Aus Telepolis vom 10.12.12.
"Van Rompuy will Eurobonds und Entmachtung der Parlamente"
von Ralf Streck
"Marode Banken sollen sogar direkten Zugang auf Rettungsmilliarden
aus dem ESM ohne Staatshaftung erhalten, bevor eine Bankenaufsicht
steht
Vor dem EU-Gipfel am Donnerstag und Freitag hat EU-Ratspräsident
Herman Van Rompuy ein Strategiepapier vorgelegt, um zu einer
"echten Wirtschafts- und Währungsunion" zu kommen, heißt es schon
im Titel. Das Papier hat es in sich.
Marode Banken sollen schon im März direkten Zugang zum dauerhaften
Rettungsschirm (ESM) erhalten, obwohl die gemeinsame europäische
Bankenaufsicht erst am 1. Januar 2014 "voll funktionsfähig" sein
soll. Damit soll erneut ein Gipfel-Beschluss ausgehebelt werden.
Noch umstrittener dürften die geplante Entmachtung nationaler
Parlamente, der gemeinsame Bankenabwicklungsfonds und die "Ausgabe
gemeinsamer Schuldtitel" sein.
Das Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB), Jörg
Asmussen, hatte es vergangene Woche vorweggenommen, dass die
Bankenaufsicht in diesem Jahr nicht mehr umgesetzt werden könne,
wie es auf dem EU-Gipfel im Juni beschlossen worden war. Beim
Treffen der Euro-Gruppe und der EU-Finanzminister wurde in der
vergangenen Woche ebenfalls in der zentralen Frage der Bankenunion
keine Einigung erreicht. Die Finanzminister kommen deshalb vor dem
Gipfel zu einer Sondersitzung zusammen, um erneut zu beraten.
Dass in diesem Jahr nichts mehr umgesetzt wird, hat Van Rompuy in
seinem Strategiepapier bestätigt, das auf eine "echte Wirtschafts-
und Währungsunion" abzielt.
Der EU-Ratspräsident versucht damit seinen konservativen Freunden
in Ländern mit abstürzenden Banken - vor allem Spanien - eine
Brücke zu bauen. Van Rompuy stellt in seinem Papier in Aussicht,
dass sich Banken schon im März direkt über den Europäischen
Stabilitätsmechanismus (ESM) finanzieren können.
An der Ausarbeitung des Papiers waren auch "in enger Kooperation"
der EZB-Präsident Mario Draghi, der Präsident der EU-Kommission,
José Manuel Barroso, sowie der (noch amtierende) Chef der
Eurogruppe, Jean-Claude Juncker, beteiligt, für den händeringend
ein Nachfolger gesucht wird. Finanzminister Wolfgang Schäuble würde
das Amt gerne übernehmen, doch eine starke Abwehrfront versucht das
zu verhindern.
Italien im Blick
Erst die Bankenunion, so wurde es noch vor einem halben Jahr
beschlossen, sollte die Voraussetzung dafür sein, dass marode
Banken direkt über den ESM finanziert werden können, womit die
einst beschlossene Staatshaftung für die Milliarden ausgehebelt
werden soll. Doch auch das wird nun offenbar ausgehebelt.
Denn anders ist es nicht zu interpretieren, wenn in dem
Strategiepapier erklärt wird, dass die Banken schon ab März direkt
Gelder aus dem Hilfsfonds erhalten sollen, doch die Bankenaufsicht
erst mit einem Jahr Verspätung zum Jahresanfang 2014 steht.
Wieder einmal soll im Rahmen des ESM eine Bedingung, mit welcher
der Hilfsfonds der Öffentlichkeit schmackhaft gemacht wurde,
schnell Makulatur werden. Klar ist, dass man dabei auch das große
Italien im Blick (Italien will Konjunktur mit Steuersenkungen
ankurbeln) hat, wo sich die politische und die wirtschaftliche Lage
zuspitzt, womit es auch für die Banken enger wird. Die
Wirtschaftsleistung des Landes ist im dritten Quartal gegenüber dem
Vorjahreszeitraum um 2,4% geschrumpft.
Zudem hat nun der nicht gewählte Ministerpräsident Mario Monti
angekündigt, nach Verabschiedung des Haushaltsgesetzes für 2013
abzutreten. Das hängt damit zusammen, dass Chaos-Berlusconi erneut
zu den Wahlen im kommenden Jahr antreten will, den Monti ersetzt
hatte (Regiert Goldman Sachs nun in Italien?).
Risiken weiter zu Ungunsten der europäischen Steuerzahler und zu
Gunsten privater Gläubiger verschoben
Dass ständig grundlegende Bedingungen des ESM ausgehebelt werden,
ist man längst gewohnt. So war einst auch nicht geplant, dass sich
Banken beim Hilfsfonds bedienen dürfen. Denn damit kann das
betroffene Land Auflagen, Kontrolle und Haftung umgehen, wie es zum
Beispiel für Irland nicht möglich war. War einst auch vorgesehen,
dass die ESM-Hilfsgelder vorrangig bedient werden müssen und
private Gläubiger an einer Staatspleite beteiligt werden, ist auch
all das längst gefallen.
Einen Vorrang vor privaten Gläubigern hat nur noch der
Internationale Währungsfonds (IWF). Die Risiken wurden also immer
weiter zu Ungunsten der europäischen Steuerzahler und zu Gunsten
privater Gläubiger verschoben. Argumentiert wird, die würden davon
abgeschreckt, wenn auch der ESM vorrangig bedient würde.
Führt man nun, wie es die Van Rompuy, Draghi, Barroso und Junckers
wollen, den direkten Zugriff der Banken auf den ESM ein, ohne auch
nur eine effiziente Bankenaufsicht zu haben, ist aus bisherigen
Erfahrungen mehr als fraglich, ob die jemals umgesetzt wird.
Der Zugriff der Banken ohne Bankenaufsicht
Stimmt Deutschland diesem Vorgang nun zu, würde sich das Urteil
bestätigen, wonach Bundeskanzlerin Angela Merkel im Juni beim
EU-Gipfel komplett umgefallen ist. Derzeit ist zu der Aufsicht
sogar weder klar, ob alle Banken darunter gestellt werden, noch wer
sie leistet. Genannt wird zwar gerne die EZB, doch einst wurde nur
beschlossen, dass die EZB an der Aufsicht beteiligt sein soll. Wird
der direkte Zugriff maroder spanischer, zypriotischer, slowenischer
oder italienischer Banken auf die Steuermilliarden ohne
Staatshaftung und Aufsicht gewährt, ist er kaum noch rückgängig zu
machen.
Spanien schielte stets darauf. Die konservative Regierung hat nie
einen Hehl aus ihrer Forderung gemacht, dass seine Banken direkt
aus dem ESM finanziert werden sollen, damit das Geld nicht über den
Staat fließt, dessen Verschuldung damit steigt, da er letztlich für
das Geld haften muss. Das war eigentlich nach geltenden Verträgen
zum temporären Rettungsfonds (EFSF) und zum ESM ausgeschlossen.
Ministerpräsident Mariano Rajoy hatte aber in seiner der Heimat
stets so getan, als handele es sich bei den gewährten
Rettungsmilliarden zur Bankenrettung nur um einen Bankenkredit, mit
dem keine Auflagen verbunden seien.
Wenn nun sogar Geld an spanische Banken fließt, ohne dass auch nur
eine Bankenaufsicht steht, wäre das eine neue Extrawurst, die für
die spanischen Konservativen gebraten wird. Denn obwohl das Land
die Bedingungen für eine begrenzte Bankenrettung nicht erfüllte,
wurde sie genehmigt. Basis dafür war ebenfalls, wie sollte es
anders sein, eine Sonderregelung, die erst 2011 mit Blick auf
Spanien geschaffen worden war. Doch eigentlich hätte das Land dafür
eine solide Finanzpolitik nachweisen müssen.
Extrawürste
Dass davon nicht die Rede sein kann, zeigte sich daran, dass das
Land seine Defizitziele nicht erfüllt, obwohl auch hier die
nächsten Extrawürste gebraten wurden. Statt das Haushaltsdefizit
2012 auf 4,4% zu senken, wurde es in zwei Schritten auf 6,3%
angehoben (Spanien erhält erneut mehr Zeit für Defizitabbau).
Längst musste Spanien aber eingestehen, dass es sogar 7% werden.
Obwohl das Land auch ein Jahr länger Zeit erhalten hat, die
Stabilitätsmarke von 3% wieder einzuhalten, glaubt daran niemand.
Der IWF rechnet damit, dass Spanien frühestens 2017 das
Stabilitätsziel erreichen kann.
Spanien setzt weiter darauf, dass seine Banken bald direkt an
ESM-Gelder ohne Staatshaftung kommen. Denn obwohl bis zu 100
Milliarden Euro für die Bankenrettung genehmigt waren, wurden
vergangene Woche nur 39,5 Milliarden beantragt. Die konservative
Regierung weiß aber, dass es dabei nicht bleiben wird.
Wirtschaftsminister Luis de Guindos gab längst bekannt, dass schon
jetzt weitere 1,5 Milliarden Euro benötigt werden und dabei wird es
nicht bleiben.
Erwartet wird, dass es sogar bei den 100 Milliarden Euro nicht
bleiben dürfte. Die Kriterien zur Berechnung des Kapitalbedarfs
waren viel zu weich und mit den Zahlen wurde getrickst und gemogelt
(Getrickst, gemogelt und hingebogen). Gerechnet wurde zum Beispiel
mit einer Arbeitslosigkeit von 25%. Dabei lag die Quote schon im
Oktober deutlich über 26% und ist auch im November weiter
gestiegen.
"Ausgabe gemeinsamer Schuldtitel"
Doch die Bankenunion ist ohnehin nur einer der Streitpunkte im
Strategiepapier, die in Deutschland auf großen Unmut stoßen. Da ist
zum Beispiel auch von einem einheitlichen Bankenabwicklungsfonds
die Rede. Der zentrale Mechanismus zur Bankenabwicklung soll in der
zweiten Phase ebenfalls schon ab 2013 aufgebaut werden, bevor die
Aufsicht stehen soll.
Angeblich sollen die Steuerzahler vor den Folgekosten
kollabierender Geldhäuser bewahrt werden. Doch woher das Geld dafür
sonst kommen soll, ist unklar. In Spanien werden für die Bad Bank
nun die Rettungsmilliarden eingesetzt, also Steuergelder.
In der dritten Phase soll es dann nach Ansicht des Strategiepapiers
ab 2014 sogar schon soweit sein, dass im Rahmen der einer vagen
"fiskalischen Kapazität" auch Voraussetzungen für die "Ausgabe
gemeinsamer Schuldtitel" geschaffen sein sollen. Angeblich soll es
sich dabei aber nicht um die Euro-Bonds handeln, die in Berlin
stets auf Ablehnung stoßen. Dass eine Vergemeinschaftung der
Schulden geplant ist, wird zwar benannt, die soll aber nicht
systematisch sein.
Formale Selbstentmachtung
Wurden im Rahmen der Nothilfemaßnahmen ohnehin die nationalen
Parlamente schon weitgehend dazu degradiert, vorgegebene
Entscheidungen abzunicken, sollen sie noch stärker entmachtet
werden. In dem Papier wird gefordert, dass die wichtigen
Budgetentscheidungen nicht mehr in den einzelnen Ländern fallen
sollen. Entscheidungen sollen dort demokratisch legitimiert werden,
wo sie tatsächlich getroffen werden, schreibt Van Rompuy.
Wo das sein soll, ist unklar, nur vage deutet er das
Europaparlament an. Praktisch soll nach seinen Vorstellungen den
Ländern die Souveränität über ihre Haushalte genommen werden. Die
Staaten sollen einen Vertrag mit der EU unterschreiben, in dem sie
sich auf bestimmte Vorgaben verpflichten. Das kommt einer formalen
Selbstentmachtung gleich, womit in Deutschland fraglich ist, ob das
mit dem Grundgesetz vereinbar ist.
Diese Vorstellungen dürften vor den Wahlen im kommenden Jahr in
Deutschland kaum durchsetzbar sein. Eine Ausnahme könnte der
direkte Zugriff von Banken auf die ESM-Milliarden auch ohne
effektive Bankenaufsicht sein, die Merkel in der nächsten
Krisensituation als "alternativlos" darstellen könnte. Denn auch
aus dem konservativen Lager hagelt es Widerspruch.
"Die Welt" spricht zum Beispiel von einem "Frontalangriff auf die
deutsche Position" und einem weiteren Schritt in die
"Haftungsunion". CSU-Chef Horst Seehofer spricht von einer
"Umgestaltung der Wirtschafts- und Währungsunion in eine
Transferunion". Die sei mit der CSU nicht zu machen, sagte er und
bekräftigte: "Da bin ich mir mit Kanzlerin Merkel einig."
Hier der Link zum Artikel:
http://www.heise.de/tp/artikel/38/38168/1.html
Schönen Tag noch
Landshark