Geplatzter Magna-Deal
Wie sich die Opel-Retter von GM vorführen ließen
Von Philipp Wittrock
Der geplatzte Magna-Deal verschärft die Krise bei Opel und blamiert
die Politik - aber niemand will vorher etwas gewusst haben:
US-Präsident Obama ebenso wenig wie die Bundesregierung. "Es gab
keine Signale", beteuert man in Berlin. Erstaunlich. Denn das
Desaster war abzusehen.
Berlin - Mit einem Tag Abstand hat sich Angela Merkel noch einmal
persönlich beim amerikanischen Präsidenten rückversichert. Nein,
hat Barack Obama der Kanzlerin gegenüber an diesem Donnerstag am
Telefon beteuert, er sei in die Entscheidung "nicht eingebunden"
gewesen. Nichts will Obama davon gewusst haben, dass der
Verwaltungsrat von General Motors (GM) den Opel-Verkauf in letzter
Minute platzen lassen würde.
Angela Merkel muss Obama glauben. Sonst müsste sie dem Präsidenten
einen Affront unterstellen. Schließlich hat sie am Dienstag mit ihm
zusammengesessen, er hat sie gelobt als "außerordentliche
Führungspersönlichkeit". Die Sitzung des GM-Boards hatte zu dieser
Zeit noch nicht begonnen, das Nein zu Magna stand da nach
Konzernangaben allerdings schon fest. Später hielt Merkel ihre
große Rede vor dem Kongress, eine besondere Ehre, sie wurde
gefeiert, war bester Laune - bis kurz vor dem Abflug die Bombe aus
Detroit einschlug: Der Magna-Deal ist geplatzt.
Merkel war düpiert - und stinksauer.
Der Kampf um die rund 25.000 Arbeitsplätze in den deutschen
Opel-Werken beginnt nun von Neuem. Merkel kündigte im Gespräch mit
Obama an, den Druck auf GM erhöhen zu wollen. "Schnellstmöglich"
solle der Autobauer nun ein neues Konzept zu Opel vorlegen, zudem
den fälligen Brückenkredit bis Ende November zurückzahlen, ließ die
Kanzlerin verbreiten.
Schon am Donnerstagabend tagt in Berlin der Opel-Gipfel. In der
hessischen Landesvertretung wollen sich die Ministerpräsidenten
Roland Koch (CDU), Jürgen Rüttgers (CDU), Kurt Beck (SPD) und
Christine Lieberknecht (CDU) mit Wirtschaftsminister Rainer
Brüderle (FDP) und Kanzleramtsminister Ronald Pofalla (CDU)
zusammensetzen.
"Überraschender Schwenk"
Eigentlich hatten ja alle Beteiligten geglaubt, der Verkauf des
deutschen Autobauers an das österreichisch-kanadische Konsortium
Magna sei perfekt. Nun werden sie von der Kehrtwende kalt erwischt.
"Auch für die unmittelbar Beteiligten kam dieser Schwenk
überraschend", sagt Wirtschaftsstaatssekretär Jochen Homann SPIEGEL
ONLINE am Donnerstag. "Es gab keine Signale, die auf eine andere
Entscheidung hingedeutet hätten." Der Opel-Chefunterhändler der
Bundesregierung wehrt sich damit gegen Vorwürfe, der Verbleib von
Opel im US-Mutterkonzern sei absehbar gewesen.
Aber war es das wirklich nicht? Gab es in den vergangenen Wochen
und Monaten nicht genügend Signale, bei denen in Berlin die
Alarmglocken hätten schrillen müssen?
Gewiss, vieles bewegte sich im Reich der Spekulation. Doch der Kern
des Gerüchts, das nun zur Tatsache geworden ist, hielt sich
hartnäckig: GM will Opel behalten. Unterhändler John Smith wird mit
den Worten zitiert: "Es war immer eine enge Sache." Smith
vergleicht die Entscheidung gar mit einem Münzwurf, das sei bis
zuletzt so gewesen. Das hätte auch Merkel und ihren Beratern klar
sein müssen. Warum sie nicht massiv intervenierten, bleibt ihr
Geheimnis.
Rückblick: Anfang des Jahres herrschte in der GM-Zentrale die
nackte Not, der Konzern hätte alles getan, nur um seine Liquidität
zu sichern. Die US-Regierung lehnte das mehrfach nachgebesserte
Sanierungskonzept ab, drängte den damaligen GM-Chef Rick Wagoner
zur Aufgabe. Dann aber wurde die Insolvenz im Rekordtempo
abgeschlossen, GM war 40 Milliarden Dollar Schulden los. Der
Verkauf von Opel war plötzlich kein Muss mehr, er war nur noch eine
Option.
Das sahen auf jeden Fall die Amerikaner so, die Bundesregierung
dagegen beharrte darauf, dass die europäische Tochter nur als "New
Opel", losgelöst von GM, mit Hilfe eines Investors überlebensfähig
sei. Dieser Investor sollte Magna sein, darauf hatten sich die
schwarz-rote Koalition und die Ministerpräsidenten der Länder mit
Opel-Standorten rasch geeinigt. Und sie glaubten, GM überzeugt zu
haben.
Zweifel wurden größer
Man ließ sich nicht beirren, nicht einmal als klar war, dass die
Zweifel in Detroit größer wurden. Im August etwa, als Zeitungen
immer wieder über einen Sinneswandel im GM-Verwaltungsrat
berichteten. Als Smith in jenen Tagen zu Verhandlungen im
Kanzleramt war, fragte Staatssekretär Homann ihn, ob an den
Meldungen etwas dran sei. Smith, der selbst den Magna-Konkurrenten
RHJI als Investor bevorzugte, wich aus und verwies darauf, dass
acht neue Leute im Verwaltungsrat säßen. Die stellten natürlich
Fragen. GM spielte auf Zeit.
Tatsächlich hatte die US-Regierung im Verwaltungsrat im Sommer
kräftig durchgewechselt. Mit 50 Milliarden Dollar hatte Washington
GM ausgeholfen, übernahm mehr als 60 Prozent des Konzerns - kein
Wunder, dass man im Kontrollgremium die Oberhand haben wollte. An
die Spitze setzte die Obama-Administration Edward Whitacre, einst
Chef des US-Telefongiganten AT&T, genannt "Big Ed". Er war es,
der das von GM-Chef Fritz Henderson eigentlich schon abgesegnete
Magna-Geschäft wieder stoppte.
Da Staatshilfen im US-Kapitalismus äußerst unpopulär sind, hatte
Obama stets betont, sich trotz des Mehrheitsanteils nicht in
unternehmensstrategische Entscheidungen einmischen zu wollen. Doch
ist kaum vorstellbar, dass sich die Regierung hinter den Kulissen
nicht für das Treiben bei GM interessierte. Schließlich hatte man
eigens die Auto-Task-Force gegründet, die GM, Chrysler und Ford vor
dem Untergang bewahren sollte. Wenn nicht an der Spitze der
Regierung, dann doch zumindest auf Arbeitsebene dürfte die
US-Regierung also durchaus im Bilde gewesen sein, wohin die
GM-Reise geht.
Ärger bei GM-Europa
Berlin aber verließ sich auf jenes Bekenntnis, das der Konzern am
10. September für Magna abgegeben hatte und das Merkel fröhlich als
persönlichen Erfolg verkündete. Noch am Tag zuvor hatte es wieder
Gerüchte gegeben, Magna sei gar kein Kandidat mehr. In Detroit
wurde gewarnt: vor dem Technologietransfer nach Russland wegen der
beabsichtigten Beteiligung der russischen Sberbank, vor der Aufgabe
des europäischen Marktzugangs, vor dem Verlust des
Technologiezentrums in Rüsselsheim. Die Mahner bei GM setzten sich
nicht durch - so schien es.
Doch selbst bei Magna war man zu dieser Zeit noch skeptisch. "Wir
sind noch nicht durch", sagte ein Insider aus dem Umfeld des
Autozulieferers zu diesem Zeitpunkt SPIEGEL ONLINE. Wann der
Opel-Verkauf tatsächlich besiegelt sei, könne niemand abschätzen.
"Man darf sich nicht in die Irre führen lassen." So aber kam es.
Mitte Oktober äußerte plötzlich die EU-Kommission Bedenken. Ihr
Verdacht: Die Bundesregierung verstoße mit ihrer öffentlich
geäußerten Präferenz für Magna gegen den freien Wettbewerb. Ende
Oktober dann erfuhr der SPIEGEL aus dem GM-Verwaltungsrat, dass dem
Deal das Aus drohe. Im Opel-Betriebsrat machte sich Unruhe
breit.
Sie wurde noch größer, als plötzlich auch Dirk Pfeil, Vertreter der
Bundesländer in der Opel-Treuhand, berichtete, die neue
schwarz-gelbe Regierung wolle den Fall des Autobauers wegen der
EU-Bedenken neu prüfen. Abwegig sei das, empörte sich
Opel-Betriebsratschef Klaus Franz, es gebe ein klares Bekenntnis
von GM zu Opel. Wer Anderes behaupte, lanciere bewusst
Falschmeldungen.
Die vermeintliche Ente ist nun Wahrheit geworden. Die Opelaner sind
entsetzt, machten ihrem Unmut am Donnerstag mit lautstarken
Protesten Luft. Franz sprach von "Enttäuschung, Wut und
Frustration", forderte die Mitarbeiter aber auf, Opel nicht zu
verlassen. "Bleibt an Bord. Wir werden weiter existieren."
Nur wie? Das weiß man am Donnerstag selbst in der
Unternehmensspitze nicht. "So ein plötzlicher Schwenk ist kaum
nachzuvollziehen", kritisiert GM-Europachef Carl-Peter Forster in
der "Bild am Sonntag" die Entscheidung seines Mutterkonzerns. Wie
es nun weitergeht?
"Ich weiß es nicht. Das müssen wir in den nächsten Tagen
erarbeiten. Ich glaube, die wichtigen Herren, die das entschieden
haben, wissen es selbst nicht."
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