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BEHAVIORAL FINANCE/ECONOMICS Draghis Spiel ohne Grenzen

Gastautor: Joachim Goldberg
 |  21.01.2013, 09:13  |  1303 Aufrufe  |   | 

In wirtschaftspolitischen Kreisen wird EZB-Präsident Mario Draghi derzeit sehr verehrt. So sehr,  dass er unlängst sogar als möglicher italienischer Premierminister gehandelt wurde. Wie er die Krise in der Eurozone, mehr aber noch die Unstimmigkeiten innerhalb des EZB-Rates meisterte, hat ihm zu Recht großes Lob eingebracht – man bezeichnete ihn zuletzt häufig als den Mann des Jahres 2012.

Gleich zu Beginn seiner Amtszeit musste sich Draghi jedoch moralischer  - und oft haltloser - Kritik erwehren. Man warf ihm vor, dass er genau zu jener Zeit Direktor bei Goldman Sachs gewesen sei, als dieses Institut Griechenland half, sein enormes Defizit aufzuhübschen. Außerdem unterstellte man ihm einen Interessenskonflikt, weil er sowohl EZB-Chef sei und zugleich Mitglied beim exklusiven Club internationaler Banker, der so genannten „Group of 30“ – manch einer hatte sogar ein Problem damit, dass er Italiener war. Unterdessen setzte Draghi der EZB aber auch seinen eigenen Stempel auf, indem er etwa den Zinsentscheid seines Vorgängers Jean-Claude Trichet rückgängig machte und dessen lächerliche Codewörter[1] abschaffte.

Eine Gewohnheit hat Draghi jedoch von seinem Vorgänger übernommen: Die Neigung, deutsche Vertreter im EZB-Rat mit unkonventionellen geldpolitischen Entscheidungen zu verärgern. Trichet bediente sich dabei solange einer Zermürbungstaktik, bis der Vertreter der Bundesbank entnervt zurücktrat. Draghi hingegen hat den derzeitigen Chef der deutschen Zentralbank, Jens Weidmann, mit seinen Entscheidungen einfach plattgewalzt. Und das funktioniert. Denn die Menschen mögen Draghi nicht deshalb, weil er so viel aufs Spiel gesetzt hat, sondern weil er dieses gewann.

 

Folgenschweres U-Wort

Ausschlagend für Mario Draghis Erfolg  war aber etwas ganz anderes. So hatte er früh erkannt, dass die Investoren an den Finanzmärkten nicht nur die Risiken, die sich aus den hohen Schulden der Länder an der Peripherie der Eurozone ergaben, sondern auch noch die Gefahr eingepreist hatten, dass die Eurozone auseinanderfallen könnte und einige ihrer Mitgliedstaaten zu ihrer früheren Währung zurückkehren würden. Seiner Ansicht nach aber war diese zusätzliche Risikoprämie nicht gerechtfertigt; sie würde stattdessen nur die Not der finanziell angeschlagenen Südländer vergrößern und so zur Verstärkung des bereits bestehenden Teufelskreises führen. Kurzum: Diese Risikoprämie musste weg. Und der EZB-Präsident wusste auch, wie das zu bewerkstelligen war – jeder gute Zentralbanker weiß, wie man eine ungerechtfertigte Risikoprämie beseitigt: Man muss nur das U-Wort sagen: unlimited (unbegrenzt).

An den Finanzmärkten, wo die meisten Teilnehmer mit limitierten Einsätzen handeln, hat ein Akteur mit unbegrenzten Mitteln marktbeeinflussenden Charakter. Allerdings sind die Zentralbanken die einzigen Marktteilnehmer, die ohne eine solche Begrenzung agieren können. Und auch nur dann, wenn sie ihre Maßnahmen durch  Gelddrucken unterstützen können. So kann eine Zentralbank im Devisenmarkt unbegrenzt intervenieren, indem sie ihre eigene Währung druckt und diese gegen Fremdwährung verkauft. Wenn eine Zentralbank jedoch ihre eigene Währung kaufen muss, um einem Kursverfall vorzubeugen, werden diese Mittel durch die Währungsreserven begrenzt, die sie dafür verkaufen muss. Deswegen konnte auch ein einziger Hedgefonds Anfang der 1990er Jahre die mächtige Bank von England in die Knie zwingen, während es der kleinen Schweizer Nationalbank (SNB) gelang, die massiven Kapitalströme in den Franken erfolgreich abzuwehren. Auch hier hing alles vom U-Wort ab.

 

Konsequente SNB hilft letztlich auch der EZB

Auch wenn Mario Draghi bislang keinen einzigen Euro drucken musste, um sein Versprechen, im Zweifel unbegrenzt Staatsanleihen zu kaufen, einzulösen, genügte den Investoren bereits allein das Wissen, die EZB wäre im Ernstfall dazu imstande, die Risikoaufschläge für den Fall eines Auseinanderbrechens des Euro verschwinden zu lassen. Mit der Folge, dass sich die wirtschaftlichen Bedingungen in der Eurozone inzwischen verbessert haben (wo ist eigentlich Jens Weidmann geblieben?). In diesem Zusammenhang darf die SNB jedoch einen Teil des Lobes für sich in Anspruch nehmen, denn sie erinnerte die Investoren tatkräftig daran, was der Begriff unbegrenzt in der Praxis bedeutet. Hätten die Schweizer während der Verteidigung des Interventionsniveaus gegenüber dem Euro bei 1,20 CHF ihre Nerven verloren, hätte sich auch nur eine einzige Schweißperle auf der Stirn des SNB-Chefs gebildet oder die Nationalbank auch nur einen Franken zu wenig gedruckt – Mario Draghis Politik hätte erheblich mehr Geld gekostet.




[1] Jean-Claude Trichet benutzte bei Pressekonferenzen Abstufungen des Begriffes „vigilant“ (wachsam), um den nächsten geldpolitischen Schritt der EZB durch die Blume anzukündigen, um sich nicht für die nächste Ratssitzung festlegen zu müssen.

 

Autor: Herman Brodie, aus dem Englischen übertragen von Joachim Goldberg

 

 


Weitere Informationen zum Autor und der Behavioral Finance: www.blognition.de.


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Gastautor

Joachim Goldberg ist geschäftsführender Gesellschafter der cognitrend GmbH und Autor des Blog www.blognition.de. Dessen erklärtes Ziel ist es, die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Behavioral Finance/Economics in der Praxis darzustellen und aktuelle Ereignisse aus einem verhaltensorientierten Blickwinkel zu kommentieren.

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