25. September 2007, 00:00 Uhr Von Carsten
Dierig
Wellenenergie soll eines Tages den gleichen
Stellenwert haben wie Windkraft. Auf der schottischen Insel Islay
steht eine Anlage, die bereits Strom ins Netz einspeist. Viele
weitere Projekte sind in der Planung
Die Kraft aus dem Meer
Von Carsten Dierig
Die schottische Insel Islay ist vor allem Whisky-Kennern ein
Begriff. In den acht Destillerien des 500 Quadratkilometer kleinen
Eilands werden besonders charaktervolle Maltwhiskys hergestellt.
Denn auf Islay wird für das Feuer zum Trocknen des Malzes der
inseleigene Torf verwandt. Und der hat durch den Dung vieler Schafe
eine besondere Beschaffenheit.
Whisky ist allerdings nicht mehr die einzige Attraktion der ruhigen
Insel im britischen Westen. Dort, wo die Brandung mit Wucht auf die
Küste trifft, steht das weltweit einzige Wellenkraftwerk, das
bereits Energie ins Stromnetz einspeist. Entwickelt wurde es von
einer Tochtergesellschaft des deutschen Gemeinschaftsunternehmens
Voith Siemens Hydro Power. Die Anlage ist über den Status eines
Versuchsprojekts hinaus, die ersten Bestellungen von Interessenten
treffen ein.
Wellenenergie gilt als Energieform der Zukunft. Im Konzert der
erneuerbaren Energien soll sie einen ähnlichen Stellenwert
bekommen, wie Windkraft und Photovoltaik heute schon haben. Sind
doch die Wogen der Weltmeere riesige Energiespeicher - und
kostenlos dazu. Untersuchungen haben ergeben, dass die an
Steilküsten aufbrandenden Wellen eine Leistung von bis zu 30
Kilowatt pro Meter freisetzen können.
Dem Internationalen Energierat in London zufolge kann die
Wellenenergie 15 Prozent des weltweiten Energiebedarfs decken. In
Küstenstaaten wie Portugal, Spanien, Großbritannien oder Norwegen
könnte sogar die Hälfte des Strombedarfs aus Wellenkraft stammen.
Und so setzen sowohl Energieversorger als auch Anlagenbauer
zunehmend auf die neue Technik. Entsprechend prominent ist die
Liste der Investoren: Sie reicht von General Electric und Norsk
Hydro über Endesa, Total und Chevron bis hin zu den deutschen
Energiekonzernen RWE, E.on und EnBW."
Die Zeit der Energie aus dem Ozean ist gekommen", schwärmte jüngst
Jason Bak vor einem Ausschuss des US-Kongresses. "Das sind keine
Luftschlösser", versprach der Chef der in Kanada börsennotierten
Energiefirma Finavera. Schon bald könne die saubere Energie zu
wettbewerbsfähigen Preisen hergestellt werden. Diese Vision vor
Augen, hat sein Unternehmen gerade einen britischen Konkurrenten
für rund vier Millionen Dollar übernommen.
Noch gibt es nicht viele Übernahmeziele. Der Hersteller Voith
Siemens gehört mit seiner schottischen Tochter Wavegen zu einer
Gruppe von
weltweit rund zehn seriösen Anlagenbauern, die um
Investorengeld buhlen und sich einen Wettlauf um die beste
Wellenenergietechnik liefern.
Derzeit gibt es drei unterschiedliche Technologien im Markt, mit
denen Wellen in nutzbare Energie umgewandelt werden können. Voith
Siemens nutzt das Verfahren der sogenannten oszillierenden
Wassersäulen (siehe Kasten). Dabei wird über die Wellenbewegung das
Luftvolumen in einer Betonkammer komprimiert und entspannt. Die
Luft entweicht aus der Kammer durch einen Schacht, in dem eine
Luftturbine installiert ist, die dann den Strom erzeugt.
Mit der Anlage in Schottland werden derzeit 50 Haushalte auf Islay
mit Strom versorgt. "Das ist nicht viel", gibt Wavegen-Chef David
Gibb zu. "Aber Windkraft hat auch mal klein angefangen und sich
dann zu einem enormen Industriezweig entwickelt." Darauf hofft Gibb
nun auch. Und der Anfang ist gemacht. Erst vor wenigen Wochen hat
Voith Siemens Hydro Power einen Millionenauftrag des spanischen
Energieversorgers Ente Vasco de Energia bekommen. In der Hafenstadt
Mutriku an der baskischen Küste werden 16 Turbinen mit einer
Leistung von insgesamt 300 Kilowatt installiert. Das Kraftwerk wird
dabei in die Hafenmole integriert. Damit muss nicht extra ein
Betonklotz an die Küste gebaut werden.
Auf den Färöer-Inseln soll die Technik gar in ein in die Felsen
gesprengtes Tunnelsystem integriert werden und damit nahezu
unsichtbar und lautlos arbeiten. Durch die Wellenenergie, gepaart
mit Wind- und Wasserkraftanlagen, soll die gesamte Inselgruppe
bereits mittelfristig von fossiler Energie unabhängig werden.
Nur mit Wellenenergie allein würde das allerdings nicht klappen.
"Wie Windenergie oder Solarstrom kann sie immer nur ein Teil der
Gesamtversorgung sein - wenngleich ein großer Teil", sagt Jochen
Weilepp, Leiter der Sparte Ocean Energies bei Voith Siemens. Das
Unternehmen rechnet sich in diesem noch jungen Industriezweig
einiges aus und hat das Thema Meeresenergien dementsprechend zu
einem strategischen Geschäftsfeld gemacht. "Wir denken langfristig
und sind entsprechend risikobereit", so Weilepp.
Tatsächlich werden nahezu wöchentlich neue Projekte gestartet,
zumal der Strom aus Wellenkraft wie andere regenerative Energien
finanziell bezuschusst wird. Vor allem in Großbritannien und
Spanien gibt es üppige Vergütungen. Kaum verwunderlich, dass sich
an den Küsten dieser beiden Länder derzeit besonders viel tut. Aber
auch in den USA, in Südafrika, Mexiko, Australien und auf den
Kanarischen Inseln sind mittlerweile Projekte gestartet worden.
Sogar an der wegen Ebbe und Flut vergleichsweise wellenarmen
deutschen Nordseeküste steht bald das erste Wellenkraftwerk. Gebaut
wird es vom baden-württembergischen Energieversorger EnBW. 250
Kilowatt soll die Anlage liefern - das reicht für 120 Haushalte. In
Betrieb geht das Kraftwerk noch 2007. Dabei ist die Standortsuche,
in die die niedersächsische Landesregierung involviert ist, noch
gar nicht abgeschlossen. Jochen Weilepp zufolge sind noch fünf Orte
in der Auswahl. Während EnBW in Deutschland investiert, engagiert
sich Konkurrent RWE fernab der Heimat unter anderem in Australien.
Über eine britische Tochter unterstützen die Essener das dortige
Unternehmen Oceanlinx, das wie Voith Siemens auf oszillierende
Wassersäulen setzt.
Neben der Wassersäulen-Technik gibt es noch zwei weitere Verfahren
zum Ausnutzen der Wellenkraft: einerseits das System der
welleninduzierten Fallhöhe, auch Wellendrache genannt. Und
andererseits das System der hydrodynamischen Bewegung, auch
Seeschlange genannt. Beides sind im Gegensatz zu den Küstenwerken
von Voith Siemens Offshore-Konzepte. Der Vorteil: Auf See sind die
Wellen noch weit stärker. Der Nachteil: Mit dem höheren Wellengang
steigt auch das Ausfallrisiko, weil die im Meeresboden verankerten
Anlagen deutlich höherer Wucht ausgesetzt sind.
Beim Wellendrachen treibt die Wellenbewegung das Wasser eine
künstliche Rampe empor, von wo das Wasser in ein Reservoir fällt.
Diese künstlich erschaffene Fallhöhe wird zum Antrieb für die
Turbine. Obwohl eine Testanlage vor der dänischen Nordseeküste
bereits von den Ankerketten gerissen wurde, ist derzeit ein 17
Millionen Euro teurer Monsterdrache in Planung. Der 300 mal 150
Meter große Koloss aus 30 000 Tonnen Stahl soll vor der walisischen
Küste Wellen einfangen und in Strom umwandeln. Die Betreiber planen
mit einer Leistung von 20 Gigawattstunden pro Jahr.
Die Seeschlange schließlich ist eine Bojen-Konstruktion. Die Anlage
besteht aus vier mit Gelenken verbundenen Elementen, die
schlangenähnlich auf der Meeresoberfläche schwimmen. Der Wellengang
führt zu Ausgleichsbewe-gungen der Gelenke, an denen Kolbenpumpen
angebracht sind. Diese werden bei jedem Einknicken betätigt, setzen
Hydrauliköl unter Druck und treiben so einen Generator an.
Entwickelt wurde die Anlage vom Privatunternehmen Ocean Power
Delivery aus dem schottischen Edinburgh, hinter dem potente
Geldgeber wie General Electric und der norwegische Ölriese Norsk
Hydro stehen.
Bis Ende des Jahres soll die Anlage so weit ausgebaut sein, dass
sie vollwertig kommerziell nutzbar ist. Und weitere Projekte werden
folgen: So prüft der amerikanische Ölmulti Chevron ein Werk vor der
kalifornischen Küste. E.on finanziert ein Fünf-Megawatt-Projekt vor
der Küste von Cornwall mit. Und der portugiesische Energieversorger
Enersis installiert derzeit in Portugals Norden drei rund 150 Meter
lange Seeschlangen. Jede Anlage soll eine Leistung von 750 Kilowatt
bringen.
Welches dieser drei Methoden das System der Zukunft ist, ist noch
unklar. Die Ansicht von Jason Bak, demzufolge sich derjenige
durchsetzt, dessen System am schnellsten die größte Marktreife
erreicht, teilt Jochen Weilepp nicht. "Alle haben ihre
Berechtigung. Nicht jede Technik ist für jeden Standort geeignet",
sagt der Physiker, der mit einem Nebeneinander von Technologien
rechnet. Bis diese endgültig ausgereift sind, werde es aber noch
rund zehn Jahre dauern."
Trotz der enormen Fortschritte - die Wellenkraft steht noch am
Anfang ihrer Entwicklung", sagt Wavegen-Chef Gibb. Noch müsse die
Effizienz verbessert werden.
Auch das aggressive Salzwasser
macht den Ingenieuren noch zu schaffen. "Noch sind die Anlagen
sehr wartungsintensiv. Aber wir kriegen das schnell in den Griff",
sagt Weilepp selbstbewusst. Und nach getaner Arbeit wartet ein
edler Whisky auf die Techniker.