Aus der FTD vom 27.6.2001
Aixtrons Informationspolitik im Zwielicht
Von Anton Notz und Christian Baulig, Hamburg
Dem Star am Neuen Markt wird vorgeworfen, Prognosen über
seine Wachstumschancen allzu optimistisch auszulegen.
Aixtron ist der Liebling der Analysten. Der Maschinenbauer
aus Aachen schafft es seit Jahren, von Quartal zu Quartal
die Schätzungen der Beobachter zu übertreffen. Was diese
wiederum verleitet, Aixtron als Musterknaben des Neuen
Markts zu preisen und seinen Anlegern wärmstens zu
empfehlen.
Mit Julius Bär schert nun erstmals eine Bank aus. "Die
Story von Aixtron weist etliche Risiken auf. Im nächsten
Jahr hat das Wachstumsunternehmen wohl kaum mehr
Wachstum", sagt Analyst Jochen Klusmann. Seine Studie,
durch die Aixtron in den letzten beiden Tagen ein Sechstel
seines Wertes verlor, enthält aber noch brisantere
Hinweise: Das Papier lässt durchblicken, dass die für
ihre Anlegerinformationen preisgekrönten Aixtron-Manager
bei Investoren mit schöngefärbten Prognosen hausieren
gehen.
Hausieren mit veralteten Studien
Beispielsweise gibt Aixtron in seiner
Unternehmenspräsentation an, dass der Markt
für Leuchtdioden (LED) bis 2008 jährlich um 50 bis 100
Prozent wachse. Dabei beruft sich das Unternehmen, das
Produktionsanlagen für LEDs und andere Verbingungshalbleiter
herstellt, auf eine Untersuchung des renommierten
Instituts Strategies Unlimited. "Eine veraltete Studie,
die sich außerdem nur auf einzelne Teilsegmente des
LED-Marktes bezieht und daher keineswegs das Wachstum des
Gesamtmarktes widerspiegelt", sagt Klusmann. "In der
neuesten Strategies-Unlimited-Studie wird das jährliche
Wachstum des gesamten Marktes auf nur 23 Prozent
veranschlagt."
Ein feiner Unterschied mit enormer Tragweite: Aixtron ist
bei der Ausrüstung von Verbindungshalbleiter-Herstellern
mit einem Anteil von 56 Prozent Weltmarktführer. Und die
Hälfte des Umsatzes von 158 Mio. Euro entfiel 2000 auf
LED-Maschinen.
Unschärfen macht Julius Bär auch bei Aixtrons Darstellung
des Geschäfts mit Solarzellen für Satelliten aus. Unter
Berufung auf eine Studie von Teal Group beruft sich das
Unternehmen auf ein jährliches Wachstum von über
30 Prozent bis zum Jahr 2008. Mittlerweile rechnen die
US-Marktforscher jedoch mit einem deutlichen Rückgang der
Satellitenstarts von 2002 an. Danach werde die Zahl der
Starts von gut 200 im laufenden Jahr auf weniger als
50 sinken.
Schwankende Informationspolitik
Die Informationspolitik des Unternehmens unterliegt starken
Schwankungen. Wann immer es einen noch so kleinen Erfolg
gibt, weist der Pionier am Neuen Markt in Ad-hoc-Mitteilungen
eilig darauf hin - etwa wenn an der Kreuzung
Roermonder/Kackertstraße in Aachen eine Ampel mit
Leuchtdioden ausgerüstet wird. Aber mit Veränderungen
substanzieller Marktvorhersagen, die Aixtrons Zukunft
bestimmen, hält sich das Management offenbar vornehm
zurück.
Dabei gilt das Unternehmen, das 1984 als Spinoff der
Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule gegründet
wurde und 1997 an die Börse ging, eigentlich auch bei
Anlegerinformationen als Vorzeigeunternehmen. Erst im
Mai hatte "Focus" Aixtron für seine "faire und aktuelle
Informationspolitik" ausgezeichnet. Erstmals erhielt damit
ein Neuer-Markt-Unternehmen bei professionellen wie
privaten Anlegern die Spitzennote. Und im vergangenen Jahr
bekam Aixtron mit Traumnoten den Investor-Relations-Preis
von "Capital".
Nun gerät die Informationspolitik des Preisträgers ins
Zwielicht. Alles nur ein Missverständnis, ähnlich wie im
Frühjahr, als der Maschinenbauer angeblich "vergessen"
hat, die seit Wochen fertige Bilanz an die Deutsche Börse
zu schicken? Claus Ehrenbeck, Investor-Relations-Manager
von Aixtron, sagt, die Wachstumsprognosen, die das
Unternehmen an die Öffentlichkeit trage, seien nicht
geschönt. Sie bedürften lediglich "einer mündlichen
Erläuterung". Ehrenbeck: "Wir führen niemanden in die
Irre."
Kleiner Rückzieher
Wenn Aixtron zum Beispiel ein Marktwachstum von bis zu
100 Prozent bei Leuchtdioden prognostiziere, gehe es um
ausgewählte Bereiche in diesem Marktsegment, etwa für die
Innenraumbeleuchtung von Autos. Außerdem müsse man bei den
Zukunftsrechnungen den Preisverfall vieler elektronischer
Komponenten berücksichtigen: Selbst wenn der Umsatz von
Halbleiterherstellern stagniere, steige die Fertigungsmenge
jedes Jahr mit zweistelligen Prozentraten. Und das nütze
Ausrüstern wie Aixtron. Aus diesem Grunde, so Ehrenbeck,
habe das Unternehmen die Strategies-Unlimited-Zahlen
"in Stückzahlen übersetzt".
Einen kleinen Rückzieher machen die Aachener aber schon.
Ohne es an die große Glocke zu hängen, greifen sie seit
zwei Wochen das aktuelle Strategies-Zahlenwerk auf und
sagen für das LED-Geschäft nur noch einen jährlichen
Zuwachs von knapp 50 Prozent voraus.
Problematisch sind auch die Aixtron-Zahlen fürs Solarzellen-
Geschäft. Mit grandiosen Wachstumszahlen der Branche will
der Maschinenbauer Analysten und Investoren beeindrucken.
Tatsächlich erzielt Aixtron seit zwei Jahren keine Umsätze
mit Anlagen, die Solarzellen für Satelliten
herstellen. "Das ist kein Thema mehr für uns",
sagt IR-Manager Ehrenbeck.
Gut gefüllte Auftragsbücher
Noch sind die Auftragsbücher gut gefüllt. Selbst die Kritiker
von Julius Bär gehen davon aus, dass Aixtron 2001 Umsatz
und Gewinn des Vorjahres übertreffen wird. 2002 allerdings
könnte das Unternehmen "erhebliche Schwierigkeiten" haben,
seinen Umsatz signifikant zu steigern. Wichtige Kunden von
Aixtron wie Siemens, Philips, Alcatel, Nortel und Lucent
haben ihre Aktionäre bereits gewarnt, dass die Gewinne im
laufenden Geschäftsjahr geringer ausfallen werden als
bisher angekündigt.
Vorstand Kim Schindelhauer scheint auch dies nicht zu
beunruhigen. "Im Glasfaserbereich investieren auch
Unternehmen kräftig, die in letzter Zeit Gewinnwarnungen
herausgegeben haben", sagte der Aixtron-Chef in einem
Fernsehinterview.
Die Mehrzahl der Analysten schenken Schindelhauer nach wie
vor Glauben. "Aixtron kann sich dem abgeschwächten
Marktumfeld nicht völlig entziehen", sagt Matthias Schneck
von der HypoVereinsbank, "trotzdem glauben wir, dass das
Unternehmen das angestrebte Wachstum erreichen wird.
" Auch Harald Schnitzer von der DG Bank ist
optimistisch: "Die Aktie hat bisher fundamental nicht
enttäuscht", sagt er. Seine Empfehlung: kaufen.
© 2001 Financial Times Deutschland
Quelle:
http://www.ftd.de/ub/in/FTD8G896XMC.html?nv=hpm
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