Habe mir auch schon Gedanken zur KTG Agrar gemacht... wo doch das
Magazin "Der Aktionär" (= aktuelle Ausgabe) eine spekulative
Zeichnung für lohnenswert hält. In einem Artikel in der Financial
Times Deutschland sehe ich aber gute Gründe für eine abwartende
Haltung...
Nicht nur eine Frage der Ähre
Von Marike Frick, putlitz
12.11.2007
Welch schöne Story: Mitten im Boom geht in dieser Woche
Deutschlands erster Bauer an die Börse. Doch leider hat die
Geschichte auch dunkle Seiten
Die Energie der Zukunft suppt grünlich vor sich hin. Sie ist in
Bewegung, schlägt Blasen, blubbert und sieht alles in allem nicht
aus wie etwas, aus dem einmal Strom werden könnte. Ein süßer Geruch
liegt in der Luft. Methan, erklärt Siegfried Hofreiter. Stolz
deutet er auf die Suppe: „Das sind Mais, Hirse und Sudangras aus
einer zweiten Ernte von unseren Feldern. Sie gären, dabei entsteht
das Methan. Das treibt einen Generator an. Und der erzeugt den
Strom.“
Wuchtig stiefelt Hofreiter durch den Matsch seines
Landwirtschaftbetriebs in Putlitz, Brandenburg, und erklärt seine
Welt. Den Mais, die Kartoffeln, die Öko-Lupinen. Und eben das
Biogas, sein neuestes Projekt. Bisher stehen nur sechs Anlagen auf
dem Gelände. Aber Hofreiter will wachsen. Er will auch mehr Mais
verkaufen, mehr Kartoffeln, mehr Lupinen. Und er will möglichst
viele von seiner Idee überzeugen. Denn Hofreiter geht diese Woche
an die Börse, als erster Landwirt Deutschlands.
Es ist eine allzu schöne Geschichte: Die Bauern sind wieder wer.
Die weltweite Nachfrage nach ihren Produkten steigt, die
Getreidepreise explodieren. Stillgelegte Flächen werden umgepflügt,
Milchseen und Butterberge gibt es nicht mehr. Agrarwirtschaft ist
auf einmal sexy, rentabel – und sie ist, so findet der deutsche
Bauer Hofreiter, reif für die Börse. Doch sein Börsengang ist bei
Weitem nicht so vielversprechend und romantisch, wie die Geschichte
vermuten lässt: Der Markt birgt große Risiken. Und Hofreiters
Vergangenheit verdüstern Worte wie Bankrott und
Konkursverschleppung.
Hofreiter ein schlauer Bauer? Nun, Unternehmer ist er durch und
durch: Getreide, das er 2005 erntete, hat er erst in diesem Jahr
verkauft – mit Gewinn. Gemeinsam mit Bruder Werner und
Lebensgefährtin Beatrice Ams verwaltet der 45-Jährige über die
Holding KTG Agrar AG 19 Betriebe. Ihr Getreide liegt als
Schwartauer Müsliriegel im Supermarkt. Thomy presst Öl aus ihrem
Raps. Und aus ihren Kartoffeln wird Pfanni-Kartoffelpüree. Geerntet
und gereinigt werden die Rohstoffe unter anderem in Putlitz. Auf
dem Gelände des ehemaligen LPG-Betriebs ist der Boden mit
Betonplatten gepflastert, Lagerhallen mit Wellblechdächern reihen
sich aneinander. Tiere sucht man hier vergeblich. Nur ein paar Kühe
halten das Gras von umliegenden Wiesen kurz. „Glückliche Kühe“,
betont Hofreiter.
Auf 14 000 Hektar lässt er in Ostdeutschland und Litauen auch
Tierfutter und Lebensmittel produzieren, konventionell und
ökologisch. 14 000 Hektar, das sind fast 19 500 Fußballfelder. Der
Fläche nach ist Hofreiter damit der größte Agrarproduzent
Deutschlands. Das Große, Weite ist sein Ding. Mindestens eine Woche
im Jahr sitzt er hoch oben auf dem Mähdrescher: „Das gibt mir ein
Gefühl der Ruhe. Das ist ein Stück Freiheit für mich.“ Sein
Zugpferd soll in den nächsten Jahren der Markt für Ökoware sein.
Eine schlechte Idee ist das nicht: Nach einer
Ernst-&-Young-Studie ist der Umsatz in der Biobranche im ersten
Halbjahr 2007 um 40 Prozent gestiegen.
Auch sonst läuft es gut: Sicher, die Ernten waren schlecht in
diesem Jahr. Ja, der Klimawandel macht der Agrarbranche Sorgen. Und
natürlich, die Ernährung von immer mehr Menschen weltweit ist ein
Problem. Doch paradoxerweise bekommt all das den Bauern gut: Es hat
die Preise hochgetrieben. Und nun kommt auch noch der Ruf nach
Biokraftstoffen dazu.
Doch bei aller Euphorie: Die Landwirtschaft funktioniert leider
auch nach ganz eigenen Regeln. Sie hängt ab von der Politik. Die
Grundvergütung für Biogas etwa wird vom Staat festgelegt. Und die
EU zahlt Bauern massive Prämien. „Großbetriebe wie die KTG leben
von Brüssel“, sagt Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf,
Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft.
„Wenn die Prämien nicht mehr fließen, sind sie in den Miesen.“
Tatsächlich wird in Brüssel eine Kürzung der Prämien diskutiert.
Wer bisher mehr als 300 000 Euro pro Jahr erhalten hat, soll 45
Prozent weniger bekommen. Noch im November könnte die Kommission
diesen Vorschlag vorlegen. KTG würde das hart treffen: Von 18 Mio.
Euro Umsatz im vergangenen Jahr kamen 4 Mio. Euro aus Brüssel.
Mithilfe dieser Subventionen betrug der Gewinn rund 2,5 Mio. Euro.
Hofreiter baut auf die Verlässlichkeit der EU: „Da wird nichts über
Nacht geändert.“ Bis 2013 seien die Prämien sicher. „Sollte sich
dann etwas ändern, steigen zwangsweise die Lebensmittelpreise, und
wir machen trotzdem Gewinn.“
Doch dann sind da noch diese Altlasten. Sie rücken den Unternehmer
Hofreiter in kein gutes Licht. So wurde er 2002 vom Amtsgericht
Dachau in jeweils zwei Fällen der Konkursverschleppung und des
Bankrotts schuldig gesprochen. Fünf Jahre lang durfte er keine
Kapitalgesellschaft führen. Außerdem wurde eine KTG-Tochter Anfang
2007 auf die Herausgabe von 530 Hektar bei Putlitz verklagt, die
sie, so der Börsenprospekt, „trotz zeitlichem Ablauf ihres
Pachtvertrags weiter bewirtschaftete“. Die Klage endete mit einem
Vergleich. Da ein Großteil der KTG-Flächen gepachtet sind, fürchten
einige Investoren weitere Schwierigkeiten.
Der Börsengang soll KTG Emissionserlöse von bis zu 31,5 Mio. Euro
einbringen. Davon fließt nicht alles in das Unternehmen: Bis zu
8,75 Mio. Euro gehen an Beatrice Ams, die Aktien verkauft – nicht
gerade ein Vertrauensbeweis aus Sicht der umworbenen Investoren.
Ams sagt, sie wolle Kredite tilgen, die sie für KTG aufgenommen
hat.
Das weitere Geld der Kapitalerhöhung will die Holding nutzen, um
Flächen in Ostdeutschland und Osteuropa zu kaufen. „Irgendwann
vielleicht auch in den USA oder Kanada“, sagt Hofreiter.
Nicht nur er, die ganze Branche strahlt vor Zuversicht: „Wir sind
in einer völlig neuen Situation“, schwärmt Franz Jansen-Minßen von
der niedersächsischen Landwirtschaftskammer. Vor zwei Jahren
bekamen Landwirte für eine Tonne Getreide noch 100 Euro –
mittlerweile mehr als das Doppelte. Bis 2014 könnten die Einkommen
der westeuropäischen Landwirte um fast zehn Prozent wachsen,
prognostiziert die EU.
Während die globale Anbaufläche stagniert, wächst die Nachfrage.
Das lässt die Preise nach Jahren der Talfahrt steigen. Zum Glück,
meint Christian Schneider vom Deutschen Bauernverband: „Das wäre
nicht länger durchzuhalten gewesen.“ Wichtige Investitionen seien
verschoben worden. Der Boom, sagt er, gehe von der Nachfrage nach
Lebensmitteln aus, „nicht von der Bioenergie, wie manche
meinen“.
Da ist es, das Zauberwort Bioenergie, das auch Landwirt Hofreiter
zu visionären Höhenflügen treibt: Bis zu 25 Prozent seines Umsatzes
will er damit erwirtschaften. Gerade die Bioenergiebranche aber
durchlebt einen Kater: Hochgejubelte Börsengänger erlebten tiefe
Abstürze. Die Aktien des Biogasanlagenherstellers Envitec etwa
fielen seit Juli um 50 Prozent. Und mehr als 40
Biodieselproduzenten stehen vor dem Aus. Schuld sind die hohen
Preise für Getreide und andere Rohstoffe. Da Hofreiter eigene,
billig produzierte Rohstoffe nutzt, muss ihn das nicht kümmern.
Dennoch zeigen die Beispiele, wie schnell aus hoffnungsvollen
Börsenkandidaten Verlierer werden können. KTG wäre nicht das erste
Unternehmen, das von einem Boom profitiert, sich bodenständig gibt
– und dann Kurseinbrüche präsentieren muss.
In Putlitz ist das Parkett weit weg. Nieselregen fällt auf den
Betonboden. In den Biogasanlagen bläht das Gas die Plane wie zu
Zirkusdächern auf. Alle zwei, drei Wochen schaut Hofreiter hier
vorbei. „Management by going around“, nennt er das, und das R rollt
er dabei so bayrisch, dass man kurz vergisst, in Brandenburg zu
sein.
Seit 1995 machen er und sein Bruder Geschäfte in Ostdeutschland. An
einem Sonntagmorgen klingelte damals das Telefon. „Ihr sucht doch
was“, sagte ein Freund, „kommt schnell her.“ 24 Stunden später
saßen die beiden in Sachsen-Anhalt beim Notar – und kauften einen
ehemaligen LPG-Betrieb, gemeinsam mit der ostdeutschen Gärtnerin
Beatrice Ams. Nach und nach übernahmen sie weitere Höfe.
Auf dem Putlitzer Gelände nutzt KTG noch immer das alte
Verwaltungsgebäude. In dem lang gezogenen und gedrungenen Bau
finden sich auch ein Versammlungssaal und acht Toiletten. Als
würden hier noch immer 80 Leute arbeiten. 40 sind es mittlerweile,
„bevor wir 1999 einstiegen, waren es 20“, sagt Hofreiter. Die
Dorfgemeinschaft feiert im Saal manchmal Hochzeiten. In das Büro
haben die neuen Bewohner eine Zimmerpalme gestellt, und auf dem
Schreibtisch blinkt ein Laptop vor sich hin. Draußen bröckelt
langsam der DDR-Putz.
Siegfried Hofreiter sitzt an einem runden Tisch, vor sich Brötchen
mit Mett, Kaffee dampft. Er will sich von aller Kritik nicht aus
der Ruhe bringen lassen. „Wir haben uns bisher alle fünf Jahre
verdoppelt“, sagt er. „Und das soll so weitergehen.“ Dann
verabschiedet er sich. Ein Fernsehteam wartet. Auf ihn und seine
Story.
Mitarbeit: Ruth Fend