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“Stoppt regional zu denken, startet global zu denken“

Gastautor: Thomas Gräf
01.04.2018, 16:07  |  1028   |   |   

Auf der Investment-Konferenz von FondsConsult in Berchtesgaden sprach Keynote-Speaker Steven Smith von Capital Group über den Wandel im weltweiten Handel. FundResearch befragte den Investment Director, wie Investoren von zukünftigen Trends profitieren können.

FR: Seit der Finanzkrise hat sich der globale Handel stark verringert. Ist die Globalisierung auf dem Rückzug?

Smith: Die enorme Zunahme von immateriellen Daten und Informationen ist Beweis dafür, dass die Globalisierung ein neues Kapital erreicht hat. Während die grenzüberschreitenden Waren-, Dienstleistungs- und Finanzströme zurückgehen, ist das Volumen der grenzüberschreitenden Datenströme stark angestiegen. McKinsey zufolge ist der wirtschaftliche Wert von grenzüberschreitenden Informationsflüssen heute höher als der von physisch gehandelten Gütern. Die neue digitale Infrastruktur hat mächtige globale digitale Plattformen hervorgebracht. Darunter zum Beispiel E-Commerce-Webseiten wir Amazon und Alibaba, soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter und digitale Medienplattformen wie Netflix oder aber auch Betriebssoftwares wie Apples iOS oder Googles Android.

 

FR: Wie wirken sich die Digitalisierung und die Globalisierung auf die Art und Weise aus, wie Unternehmen Geschäfte machen?

 Smith: Die globalen digitalen Plattformen verändern die Art und Weise zu wirtschaften für Unternehmen, indem sie die Kosten für internationale Interaktionen und Transaktionen senken. Zugleich schaffen sie wahrlich globale Märkte. Für große multinationale Unternehmen kann das bedeuten, eine globale Größenordnung zu erreichen – und das auf eine schlankere und weniger kapitalintensive Weise. Aber auch für kleinere und mittlere Unternehmen sind sie sehr interessant: Mit ihrer Hilfe können sie nämlich unmittelbar nach ihrem Start eine internationale Ausrichtung umsetzen. Vom ersten Tag an können sie als Mikro-Multinationals agieren, indem sie die globalen Plattformen nutzen, um sich mit Kunden, Lieferanten und Kapitalgebern auf der ganzen Welt zu verbinden. Somit geht es in diesem neuen Kapital der Globalisierung nicht nur um große multinationale Konzerne, sondern auch um die Globalisierung für Privatpersonen und die Emerging Markets. Ein Beispiel: Etwa 70 Prozent der grenzüberschreitenden PayPal-Transaktionen beruhen heutzutage auf Verbrauchern und Unternehmen aus den Emerging Markets.

FR: Sie haben private Internetznutzer erwähnt. Wie wirkt sich die stetige Zunahme der Datenkommunikation auf diese aus? 

Smith: Digitale Plattformen ermöglichen es individuellen Personen direkt an der Globalisierung teilzunehmen. Sie können die globalen digitalen Plattformen nutzen, um zu lernen, ihre Fähigkeiten aufzuzeigen, Arbeit zu finden oder um persönliche Netzwerke aufzubauen. Da die Plattformen Automatismen und Algorithmen nutzen, gehen die Grenzkosten, um neue Mitglieder hinzuzufügen und deren nachfolgenden Interaktionen praktisch gen Null. Folglich können die größten Plattformen sehr schnell und kostengünstig auf Hunderte von Millionen, wenn nicht gar Milliarden von Nutzern anschwellen. Die monatliche Basis aktiver Nutzer von Facebook ist beispielsweise sechsmal größer als die gesamte Bevölkerung der USA. 

Auch der Arbeitsmarkt verändert sich durch das neue digitale Zeitalter der Globalisierung radikal. Arbeitskosten spielen immer weniger eine Rolle, da die Automatisierung in der sich wandelnden Arbeitsökonomie zunimmt und es neue Fertigungstechniken wie den 3D-Druck gibt. Früher basierte die Wahl einer Produktionsstätte auf den dort herrschenden Steuervorteilen und Lohnkosten. Das ist heute nicht mehr der Fall, da die Automatisierung bereits den Punkt erreicht hat, ab dem die Kosten sinken und die Kapazitäten steigen. Allein im Jahr 2016 wurden fast 300.000 Industrieroboter verkauft – davon etwa ein Drittel an China und ein weiterer bedeutender Teil an Mexiko. Da sich die Arbitragemöglichkeiten für Lohnkosten verringern, rücken die Produktionsstätten heute näher an die Endmärkte heran. Folglich beginnen sich multinationale Unternehmen zunehmend zu dezentralisieren und lokaler zu werden.

 FR: Wie wirkt sich das auf Unternehmen aus?

 Smith: Im Kontext dessen, was ich bisher gesagt habe, ist es wahrscheinlich nicht überraschend, dass sich auch die Unternehmenslandschaft weiterentwickelt hat. Heute sind auf Ideen-basierte Unternehmen, die diese digitalen Plattformen besitzen und betreiben, die Marktführer und repräsentieren einige der größten Unternehmen der Welt. Tatsächlich sind die fünf größten Unternehmen nach Marktkapitalisierung heute Apple, die Muttergesellschaft von Google Alphabet, Microsoft, Amazon und Facebook.

 

Dabei ist es besonders bemerkenswert, wie jung einige dieser Unternehmen sind. Facebook wurde 2004 gegründet, Google ist nicht einmal 20 Jahre alt und Amazon ist Mitte 20. Der kometenhafte Aufstieg dieser Unternehmen wurde insbesondere durch das schnelle Gewinnwachstum und die Profitabilität unterstützt. Ein großer Vorteil für diese auf Ideen basierenden Unternehmen ist der technologische Fortschritt. Denn dieser beschleunigt die Einführung von Produkten enorm. Hier ein kurzes Beispiel: Der erste iPod von Apple brauchte vier Jahre bis er 50 Millionen Nutzer generiert hatte. Twitter, was nach dem iPod und Facebook eingeführt wurde, brauchte dafür nur neun Monate.

 FR: Die Globalisierung basiert also im Wesentlichen auf Wandel?

 

Smith: Heute beschäftigen wir uns mit radikalen technologischen Veränderungen und ideenbasierten Unternehmen, die Online-Plattformen betreiben. Diese radikalen Umbrüche hat es in jedem Jahrzehnt der vergangenen 50 Jahre gegeben. In den Siebzigern war es die Ölkrise, in den Achtzigern der Aufstieg Japans und der Hardware-Technologieunternehmen. In den Neunzigern erlebten wir den Aufstieg und den anschließenden Niedergang vieler aber nicht aller Technologie-, Medien- und Telekommunikationsunternehmen und die erste Dekade des neuen Jahrtausends war von Rohstoffen und China geprägt. Das zeigt: Alles ist kontinuierlich im Umbruch.

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