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Investitionen in Startups Sind ICOs die Zukunft des Crowdinvesting?

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Gastautor: Tamo Zwinge
02.01.2018, 15:19  |  2744   |   

Die Fintech-Welt ist um eine Finanzierungsform reicher: Initial Coin Offerings (ICOs). Diese besondere Form des Crowdfunding steckt zwar noch in den Kinderschuhen, sorgt aber bereits für viel Furore. Immer wieder tauchen Meldungen über neue Crowdfunding-Rekorde auf, weil bei einem ICO innerhalb kürzester Zeit dreistellige Millionenbeträge für Startups eingesammelt wurden. Doch was steckt hinter dem Hype? Und was bedeutet das für Crowdinvesting?

 

Wenn Crowdfunding auf die Blockchain trifft
 

Ein ICO ist die Verbindung von Crowdfunding mit digitalen Währungen. Als Synonyme werden oft die Begriffe Crowd Sale oder Token Sale verwendet. ICO steht für Initial Coin Offering und ist damit wörtlich angelehnt an das englische Wort für Börsengang, Initial Public Offering (IPO). Bei einem ICO werden keine jedoch Unternehmensanteile in Form von Aktien zum Kauf angeboten, sondern virtuelle Münzen einer digitalen Währung – sogenannte Tokens.

Diese Tokens sind so etwas wie digitale Gutscheine. Investoren kaufen sie entweder mit einer bereits etablierten Kryptowährung (z.B.: Bitcoin) oder mit einer klassischen Währung (z.B.: Dollar, Euro oder Yen). ICOs werden bisher ausschließlich zur Finanzierung von Blockchain-Projekten eingesetzt. Häufig wird dadurch die Entwicklung einer neuen Kryptowährung finanziert.

Nach dem ICO werden die Tokens als neue Digitalwährung auf den bekanntesten Online-Börsen gehandelt. Investoren erhalten durch einen ICO so die Möglichkeit, in eine Kryptowährung einzusteigen, noch bevor diese öffentlich gehandelt wird. Ist das finanzierte Projekt später erfolgreich, steigt auch der Wert der Tokens rasant an.

 

Goldgräberstimmung bei Kryptowährungen
 

Der wohl bekannteste ICO fand 2014 zur Entwicklung der Blockchain Ethereum statt. Ethereum setzt sogenannte Smart Contracts ein, um digitale Geschäftsbeziehungen zu vereinfachen. Das Projekt sammelte damals 18 Millionen Dollar ein und die daraus entstandene Kryptowährung Ether pendelte sich zunächst bei 40 Cents pro Ether ein. Inzwischen ist Ethereum ein weltweiter Erfolg und der Kurs schoss dementsprechend auf über 300 Dollar pro Ether in die Höhe.

Ethereum hat damit den Grundstein für den jetzt herrschenden Goldrausch im ICO-Business gelegt. Die letzten Token Sales stellten immer neue Rekorde in immer kürzerer Zeit auf. Ein Beispiel ist Bancor, eine auf der Ethereum-Blockchain basierende Digitalwährung. Das dahinter stehende israelische Startup sammelte in nur drei Stunden 153 Millionen Dollar Startkapital ein, wie Quartz berichtet.

Ein weiteres Beispiel ist TenX. Das Startup aus Singapur gehört zu den wenigen ICO-Funding-Kandidaten, die nicht nur eine Idee, sondern schon ein Produkt vorweisen können. TenX hat eine Software entwickelt, die es ermöglicht, mit unterschiedlichen Kryptowährungen im herkömmlichen Handel zu bezahlen. Dazu wird die Kreditkarte des Nutzers mit seinem Smartphone-Wallet kombiniert. Für die Weiterentwicklung seines Produkts konnte TenX rund 80 Millionen Dollar einsammeln – in gerade einmal 7 Minuten.

Und als letztes Beispiel für den ICO-Hype soll Filecoin dienen. Das dahinter stehende Startup Protocol Labs Inc. will eine Blockchain-Plattform zur Vermietung freier Rechenkapazitäten entwickeln. Obwohl das Startup mit technischen Problemen zu kämpfen hat und weder ein Minimal Viable Product, noch einen Launch-Termin vorweisen kann, sammelte es über einen Token Sale rund 200 Millionen Dollar in nur einer Stunde ein.

 

Börsenaufsicht beendet Wild-West-Stimmung
 

Ein ICO-Funding ist im Prinzip eine Form von Crowdfunding. Balaji Srinivasan, Aufsichtsratsmitglied der renommierten Venture-Capital-Firma Andreessen Horowitz, bezeichnete das ICO-Funding nicht ohne Grund als „Kickstarter auf Steroiden“. Denn formal gesehen handelt es sich nur um Spenden, da kein Eigenkapital oder Mezzanine-Kapital vergeben wird. Investoren erhalten in den meisten Fällen weder Mitbestimmungsrechte noch sonstige rechtliche Ansprüche, da ein Rechtsrahmen, wie er beispielsweise für VC-Firmen oder auch Crowdfunding-Plattformen existiert, bei Token Sales völlig fehlt.

Die mangelnde Regulierung ist exakt einer der Gründe, warum ein ICO-Funding für manche Technologie-Startups so attraktiv ist. So gut wie keine Reporting-Pflichten, Unklarheit über Investorenrechte und Regressansprüche im Falle einer Insolvenz, und der geringe bürokratische Aufwand machen es zu einer einfachen und schnellen Finanzierungsform – und zu einem risikoreichen Unterfangen für Anleger. Der ICO-Investor trägt das unternehmerische Risiko voll mit. Sollte das Projekt scheitern, sind die Tokens im Zweifelsfall wertlos.

Weil sie so einfach und schnell umzusetzen sind, finden immer mehr Token Sales statt. Bisher wurden im gesamten Jahr 2017 auf diese Art schon rund 1,3 Milliarden Dollar eingesammelt. Der Bereich zieht aufgrund mangelnder Regulierung natürlich auch viele Betrüger an. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis die Behörden dem Treiben im Namen des Anlegerschutzes einen Riegel vorschieben. Im Juli stufte die SEC die ICO-Fundings offiziell als Wertpapiergeschäfte ein.

Als Begründung heißt es: „Die innovative Technologie hinter diesen virtuellen Transaktionen entbindet Wertpapierangebote und Handelsplattformen nicht vom regulatorischen Rahmen, der entwickelt wurde, um Investoren und die Integrität der Märkte zu schützen.“ Damit deutet sich an, dass die Wild-West-Zeiten für die Branche vorbei sind. Aber darin liegt zugleich eine Chance, denn  es bedeutet, dass die neue Finanzierungsform offiziell anerkannt wurde. Nun gilt es, einen stabilen Rechtsrahmen zu schaffen.

 

ICO-Funding wird Crowdinvesting nicht ersetzen
 

Ein Vorteil, den ICOs gegenüber dem Crowdinvesting (auch equity-based Crowdfunding genannt) haben, ist der öffentliche Handel der Tokens. Zwar sind auch Crowdfunding-Plattformen bemüht, einen Zweitmarkt für Unternehmensbeteiligungen zu schaffen – der britische Anbieter Seedrs testet etwa derzeit einen solchen Zweitmarkt – doch diese Entwicklungen sind noch nicht sehr ausgereift. Die Tokens eines ICOs können Investoren dagegen sofort nach der Auktion öffentlich auf diversen Handelsplätzen für Kryptowährungen handeln.

Dadurch wird eine eigentlich illiquide Geldanlage plötzlich liquide. Doch das bringt für Startups auch Risiken mit sich, denn den Gründern fehlt so die nötige Planungssicherheit. Wenn vom ersten Moment an auf die Firmenentwicklung spekuliert wird, steht das Startup unter einem enormen Erfolgsdruck. Ein Kurseinbruch der Tokens, etwa bedingt durch einen allgemeinen Markteinbruch bei Krpytowährungen, könnte trotz guter Arbeit das vorzeitige Aus bedeuten.

Außerdem birgt ein ICO für Startups noch ein weiteres Risiko. Bei einem Token Sale wird häufig ein Großteil aller Tokens zur Auktion angeboten. Das bedeutet, dass das Startup nur eine Chance hat, ausreichend Kapital einzusammeln. Man muss sich das als eine Seed-Runde vorstellen, in der 100 Prozent des Kapitals offeriert wird. Eine Anschlussfinanzierung in Form einer Series-A- oder Series-B-Finanzierung ist ausgeschlossen. Und auch die Kompatibilität mit anderen Finanzierungsformen ist bisher völlig unklar. Crowdinvesting hat dagegen schon bewiesen, dass es kompatibel mit Anschlussfinanzierungen durch VC-Gesellschaften ist.

Dazu fehlt den ICOs bisher der vorzeigbare Erfolgsfall, was aufgrund des jungen Alters dieser Assetklasse nachvollziehbar ist. Mit Erfolgsfall ist nicht die erfolgreiche Finanzierung eines Projekts gemeint, sondern der Aufbau einer Firma, die dauerhaft Werte schafft. Nur wenn das gelingt, werden sich Investoren außerhalb der Krypto-Szene mit dieser Finanzierungsform beschäftigen. Und schließlich gibt es zu viele offene rechtliche Fragen: Wie schließt man eine ICO-Firma an das bestehende Rechtssystem an? Was, wenn eine ICO-Firma eine Anschlussfinanzierung benötigt? Wie könnte ein Börsengang einer ICO-Firma aussehen? 

 

Wenn sich der Hype gelegt hat…
 

Investments in Kryptowährungen sind Investment in eine risikoreiche Anlageklasse und in einen undurchsichtigen Markt. Der große Hype, den ICO-Fundings zurzeit erleben, hat nicht nur mit dem ohne Frage vorhandenen Potenzial der Blockchain-Technologie zu tun. Er beinhaltet auch eine große Portion Spekulation risikofreudiger Investoren, ausgelöst durch immer neue Höchststände der Vorreiter-Kryptowährung Bitcoin. Diese Entwicklung erinnert gefährlich an die Dotcom-Blase. Das Ergebnis dieser Entwicklung ist bekannt.

ICOs werden nicht einfach wieder verschwinden, doch sie werden in absehbarer Zeit auf Blockchain- und Open-Source-Projekte beschränkt bleiben. Wenn sich der Hype erst einmal gelegt hat – und das wird angesichts der bevorstehenden Regulierung schon bald – wird der ICO-Markt eine Korrektur erleben. Auch danach wird diese Finanzierungsform weiterhin interessant für Kenner der Blockchain-Szene bleiben. Wer sich jedoch in Software-Programmierung und Kryptographie nicht auskennt, für den wird es schwierig die Projekte zu verstehen, geschweige denn ihren künftigen Erfolg einzuschätzen.

Und was Open-Source-Projekte betrifft: Diese gelten in der VC-Branche ohnehin als „investa non grata“ – unerwünschtes Investment. Denn es ist bei solchen rein gemeinnützigen Projekten nicht absehbar, ob sie jemals eine Rendite erwirtschaften. Hier kann ICO-Funding eine echte Alternative zu Kickstarter, Indiegogo und ähnlichen Plattformen werden, allerdings nur dann, wenn es über einen gesetzlichen Rahmen verfügt und Mechanismen erarbeitet, um Betrüger frühzeitig zu erkennen.

Doch den Handel mit Unternehmensbeteiligungen wird das ICO-Funding sobald nicht ersetzen. Zum einen wird dort bisher kein Eigenkapital angeboten, wie etwa bei britischen oder US-amerikanischen Crowdfunding-Plattformen üblich. Zum anderen ist Investorenschutz und Regulierung noch nicht vorhanden. Diese mangelnde Rechtssicherheit werden Investoren nur eingehen, in der Erwartung extrem hoher Renditen. Diese hohen Renditen sind zurzeit noch realisierbar, wie ein VC-Analyst vorrechnet, doch wenn der Krypto-Boom vorüber ist, werden auch diese Zahlen Korrekturen erleben und viele Investoren werden dem ICO-Funding den Rücken kehren.

 

Erfahren Sie mehr zum Thema Crowdfunding, Crowdinvesting und zu unterschiedlichen Anlagestrategien in der Companisto Investoren-Akademie und dem Companisto Blog.

 



Disclaimer

Gastautor

Tamo Zwinge
Gründer & Geschäftsführer, Companisto

Tamo Zwinge leitet seit Juni 2012 als Gründer und Geschäftsführer die Crowdinvesting-Plattform Companisto, auf der Startups eine Schwarmfinanzierung von Mikroinvestoren, den sogenannten Companisten, erhalten können. Er arbeitete zuvor mehrere Jahre als Jurist bei CMS Hasche Sigle, einer der führenden wirtschaftsberatenden Anwaltssozietäten in Deutschland. Dort betreute er große Unternehmen in den Bereichen Gesellschaftsrecht, Unternehmenstransaktionen und Private Clients. Aufgrund dieser Kompetenzen verantwortet Tamo Zwinge im Besonderen die rechtliche Ausgestaltung von Companisto und die stetige Optimierung des Companisto-Modells auf Anschlussfinanzierungen durch Venture Capital-Gesellschaften.

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