellern durch Trumps „America First!“ Produktionseinbrüche im Inland.

Autos und Maschinen - zwei Vorzeigebranchen betroffen

In die USA darf man womöglich künftig nicht mehr im gewohnten Umfang exportieren. China begünstigt seit Jahren mit großem Erfolg die Steigerung der einheimischen Produktion, zuletzt auf sagenhafte 23 Mio. Einheiten. Statt höherer Importe wünschen sich die Chinesen mehr Konsum - das geht nur über eine Steigerung des inländischen Pro-Kopf-BIP. Ähnlich betroffen von einer Neuordnung der Märkte wie die deutsche Auto- und Zuliefererbranche dürfte der äußerst vielfältige und hochgradig spezialisierte deutsche Maschinenbau sein. Automobilindustrie und Maschinenbau – beide Branchen zusammen generieren ein gutes Drittel des deutschen Exportvolumens und zählen 1,1 Million Beschäftigte. Kommt es hier zu einer Zäsur und damit einhergehend zum Verlust von beispielsweise 10% der Arbeitsplätze, resultieren daraus direkte Ausfälle bei Steuern und Sozialabgaben von etwa 15 Mrd. Euro, während zugleich die Belastungen für die sozialen Sicherungssysteme um jährlich etwa 30 Mrd. Euro steigen – vom Kaufkraftschwund für den deutschen Binnenmarkt ganz zu schweigen. In Summa können sich die Belastungen aus Zinsänderungen und Umbrüchen am Arbeitsmarkt leicht auf 80 Mrd. Euro addieren – wohlgemerkt jährlich. Wann die volle Wucht dieses Szenarios droht, ist offen - dass es näher rückt, ist aber kaum zu leugnen.

Das sind Dimensionen, mit denen sich nicht allein die betroffenen Industriezweige, sondern mehr noch die Haushaltsplaner beim Bundesfinanzminister rechtzeitig beschäftigen sollten. Gemessen daran, sind die Kosten der amerikanischen Variante des Mittelmeers, nämlich jener unsäglichen vom Präsidenten propagierten Mauer an der Grenze zu Mexiko (einmalig zwischen 20 und 35 Mrd. USD, jährlicher Unterhalt ca. 0,5 Mrd.), ein Klax. Um es norddeutsch zu sagen.

Wertpapier: BMW, BMW Vz., Daimler, AUDI, Volkswagen, Volkswagen Vz, Deutschland bis 07/35, Porsche, Bundesrepublik Deutschland Staatsanleihe 1,75 % bis 02/24, Bundesrepublik Deutschland Staatsanleihe 0,50 % bis 02/25


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Claudius Schmidt, Dr. phil. mit dem Schwerpunkt Zeitgeschichte und Schüler von Arnulf Baring, ist als Journalist mit zahllosen Veröffentlichungen über börsennotierte mittelständische Unternehmen, Managertraining und Investments hervorgetreten. Er verfügt über viele Jahre Erfahrung als Wertpapieranalyst für Aktiengesellschaften in der Schweiz und in Hamburg. Von 2010 bis 2012 war Claudius Schmidt Chefredakteur des Nebenwerte Insiders.

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