16. Mai 2008, 22:23 – Von Andreas Flütsch
Warren Buffett auf Einkaufstour
Der legendäre Investor Warren Buffett ist in Europa auf
Einkaufstour. Am Dienstag besucht der reichste Mann der Welt die
Schweiz. Er sucht nach soliden, gewinnstarken Firmen.
Der Weise von Omaha - er lebt mit seiner zweiten Frau immer noch in
seiner Heimatstadt im US-Staat Nebraska, im Haus, das er 1958 für
31'500 Dollar gekauft hat - liebt Börsenkrisen. Während andere
Investoren unruhig schlafen oder gar panikartig verkaufen, geht
Warren Buffett auf Einkaufstour. Er fühle sich dann so «oversexed»
wie ein Freier in einem Bordell, sagte er, als er sich nach dem
Crash von 1987 zu Ausverkaufspreisen in abgestürzte
Börsenschwergewichte einkaufte.
Für eine ordentliche Baisse wurde es auch Zeit. Als die Aktienkurse
weiter nach oben schossen, hatte er immer lauter gejammert, er
finde zu vernünftigen Preisen keine Anlageobjekte mehr. Seit
Ausbruch der Finanzkrise ist Buffett - er wird Ende August 78 und
hält sich mit Handball, Bridge und Ukulele-Ständchen fit - wieder
voll im Element. Er hat seine Beteiligung am nach Nestlé
weltgrössten Nahrungsmittelkonzern Kraft Foods aufgestockt, sich
bei der US-Eisenbahnlinie Western Union eingekauft und in einem
Überraschungs-Coup der Familie Pritzker für 4,5 Milliarden Dollar
60 Prozent ihres Familienkonzerns übernommen, deren 125 Firmen mit
20'000 Mitarbeitenden rund 7 Milliarden Dollar Umsatz machen.
Übervolle Kasse in Europa anlegen
Dennoch hat Buffett, so absurd es tönt, ein echtes Problem. Seine
börsenkotierte Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway (eine
der überschweren Aktien kostet 122'000 Dollar) hatte Ende März
immer noch viel zu viel Bares in der Kasse: 35 Milliarden Dollar
Cash, weitere 10 Milliarden in Obligationen und Derivaten. Buffetts
Unglück im Glück: Die Anteile an Petrochina, die er für 480
Millionen Dollar erworben hatte, musste er wegen der umstrittenen
Afrika-Investitionen des chinesischen Erdölmultis wieder abstossen
- wo, bitte, sollte er die 4 Milliarden Dollar Erlös ähnlich
gewinnbringend anlegen?
Weil ihm die USA zu klein sind, um die vielen Milliarden sinnvoll
anzulegen, kauft Buffett nun vermehrt in Europa ein.
Er hat die Beteiligungen an den Pharmafirmen Glaxo und Sanofi
aufgestockt. Und 3 Prozent an Swiss Re erworben. Doch das reicht
nirgends hin. Buffett hat deshalb einen Aufruf gestartet, geeignete
Firmeninhaber sollten sich melden. Und er ist in Europa auf
Einkaufstour - auch in der Schweiz - um interessante Firmen unter
die Lupe zu nehmen. Am Dienstag wird er an der Lausanner
Kaderschmiede IMD Hof halten.
Interesse an Swatch oder Schindler?
Längst ist das Rätselraten im Gange, welche Schweizer Firmen der
alte Fuchs im Auge hat. «Wir möchten eine Akquisition im Bereich 5
bis 20 Milliarden Dollar machen», schrieb Buffett in seinem Aufruf.
Er wolle jedoch keine Vorschläge über Firmen hören, die er an der
Börse kaufen könne. Er will offenbar solide, gewinnstarke Firmen
mit einem oder mehreren Grossaktionären. Von der Grösse her kommen
da Familienfirmen wie Swatch Group, Schindler, Sonova, Nobel
Biocare oder eine AFG in Betracht. Aber vertragen sich Hayeks mit
einem wie ihm? Oder Buffett verhandelt mit bewährten Industrienamen
wie Bühler Uzwil oder AFG, wo keine Nachfolger in Sicht sind. Eher
dagegen spricht, dass technologielastige Firmen nicht sein Ding
sind. Swatch und Sonova haben immerhin den Vorteil, dass sie von
Marketing getrieben sind, was Coca-Cola-Grossaktionär Buffett
gefällt.
Möglich ist eine Aufstockung der Beteiligung an Swiss Re. Buffett
hatte mit dem Kauf der US-Versicherer Geico (Motorfahrzeuge) und
der Rückversicherung General Re, deren Wert sich vervielfacht hat,
ein glückliches Händchen.
Denkbar ist, dass er bei der
unterbewerteten Zurich einsteigt oder Klaus Jacobs den
Schoggi-Konzern Barry Callebaut abkauft. Oder die Schweiz ist ihm
am Ende doch zu teuer.
Buffetts Kriterien für Firmenkäufe
Im Geschäftsbericht 2007 von Berkshire Hathaway umschreibt Warren
Buffett, welche Firmen ihn interessieren. Er und sein langjähriger
Partner, Charlie Munger, seien «begierig, von Inhabern oder ihren
Vertretern zu hören, deren Unternehmen alle der folgenden Kriterien
erfüllen»:
Grosse Käufe («Mindestens 75 Millionen Dollar Jahresgewinn vor
Steuern, ausser das Geschäft passt in eine unserer Einheiten.»)
Firmen mit guter Kapitalrendite, aber wenig bis keine Schulden.
Erwiesene nachhaltige Gewinnkraft («Schätzungen für die Zukunft
interessieren uns nicht, auch nicht Turnaround-Situationen.»)
Ein funktionierendes Management («Können wir nicht liefern.»)
Einfache Geschäfte («Wenn sie viel Technologie enthalten, werden
wir sie nicht verstehen.»)
Ein Angebotspreis («Wir wollen weder unsere Zeit noch jene des
Verkäufers vergeuden mit Gesprächen, wenn der Preis nicht bekannt
ist.»)
«Wir meiden unfreundliche Übernahmen und Firmenauktionen.»
«Je grösser die Firma, desto stärker wird unser Interesse sein.»
(afl)
http://www.tagesanzeiger.ch/dyn/news/wirtschaft/870895.html