TÜRKISCHER TAG
Berlin unter dem Halbmond
Von Ferda Ataman
Ein Meer roter Flaggen mit dem Halbmond begrüßte die Besucher des
Türkischen Tags in Berlin. Im Vorfeld hatten türkische Gruppen
Kritik an den Veranstaltern geübt - weil das Fest auf Deutsche zu
nationalistisch wirken könnte.
Berlin - Ein orientalischer Wind weht durch das Brandenburger Tor,
es riecht nach Döner und Knoblauchwurst. Der Standbesitzer Tamer
Gelen verkauft Dutzende türkischer Fahnen und roter Mützen mit
Sichelmond und Stern. Stolz berichtet er davon, wie er 1969 als
erster Türke in Berlin Abitur machte. Heute lebt er wieder in der
Türkei und kommt für Veranstaltungen nach Deutschland. "Hüpft ihr
Herz nicht höher, wenn Sie die türkische Fahne sehen?" Sein Herz
tut es.
Türken am Brandenburger Tor: Kritik aus den eigenen Reihen
Und scheinbar auch das mehrerer Zehntausend Türken. Ein solches
Meer rot-weißer Fahnen hat Berlin seit den Länderspielen der Türkei
bei der Weltmeisterschaft 2002 nicht mehr gesehen. Es ist der 5.
"Türk Günü" (Türkischer Tag) in der Hauptstadt - inspiriert durch
die gleichnamige Parade in den USA. In New York ziehen seit 1980
jährlich Tausende Türkischstämmige durch die Madison Avenue und
zeigen Präsenz. Das Berliner Fahnen-Spektakel wird von der
Türkischen Gemeinde zu Berlin organisiert, "um an die Herzen der
hier lebenden Menschen zu appellieren", wie es heißt. Mit Musik und
Kulturprogramm soll eine "Brücke zwischen Deutschen und Türken"
aufgebaut werden.
Doch es bleibt ein Fest, bei dem die Türken fast unter sich sind.
Die deutschen Touristen wagen sich kaum auf die Freßmeile, die auf
dem 17. Juni aufgebaut ist. Schon im Vorfeld der Veranstaltung
hatte es Kritik von Türken an der Art und Weise der Austragung
gegeben. Einige Gruppen verweigerten die Teilnahme, weil sie auf
die deutsche Gesellschaft zu nationalistisch wirken könnte. Paraden
dieser Art sind in Deutschland - anders als in den USA - eher
ungewöhnlich.
Rote Stirnbänder mit der weißen Aufschrift "Die Türkei - das
Allergrößte" und im Chor "Türkiye" brüllende Jungen könnten auf
Außenstehende tatsächlich eher abschreckend wirken. Deswegen betont
Taciddim Yatkin, Vorsitzender des Organisationskomitess, mit
Nachdruck, dass es ein türkisch-europäisches Fest sei. "Wir haben
am Anfang die gleiche Anzahl an deutschen, türkischen und
europäischen Fahnen verteilt." Dass bereits in der ersten Stunde
der Parade fast nur noch türkische Fahnen zu sehen waren, habe mit
den Veranstaltern nichts zu tun, betont er.
2001 fand der Türk Günü zum ersten Mal anlässlich des 40.
Jahrestags des Anwerbeabkommen mit der Türkei statt. Damals wurden
25.000 Teilnehmer erwartet. Für dieses Jahr kündigte die türkische
Zeitung "Hürriyet" schon vor Wochen Hundertausende an. Vermutlich
unterstützte die großzügige Prognose des Sponsors die
Integrations-Staatsministerin Maria Böhmer in ihrer Entscheidung,
die Schirmherrschaft zu übernehmen. Doch Deutsche sind kaum bei dem
Kulturfest. Das laut Organisationsleiter Yatkin "bunte Beispiel für
die Integration der Türken in Deutschland" bleibt in erster Linie
rot-weiß.
Auch vom angekündigten Besuch des Ministerpräsidenten Tayip
Erdogan, der am Vortag beim Türkisch-Deutschen Wirtschaftskongress
in Berlin war, und den türkischen Fußball-Nationalspielern, war bis
zum späten Nachmittag niemand zu sehen. Davon ließen sich die
Fahnen schwingenden Türken jedoch die Stimmung nicht verderben.
Singend erklärt eine Gruppe türkischer Mädels, das sie Türkinnen
seien, "auch wenn wir einen deutschen Pass haben". Ein
vorbeigehender Mann nickt, "aferin kizlar" - bravo Mädels.
Gastgeber Yatkin spricht die unangenehmen "Türkenthemen" gleich in
seiner Anfangsrede auf dem Podium an: "Zwangsehen und Ehrenmorde
schaden dem Ansehen der türkischstämmigen Bürger in Deutschland."
Verhaltener Applaus ist die Antwort der Zuhörer.
Die Sätze heben nicht gerade die Stimmung, aber sie geben die
defensive Situation der Türken in der Öffentlichkeit wieder. Ahmet
Iyidirli, Bundesvorsitzender der Föderation der Volksvereine
türkischer Sozialdemokraten in Europa, erklärte am Rande der
Verantstaltung zu SPIEGEL ONLINE. "Seit eineinhalb Jahren bekommen
die Türken alle zwei Monate eine neue Ohrfeige in den Medien",
seien es Ehrenmorde, anarchische Hauptschulen oder
antiamerikanische Kinofilme. Daher sei der Türk Günü eine gute
Gelegenheit, ein positives Zeichen für die Teilhabe der Türken an
der deutschen Gesellschaft zu setzen.
Einer der wenigen Deutschen, der sich in das rotweiße Getümmel
wagen, ist an diesem Samstag der Spitzenkandidat der Berliner CDU,
Friedbert Pflüger. Auf der Bühne hält er eine Rede - als einziger
auf Deutsch, denn alle anderen halten es allein mit ihrer
Muttersprache Türkisch.
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,grossbild-6…