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Adieu Marktwirtschaft? Top-Ökonomen fordern grundlegenden Umbau des deutschen Sozialstaats

04.04.2016, 14:55  |  4405   |   |   

Der deutsche Sozialstaat liegt den beiden Top-Ökonomen Marcel Fratzscher und Clemens Fuest auf dem Magen. „Wir benötigen ein grundlegendes Umdenken in unserer Bildungspolitik, mehr Steuergerechtigkeit, eine smartere Familienpolitik und müssen die Vergessenen der Arbeitsmarktreformen mitnehmen“, sagte Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), gegenüber der „Welt am Sonntag.“ 

Tschüss kostenlose Ausbildung und Tschüss Mittelschicht? 

DIW-Ökonom Fratzscher sieht unter anderem im Bildungssystem einen erheblichen Reformbedarf: „Es gibt zu wenige Betreuungsplätze, zu wenige Ganztagsschulen, und dies wird sich durch die Flüchtlingskrise noch einmal verschärfen.“ Auch der frisch gekürte Chef des ifo-Instituts Clemens Fuest fordert Reformen im Bildungssektor: „Wir bieten eine Uni-Ausbildung zum Nulltarif, verlangen aber Kindergartengebühren. Wir müssten es umgekehrt machen und mehr in den Vorschulbereich investieren.“ Daneben müsse auch die Altersvorsorge "neu ausgerichtet" werden. „Wir brauchen eine staatlich verpflichtende Vorsorge, bei der nur Bedürftige Zuschüsse erhalten und weniger die Mittelschicht“, sagte Fuest.

Ungleichheit in Deutschland - Ist die soziale Marktwirtschaft am Ende?
 
Uneins sind sich die beiden Ökonomen in der Frage, ob die Ungleichheit in Deutschland zu hoch ist. So widerspricht Fuest den Thesen in Fratzschers neuem Buch „Verteilungskampf“. „Deutschland ist bei der Ungleichheit ein vergleichsweise unproblematisches Land“, sagte Fuest. Fratzscher These, aus dem „Wohlstand für alle“ sei ein „Wohlstand für wenige“ geworden, sei irreführend. "Und ich sehe die Gefahr, dass solche Thesen nur in eine ideologische Debatte münden, die sich gegen das markwirtschaftliche System als Ganzes richtet“, so Fuest. „Wir sollten das deutsche Modell der sozialen Marktwirtschaft nicht schlechtreden. Es ist nicht tot, es lebt.“ Fratzscher hingegen sagte: „Wir müssen unsere Scheuklappen ablegen nach dem Motto: Wir sehen nicht, was wir nicht sehen wollen. Denn die steigende Ungleichheit und der Verteilungskampf in unserem Land sind nichts, worauf wir stolz sein können."

Kluft zwischen Arm und Reich

Die Einkommen von gut und schlecht verdienenden Haushalten gehen in Deutschland immer weiter auseinander, berichtete wallstreet:online vor Kurzem unter Berufung auf die Frankfurter Allgemeine Zeitung (F.A.Z.) und der staatlichen Förderbank KfW. Demnach konnten die am besten verdienenden Haushalte ihr verfügbares Einkommen in den Jahren 2000 bis 2014 im Schnitt fast um 40 Prozent steigern. Bei den am wenigsten verdienenden Haushalten stieg es gerade einmal um 6 Prozent. Somit ist in vier von 10 Haushalten das verfügbare Einkommen nicht einmal mit der Teuerungsrate gestiegen. Sie können sich also heute weniger leisten als im Jahr 2000.

Ungleichheit in einer Marktwirtschaft normal oder nicht?

Es sei „nicht für unspektakulär, Menschen ihrer Lebenschancen zu berauben“, kritisierte Fratzscher im Gespräch mit der Wochenzeitung „Die Zeit“. Er sehe im Kampf gegen die mangelnde Chancengleichheit „eine der dringendsten und wichtigsten Herausforderungen unserer Zeit“. Andere Ökonomen würden das Problem unterschätzen, weil sie davon ausgingen, dass Ungleichheit in einer Marktwirtschaft normal sei.

Laut Fratzscher habe sich Deutschland in den vergangenen Jahren zu „einem der ungleichsten Länder der industrialisierten Welt“ entwickelt zitierte ihn das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Dadurch seien allein im Zeitraum zwischen 1990 und 2010 Wachstumseinbußen im Wert von 160 Milliarden Euro zu verzeichnen gewesen, rechnet der DIW-Chef unter Bezug auf eine Studie der Industrieländer-Organisation OECD vor. Im Endergebnis sei eines festzuahlten: „Die soziale Marktwirtschaft existiert nicht mehr.“ (mehr dazu hier und hier)



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Kommentare

Einwandfrei mein einkommen ist nun geschrumpft, dank dieses komischen krankenkassen-zusatzbeitrages, supersache. ordentlich ich hoffe das der noch weiter ansteigt, umso weniger kann man konsumieren, ich freu mich schon drauf auf den totalen kollaps dieser komiker-wirtschaft.
Wieso überhaupt noch ein beitragsbezogenes System,zb für Rente,wenn Merkel immer wieder losrennt und einfach Geld ins Ausland schleppt,welches besser verwendet werden würde,um die heimischen angeschlagenen Sozialsysteme zu unterstützen,die von ihrer Politik stets am meisten belastet werden?
Beitragsbezogen können zb auch die Länder in einen Europa-Fonds einzahlen,die von Merkel gerettet werden möchten,falls sie sich wieder einmal eine Knallerei leisten,..
Man darf es einfach nicht falsch verstehen,aber solche sozialen Absicherungen sind verdammt teuer und wir zahlen beitragsbezogen mehr ein,als andere Europäer,es erschüttert die Grundfesten der Republik,wenn eine Regierung es soweit treibt,dass trotz der hohen Beiträge in den fetten Jahren hier eine Zahlungsunfähigkeit dieser Systeme überhaupt besprochen wird,soll Merkel um Hilfe ersuchen,in ihrem Europa,die Griechen wurden auch x-mal gerettet,um Deutschland Euro-teilnahmefähig zu machen,wurde immerhin gegen die ausdrücklichen Weisungen des BVG eine Rentenreform durchgeführt,da hätte Herr Schröder auch um Hilfe rufen können,"Hilfe,hilfe,wir haben soviel institutionellen Mißbrauch betrieben,dass wir die ganze Rentenkasse lehr gesoffen haben",das währe vorab auch ein guter Solidaritätstest gewesen,...ich glaube,wir alle kennen das Resultat !
Marktwirtschaft,und dann auch noch Soziale?Entschuldigung liebe WO-Cummunity.Wo haben die beiden Ökonomen die letzten Jahre verbracht?Unter Marktwirtschaft verstehe ich den fairen Wettbewerb um den grösstmöglichen Nutzen für Alle.Unter sozialer Marktwirtschaft,verstehe ich das Gleiche mit Barmherzigkeit für jene,welche es nachweislich verdient haben!Das jedoch,was seit ca.2003 abläuft,ist mit dem Begriff Manchesterkapitalismus nur kuschelweich bezeichnet.Ultralockere Geldpolitik,Minuszinsen,Nuttenbanken ausser Rand&Band,Bilderberger&Davosbefürworter,Flüchtlingsvölkerwanderungen wg.Arabischem Frühling&geographischer Interessen sind leider die Tatsachen!Dem Topagenten Ihrer Majestät,gehen mit Sicherheit demnächst nicht die Themen für ultraspannende Actionfilme aus.ist ja auch was.Traumfabrik Welt.

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