Antwort auf Beitrag Nr.:
31.365.131 von boersentrader02 am 01.09.07
18:55:07Seit gestern treten sie wohl nur noch im Rudel
auf. Ob es sich dann leichter erklären lassen kann ?
Die stille Rückkehr von "Mister Dausend"
von Angela Göpfert
Das Börsenguru-Comeback des Jahres ist eines durch die Hintertür:
Bernd Förtsch hat das "100-Prozent-Projekt" gestartet.
Unterstützung erhält er dabei von einem BWL-Studienabbrecher. Man
darf gespannt sein, wie viele Ahnungslose diesmal seinen
Aktientipps Glauben schenken werden.
Man muss sich Bernd Förtsch als einen glücklichen Menschen
vorstellen. Sisyphusgleich versucht der einstige
Gebrauchtwagenhändler immer wieder aufs Neue, auch
Privatinvestoren an seinem "exklusiven Börsenwissen" teilhaben zu
lassen.
Legendär ist Förtschs Aktientipp in der "3Sat Börse", als er das
Kursziel für die Morphosys-Aktie auf 1.000 Euro anhob. Dank
seiner Empfehlung wurde der Morphosys-Kurs für kurze Zeit in
luftige Höhen getrieben, dann aber kam der rapide Absturz bis zum
historischen Tiefstkurs von 4,77 Euro. Zuletzt lag der Titel bei
rund 37 Euro.
"Scalping"-Vorwürfe nie bewiesen
Seit dieser vollmundigen, im breitesten Fränkisch vorgetragenen
Empfehlung als "Mister Dausend" verspottet, agierte Förtsch
zunehmend im Hintergrund: Der breit investierte Unternehmer mit
Sitz in Kulmbach gibt unter anderem die Anlegerzeitschrift "Der
Aktionär" heraus, berät den Vermögensaufbaufonds HAIG, startete im
April den Online-Broker Flatex und ging im August mit seinem
eigenen Internet-Sender, dem Deutschen Anleger Fernsehen (DAF), auf
Sendung.
Immer wieder monierten Kritiker, dass Förtsch bestimmte Aktien
empfiehlt, um die Performance seiner Fonds zu verbessern, oder gar
um Kurse unzulässig zu manipulieren ("Scalping"). Nachweisen konnte
man ihm das allerdings nicht.
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"Wir wollen keine marktengen Werte hochjubeln"
So bescheiden? Diesmal "nur" 100 Prozent Rendite
Nun wagt sich Förtsch mit seiner Börsenmedien AG erneut mit einer
revolutionären Geschäftsidee aus der Deckung: dem
"100-Prozent-Projekt".
Für schlappe 1.000 Euro werden die
Teilnehmer per Mail und SMS "über wichtige Veränderungen und
aktuelle Chancen im Aktienmarkt" informiert. Vor allem aber
können sie im "virtuellen Aktienclub" die Entwicklung eines
"Echtgelddepots" nachvollziehen, das innerhalb von zwei Jahren eine
Rendite von 100 Prozent verspricht.
Obwohl auf der gleichnamigen Website noch ein Start "in Kürze"
angekündigt wird, wurde das Echtgelddepot bereits im Mai aufgelegt,
wie boerse.ARD.de im Gespräch mit dem Depotführer Florian Söllner
erfahren konnte.
Mister Borussia Dortmund
Denn der 44-jährige Förtsch hält sich auch bei seinem neuen
Anlegerprodukt dezent im Hintergrund, sein Name taucht nur im
Impressum auf. Stattdessen schickt er junge "Medientalente" wie
Stefan Eichner oder eben Florian Söllner vor ins Rampenlicht. Sie
sind es, die die Anleger ködern sollen.
Zumindest Söllner ist darin nicht ganz unerfahren: Selbst ein Kind
der "New Economy" – zwei Semester BWL, dann Gründung eines Startups
– hat sich Söllner in der Vergangenheit vor allem als Chefredakteur
von Zeitungen wie "Bluebull Today" hervorgetan.
Diese empfahl zum Beispiel im März 2004 die Aktie des
Fußballvereins Borussia Dortmund: Der BVB habe "das Gröbste
überstanden", werde "das Tal der Tränen wieder sehr schnell
verlassen", und die BVB-Aktie sollte "auf jeder Watchlist stehen".
Damals lag die BVB-Aktie im Schnitt bei 2,8 Euro; diesen Wert
sollte sie bis heute nie mehr erhalten, sie stürzte seither auf bis
zu 1,64 Euro ab.
Erfahren im Umgang mit Börsengurus
Bei der selbsternannten "Ersten Multimediazeitung" konnte er dann
auch erste Erfahrungen im Umgang mit eher zweifelhaften Börsenstars
sammeln – "Bluebull Today" wurde von Michael "Mike" Lielacher
herausgegeben: Anfang der 1990er Jahre noch ein umjubulter Wiener
Börsenguru, meldete Lielacher mit seiner börsennotierten Firma
Bluebull 2005 Konkurs an.
Verbindungen zur "Kulmbach-Connection" bestehen bei Söllner
spätestens seit November 2005. Damals legte er das Musterdepot des
wöchentlichen Börsenbriefs "Open-Market-Reports" auf, das angeblich
bereits "150 Prozent im Plus" liegt.
Der Guru hat immer Recht
Dabei ist das Perfide an solchen Echtgeld- oder Musterdepots stets:
Je mehr Leute die empfohlenen Aktien kaufen, desto höher treiben
sie die Kurse - und damit treten auch die Weissagungen der
Propheten ein. Dieser Effekt tritt vor allem bei selten
gehandelten, marktengen Papieren auf. Springt der Kleinanleger zu
spät auf den fahrenden Zug auf, zahlt er einen wesentlich höheren
Preis als der Depot-Manager.
Ein weiteres Problem bei kleinen Aktien: Sie sind zwar leicht zu
kaufen, aber oftmals schwer zu verkaufen, weil sie wenig gehandelt
werden. Bestes Beispiel für ein solch marktenges Papier ist
übrigens die Aktie der Vectron Systems AG, die auf der Homepage des
"100-Prozent-Projektes" als "Top-3-Performer" gelistet wird. Von
dem Produzenten "intelligenter Kassensysteme" sind insgesamt gerade
einmal 500.000 Aktien im Umlauf, an einem "normalen" Donnerstag
werden sogar nur 200 Stück gehandelt, die allein ein Plus von 2,5
Prozent bewerkstelligen können.
1.000 Euro Mitgliedsgebühr
Allerdings wehrt sich Söllner im Gespräch mit boerse.ARD.de gegen
den Vorwurf, auch beim 100-Prozent-Projekt auf marktenge Werte zu
setzen – im Gegenteil: "Die Clubmitglieder präferieren eher liquide
als marktenge Werte. Marktenge Werte hochzujubeln ist nicht Teil
unserer Anlagestrategie." Nachprüfen kann diese Behauptung freilich
keiner, der nicht gewillt ist, die erforderlichen 1.000 Euro
Clubmitgliedsgebühr abzudrücken.
Dieses Investment konnten die Clubmitglieder zumindest in den vier
Monaten noch nicht wieder "reinholen": Laut Söllner liegt selbst
das Echtgelddepot zurzeit noch bei "plusminus Null". Und das,
obwohl nicht zuletzt der Derivatemarkt mit seinen Hebelprodukten,
der ja ausdrücklich Teil der "100-Prozent"-Anlagestrategie sein
soll, zahlreiche Möglichkeiten bietet, von fallenden Kursen zu
profitieren beziehungsweise sich gegen diese abzusichern.
Aktionäre sollten sich an eigenen Kopf greifen
So ist auch das wirklich Erschreckende an Bernd Förtsch und seinem
"100-Prozent-Projekt" weder die Existenz eines solchen Gurus, noch
dessen Geschäftsidee, Privatinvestoren für viel Geld Aktientipps zu
verkaufen von Experten, deren Know-how man zumindest anzweifeln
darf. Das zeugt - positiv überhöht - immerhin noch von
unternehmerischem Geist.
Schockierend ist vielmehr, dass es offenbar genügend Anleger
gibt, die auf Muster- und Echtgelddepots sowie Aktientipps von
selbsternannten Börsenexperten hereinfallen. Das Heer dieser
ahnungslosen Aktionäre berücksichtigt leider nicht, dass keine
Zeitschrift, kein Musterdepot und kein Guru ihnen das Selbstdenken
erspart.[/