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Ich hatte Unrecht bei Gilead Sciences

Nachrichtenquelle: The Motley Fool
15.03.2017, 08:30  |  956   |   |   

Als Gilead Sciences (WKN:885823) die Gewinne vor einigen Tagen meldete, war ich erstaunt. Das Management gab einen Ausblick für 2017 von 7,5 bis 9 Milliarden US-Dollar bei den Hepatitis-C-Umsätzen. Das waren 50 % weniger verglichen mit den Ganzjahresergebnissen von 14,8 Milliarden US-Dollar aus dem Jahr 2016.

Ich hätte gedacht, dass der Hepatitis-C-Franchise langsam mal den Boden erreicht hätte.

Da lag ich wohl falsch.

Ich kann meinen Fehler nicht ungeschehen machen, aber du kannst etwas daraus lernen. Bildquelle: Getty Images.

Die ganze Geschichte

Im Gesundheitssektor kommt es bei den Umsätzen auf zwei Dinge an: Den Preis und die Zahl der behandelten Patienten. Gilead wurde in beiden Disziplinen schwer mitgenommen, obwohl das Management erwartet, dass das Hepatitis-C-Medikament Harvoni 2017 stabilere Preise haben sollte. Dieser soll bei 15.000 US-Dollar pro Flasche liegen. Ursprüngliche lag der erste Listenpreis mal bei 94.530 US-Dollar. Die Investoren sollten sich über diese Stabilisierung freuen. Das kommt zwei Jahre nachdem Gilead bei den Preisen sich dem Wettbewerbsdruck durch Medikamente von AbbVie und Merck beugen musste.

Zum großen Leidwesen der Investoren soll das Patientenvolumen weiterhin fallen, da die Patienten einfach immer gesünder werden. Da Hepatitis C eine Krankheit ist, die langsam verläuft, haben diese etwas gesünderen Patienten jetzt noch Jahre vor sich, bevor sie wieder ernsthaft in Gefahr schweben. In diesen Jahren werden viele Krankenversicherungen versuchen, die weitere Heilung aufzuschieben, in der Hoffnung, dass die Preise in Zukunft weiter sinken werden.

Wir dürfen aber nicht vergessen, dass wir uns jetzt gerade auf unerforschtem Terrain befinden. Das Unternehmen verkauft ein Wundermedikament, das in 90 % der Fälle die Heilung für eine Krankheit mit sich bringt, mit der 150 Millionen Menschen weltweit laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation infiziert sind. Es war das erste Mal, dass ein wirklich teures Medikament für eine so gängige Krankheit vermarktet wurde. Es war praktisch unmöglich, die Marktdynamik vorherzusagen.

Ich habe trotzdem einen Fehler gemacht. Ich habe mir nicht ernsthaft überlegt, was eine bedeutende Erosion der Patientenbevölkerung mit sich bringen würde. Ich dachte mir, dass die ganze Sache vielleicht um 20 oder vielleicht sogar 25 % einbrechen würde. Aber einen Rückgang um fast 50 % im Jahr 2017 hatte ich nicht in meine Berechnungen miteinbezogen.

Das hätte ich aber tun sollen. Ich hätte verschiedene Szenarien analysieren müssen und mir ansehen müssen, was in verschiedenen Szenarien mit der Aktie passieren würde.

Wie ich aus meinem Fehler gelernt habe

Ich habe entschieden, meinen Investmentprozess um einen Schritt zu erweitern. Von jetzt an werde ich mir ein Basisszenario, den Bullenfall und den Bärenfall überlegen. Ich werde mich fragen, was ein vernünftiges Wachstumsniveau wäre und das mit der Vergangenheit abgleichen. Dann werde ich meine Vorhersagen in Richtung Optimismus und Pessimismus verschieben. Für jedes dieser drei Szenarien werde ich Kennzahlen ansetzen basierend auf dem, was Unternehmen unter ähnlichen Umständen in der Vergangenheit hatten. Dann werde ich mir die Folgen diese Szenarien überlegen.

Im Folgenden habe ich dir ein einfaches Beispiel gegeben, wie das alles aussehen könnte. Ich habe einige Annahmen angestellt (gleiche Zahl der Aktien, ähnliche Margen etc.), die sich wahrscheinlich in der realen Welt nicht so ereignen werden. Dadurch habe ich versucht, die Zahl der Variablen ein bisschen zu reduzieren. Ich mache das nicht, weil ich faul bin. Ich versuche mich nur auf das große Ganze zu konzentrieren, damit wir uns nicht in den Details verlieren.

Bei der jährlichen Aktionärsversammlung von Berkshire Hathaway wurde Warren Buffett gefragt, warum er seine eigene Due-Diligence-Prüfung vornimmt, anstatt ein ganzes Team jedes einzelne Detail ansehen zu lassen. Seine Antwort lautete: “Unsere Fehler bei Übernahmen gründen sich nicht auf bestimmten Arbeitsverträgen, es ist auch keine Frage von Patenten oder Dingen, die man auf einer Checkliste für Übernahmen findet. Wir haben ein halbes Dutzend Fehler gemacht, aber keiner davon könnte dadurch vermieden werden, mehr Due Diligence vorzunehmen. Wir können diese Fehler vermeiden, indem wir ein bisschen klüger werden. Wir können uns die Manager ansehen, die Geld von uns bekommen und von denen wir Aktien bekommen. Wir können uns ansehen, ob diese Manager sich in Zukunft anders verhalten werden als in der Vergangenheit. Das ist unglaublich wichtig, aber keine Checkliste auf diesem Planeten wird uns die Antworten auf diese Fragen geben.”

Man muss das große Ganze in dieser Industrie verstehen und die Möglichkeiten von Gilead. Man muss verstehen, welche Bedrohungen das Unternehmen vor sich hat. Das wird einem helfen, eine bessere Investmententscheidung zu treffen, als wenn man sich auf jede Menge Zahlen konzentriert. Diese zusätzliche Präzision gibt einem vielleicht die Illusion, genauer zu arbeiten. Ich erwarte aber nicht, dass eines von diesen drei Szenarien genau genug ist. Wir wollen damit nur in etwa den Bereich abstecken, was passieren könnte basierend auf dem, was wir heute wissen.

Gilead Sciences in 2022 Bärenszenario Basisszenario Bullenszenario
HCV-Umsatz 0 USD 3 Mrd. USD 7 Mrd. USD
HIV-Umsatz 10 Mrd. USD 16 Mrd. USD 19 Mrd. USD
Andere Umsätze 2 Mrd. USD 8 Mrd. USD 15 Mrd. USD
Gewinn 4,63 10,41 15,81
Dividende 2,08 3,35 5,18
KGV 7 12 25
Kurs 32,41 124,92 395,25

Datenquelle: Berechnungen des Autors.

Im Bärenszenario nehme ich an, dass die Hepatitis-Umsätze auf Null fallen, die HIV-Umsätze um 20 % weiter abstürzen. Dabei wäre GlaxoSmithKline zu erwähnen. Ich nehme an, dass Gilead es nicht schafft, ein einziges Medikament aus der Pipeline zu bekommen und nichts mit seinem Geldberg anstellen wird, der aktuell 32 Milliarden US-Dollar beträgt. Das Unternehmen wird die Dividende auch belassen und den zukünftigen Cashflow dafür aufwenden. In unserem Szenario hätte Gilead auch einen Kurs-Gewinn-Verhältnis von 7, das ziemlich nahe am aktuellen Wert liegt.

Bei diesem Kurs hätten wir eine Dividendenrendite von 6 %, was sehr hoch für den Gesundheitssektor ist. Das ist aber nicht unmöglich für ein Unternehmen, das nicht mehr wächst wie GlaxoSmithKline, das etwa 5 % abwirft.

Das Basisszenario bedeutet, dass das Kerngeschäft weiter fällt, die Verluste aber größtenteils von einer Übernahme ausgeglichen werden. Gilead hat bereits signalisiert, dass man sehr daran interessiert wäre, Übernahmen zu tätigen. Ich nehme an, dass die Hepatitis-C-Umsätze mehr als 60 % von dem Punkt fallen werden wo sie im nächsten Jahr stehen sollen, da weitere Zugeständnisse beim Preis und Verluste beim Marktanteil dieses Geschäft weiterhin zerstören werden. Die HIV-Umsätze sollten in meinem Szenario 5 % jährlich steigen, da das Unternehmen neue Marktanteile mit den neuen Medikamenten Genvoya, Odefsey und Descovy gewinnen wird. Das wird aber teilweise davon nach unten gezogen, dass der Patentschutz um die Umsätze einiger älterer HIV-Medikamente auslaufen. Gilead wird sein Geld benutzen, um eine Übernahme zu tätigen, die die Umsätze außerhalb der Bereiche HCV und HIV erhöhen wird. Das wird reichen, um die jährlichen Umsätze und den Gewinn pro Aktie um 10 % jährlich zu erhöhen. Der Markt wird das Unternehmen dann als eine Value-Aktie anstatt als eine Wachstumsaktie sehen.

Im Bullen-Szenario nehme ich an, dass sich die Umsätze im Bereich HCV im nächsten Jahr stabilisieren werden. Die HIV-Umsätze sollten sich verbessern, da mehr von Gileads neuen HIV-Medikamenten Marktanteile gewinnen und sich gegen die Konkurrenz durchsetzen werden. Gilead wird auch eine Übernahme tätigen, die die Pipeline vergrößern und die ganze Situation ändern wird. Zusammen mit einigen Erfolgen aus Medikamenten aus den internationalen Märkten, die sich zu neuen Höhenflügen aufmachen, wird das Unternehmen seine Dividende jährlich um 20 % erhöhen können. Der Markt wird das Unternehmen als ein wachsendes Pharma-Unternehmen mit hoher Marktkapitalisierung sehen und ihm einen Kurs-Gewinn-Verhältnis verpassen, das über dem S&P 500-Durchschnitt liegt.

Es ist niemals so einfach

Die Antwort liegt natürlich irgendwo dazwischen. Vielleicht wächst der Bereich HIV wie im Bullenszenario besprochen, aber Hepatitis C fällt auf Null. Vielleicht fallen auch beide auf Null, aber Gilead könnte trotzdem eine Übernahme tätigen oder könnte gute Nachrichten aus der Pipeline liefern.

Wir versuchen hier nicht die Zukunft vorherzusagen, sondern wir versuchen eine Reihe von Möglichkeiten abzugrenzen und uns zu überlegen, was passieren könnte. Dabei konzentrieren wir uns auf die Vergangenheit mit dem Basisszenario und vergleichen das dann mit den Bullen- und dem Bärenszenario.

Du kannst die dargelegten Fälle auch auf deine Investitionen und deinen eigenen Lernprozess anwenden. Überlege dir die verschiedenen Risiken und was deine Investitionen in verschiedenen Szenarien wert wären. Du kannst dir auch überlegen, ob du mit den Ergebnissen leben könntest.

Wir dürfen aber nicht vergessen, dass uns die Sache immer noch kalt erwischen wird und dass der Markt immer Dinge tun wird, die nicht mit unseren Gedankenmodellen übereinstimmen. Darin liegt aber auch oft der Spaß beim Investieren.

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The Motley Fool hält und empfiehlt Gilead Sciences.

Dieser Artikel wurde von Michael Douglass auf Englisch verfasst und wurde am 09.03.2017 auf Fool.com veröffentlicht. Er wurde übersetzt, damit unsere deutschen Leser an der Diskussion teilnehmen können.

Dieser Artikel wurde ursprünglich auf fool.de veröffentlicht.

Wertpapier: Gilead Sciences


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