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Grüner Fisher "Das Ende von QE"

Gastautor: Thomas Grüner
14.11.2018, 18:09  |  411   |   |   

Alle Augen auf die EZB

Im Jahr 2011, als sich die Eurozone immer noch von der globalen Rezession 2008/2009 erholte, hob die EZB zweimal die Zinsen an. Viele verurteilten diese geldpolitischen Maßnahmen als schwerwiegenden Fehler, denn kurze Zeit später fand sich die Eurozone im Rahmen der eskalierenden Schuldenkrise erneut in der Rezession wieder. Ähnliche Bedenken werden in der aktuellen Situation geäußert: Die fundamentale Wirtschaftslage wird als nicht besonders robust wahrgenommen, dementsprechend könnte die Abkehr von der expansiven Geldpolitik nach Ansicht vieler Marktbeobachter erneut Unheil für die Märkte heraufbeschwören.

Rückzug hat begonnen

In der Tat ist die schrittweise Einstellung des QE-Programms in vollem Gange. Die Reduktion der EZB-Anleihekäufe auf 15 Milliarden Euro pro Monat im Oktober und die avisierte Einstellung des QE-Programms zum Dezember werfen Fragen auf. Begeht die EZB einen Fehler? Sind negative Effekte für die europäische Wirtschaft zu befürchten, sobald die „Unterstützung“ der Zentralbank entfällt?

Konträrer Blickwinkel

Dem allgemeinen Konsens entgegenstehend gehen wir davon aus, dass das Ende des QE-Programms der Eurozone in Bezug auf die Kreditvergabe und das Wirtschaftswachstum eher helfen als schaden sollte. Diese These ist gar nicht so abwegig, wenn man die vorangegangene Entwicklung in Großbritannien und den USA etwas genauer betrachtet. Bereits Ende 2012 stellte die Bank of England ihre Anleihekäufe ein, die amerikanische Zentralbank Fed im Oktober 2014. In beiden Fällen waren Marktbeobachter der Meinung, dass die Wirtschaftskraft des jeweiligen Landes diese „Entbehrungen“ nicht schadlos überstehen würde. Die tatsächliche Entwicklung entpuppte sich allerdings als positive Überraschung. Im Jahr 2013 legte das Wirtschaftswachstum in Großbritannien dynamisch zu, auch in den USA beschleunigte sich das Wachstum bereits in der Phase der schrittweisen Rückführung. Für die Eurozone ist zu erwarten, dass die positiven Effekte für die Wirtschaft ebenso überwiegen sollten.

Der ewige Mythos

Zentralbanken schaffen es seit jeher, die Welt glauben zu lassen, dass QE-Programme eine stimulierende Wirkung auf die Wirtschaft entfalten. Jedoch wird die Konjunktur nicht einfach dadurch angekurbelt, dass die Zinsen am langen Ende der Laufzeiten nach unten gedrückt werden. Eher im Gegenteil: Eine Abflachung der Zinsstrukturkurve verringert die Margen der Banken, die sich in der Folge bei der Kreditvergabe restriktiv zeigen. Die eigentliche Idee einer „Konjunkturspritze“ verfehlt ihre Wirkung. Wahrer Treibstoff entsteht wiederum, wenn sich die Margen erneut ausweiten - dies konnte man in der schrittweisen Rückführung des QE-Programms bereits beobachten. Im Dezember 2016 signalisierte die EZB erstmals eine Reduktion der Anleihekäufe von 80 Milliarden Euro auf 60 Milliarden Euro. Die nächste Stufe des „Tapering“ auf 30 Milliarden Euro erfolgte im Januar 2018. In diesem Zeitraum ist die synthetische Zinsstrukturkurve der Eurozone in der Tat steiler geworden. Neueste Umfragewerte der EZB verdeutlichen eine gesteigerte Bereitschaft der Banken zur Kreditvergabe. Der Mythos verflüchtigt sich endlich.

Fazit

Das Ende von QE wird mit großer Skepsis betrachtet, strahlt aber keine wirkliche Gefahr für die europäische Wirtschaft aus. Im Gegenteil: Die steigende Gewissheit, dass die Eurozone ohne QE besser gestellt ist, wird Anlegern neues Selbstvertrauen verschaffen. Es bleibt zu hoffen, dass die EZB in der aktuellen wirtschaftlichen Schwächephase ihre Entscheidung nicht überdenkt und neue Unsicherheit hervorruft.

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Gastautor

Thomas Grüner ist Gründer und Vice Chairman der Vermögensverwaltung „Grüner Fisher Investments“ mit Sitz in Rodenbach bei Kaiserslautern. Grüner Fisher Investments arbeitet eng mit „Fisher Investments“, einem der größten amerikanischen Vermögensverwalter zusammen. Weitere Informationen unter: www.gruener-fisher.de. Bitte beachten Sie den dort hinterlegten Disclaimer sowie die Nutzungsbedingungen.

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