Auswandern Keine Angst vor der finnougrischen Sprache – Finnland als echte Alternative im Norden

30.07.2020, 14:09  |  12914   |   |   

Die Finnen sind glückliche Menschen – zumindest laut dem World Happiness Report vom März 2020: Da haben sie unter mehr als 150 Staaten schon zum dritten Mal in Folge den ersten Platz erlangt. Vermutlich fragt man sich andernorts, wie es möglich ist, dass die Bewohner eines Landes mit so langen Wintern und eher niedrigen Temperaturen so glücklich sein können – zumal die Finnen im Ausland auch nicht unbedingt als ein Volk mit überschäumender Lebensfreude bekannt sind. Warum Finnland ein Ziel für Auswanderer ist, die ein ruhiges, mehr geordnetes Leben bevorzugen, berichtet Mathias von Hofen im Smart Investor.

Der Grund für die stille Zufriedenheit der Finnen liegt nach Ansicht von Wissenschaftlern an den Besonderheiten ihrer Gesellschaft. Die soziale Sicherheit spielt dabei eine ganz entscheidende Rolle. Dafür spricht, dass auch alle anderen skandinavischen Staaten unter den ersten zehn im Happiness Report landeten. Der finnische Wissenschaftler Frank Martela hat sich mit den Ergebnissen der Studie befasst:

Wenn wir Zufriedenheit messen, belegt die Forschung, dass dies mit einer gut funktionierenden Demokratie, freien Wahlen, freier Presse, einem niedrigen Korruptionsindex und Sozialversicherungsdienstleistungen korreliert, die denjenigen helfen, die Unterstützung benötigen.

Laut Umfragen ist das Vertrauen in die Mitmenschen in Finnland besonders ausgeprägt. Die finnische Gesellschaft ist zudem nicht nur sozial, sondern auch ethnisch recht homogen. Der Ausländeranteil ist mit vier Prozent im europäischen Vergleich niedrig. Den Finnen bleiben somit einige Konflikte erspart, die das Zusammenleben in den multiethnisch geprägten Problemvierteln vieler westeuropäischer Großstädte sehr schwierig machen.

Meist fremdbestimmt – die Geschichte Finnlands

Vermutlich wirkt sich auch die geschichtliche Erfahrung der Finnen auf ihr Glücksempfinden aus. Sie wissen ihren erreichten Wohlstand zu schätzen, denn viele Jahrhunderte war ihr Leben von großer Armut und Fremdherrschaft bestimmt. Finnland geriet ab dem Ende des 14. Jahrhunderts vollkommen unter die Kontrolle der Schweden und übernahm von denselben um die Mitte des 16. Jahrhunderts den evangelisch-lutherischen Glauben. Schweden wurde in der Folgezeit zur bestimmenden Macht im Ostseeraum.



Im 18. Jahrhundert wurden die Schweden allerdings vom expandierenden russischen Zarenreich zunehmend in die Defensive gedrängt. 1809 mussten sie den größten Teil Finnlands an Russland abtreten. Finnland wurde zu einer armen Randprovinz des russischen Reiches und verfügte dabei allerdings über eine weitgehende Autonomie. Als Zar Nikolaus der Zweite im Jahr 1899 die finnische Autonomie aufhob, gab dies der finnischen Nationalbewegung massiven Auftrieb. Die Stunde der Unabhängigkeit kam mit dem Zusammenbruch des Zarenreichs und der russischen Revolution 1917.

Finnland war im Zweiten Weltkrieg Verbündeter Deutschlands, schloss jedoch bereits 1944 einen Separatfrieden mit der Sowjetunion. In den folgenden Jahrzehnten waren die Finnen strikt neutral. Finnland richtete sich nach Westen aus und verfolgte einen Kurs der sozialen Marktwirtschaft. Gleichzeitig unterhielt das Land aber enge wirtschaftliche und politische Beziehungen zur Sowjetunion. In der Zeit des Kalten Kriegs wurde der finnische Weg der Neutralität manchmal etwas verächtlich als „Finnlandisierung“ bezeichnet. Doch angesichts der gewaltigen Übermacht der Sowjetunion war er wohl „alternativlos“, um in der neudeutschen Politsprache zu bleiben.

Wirtschaftliche Krise und Besinnung auf eigene Stärken

Der Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1990 führte zu einem massiven Einbruch der finnischen Wirtschaft: So schrumpfte sie um gut 13 Prozent, was dazu führte, dass im Jahr 1995 knapp 20 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung arbeitslos waren. Finnland begriff die Krise als Chance und zog sich am eigenen Schopf aus dem wirtschaftlichen Sumpf. Diese Bereitschaft, neue Wege zu gehen und Probleme selbst anzupacken, unterscheidet das Land im hohen Norden von einigen südeuropäischen EU-Mitgliedern.

Das früher arme Finnland liegt mit seiner Wirtschaftskraft mittlerweile markant über dem Durchschnitt der EU (Kaufkraftindex von 110 im Vergleich zum EU-Durchschnitt von 100). Das Wirtschaftswachstum erreichte in den Jahren 2018 circa 1,7 und 2019 ein Prozent, womit es sein deutsches Pendant übertraf. Die Corona-Krise hat Finnland kalt erwischt – die Infektionsrate pro 1.000 Einwohner gehört bisher jedoch zu den niedrigsten in Europa. Allerdings besteht die Gefahr negativer wirtschaftlicher Einflüsse durch die wichtigsten Handelspartner: Deutschland, Schweden und Russland.

Seit dem Jahr 1995 ist Finnland Mitglied der EU und seit 2002 Teil der Eurozone. Die Finnen spielen in der EU insgesamt eine sehr konstruktive Rolle, doch zugleich vertreten sie manchmal sehr bestimmt ihre Interessen. So hat sich die finnische Regierung deutlich gegen die höchst umstrittenen Eurobonds (aktuell Corona-Bonds) ausgesprochen. Helsinki steuert einen Kurs der finanz- und wirtschaftspolitischen Stabilität. Dafür spricht die relativ geringe Staatsverschuldung von knapp 60 Prozent – wohlgemerkt vor der Krise.

Vielfalt der Regionen

Die Arbeitslosigkeit in Finnland lag 2019 mit knapp sieben Prozent ungefähr im EU-Durchschnitt. Dabei ist sie aber regional sehr unterschiedlich ausgeprägt: Besonders im Osten liegt sie höher, während der deutlich dichter besiedelte Südwesten, vor allem die Region Uusimaa mit der Hauptstadt Helsinki, eine niedrigere Arbeitslosigkeit aufweist.

Uusimaa ist das wirtschaftliche Schwergewicht des Landes. In der flächenmäßig relativ kleinen Region lebt ein Viertel der finnischen Bevölkerung, welches aber knapp 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet. Auch befinden sich hier die Zentralen der meisten Schwergewichte des Landes – allein in Helsinki sind über 80 der 100 größten finnischen Unternehmen beheimatet. Nokia, das immer noch bekannteste Unternehmen aus „Suomi“ (so heißt das Land in der eigenen Sprache), hat seinen Sitz in Espoo, der zweitgrößten Stadt. Dort ist ebenfalls der international erfolgreiche Aufzug- und Rolltreppenhersteller KONE zu Hause (Umsatz: zehn Milliarden Euro).

Potenzial für Auswanderer

Finnland ist kein klassisches Auswanderungsland: 2017 lebten dort 4.150 Deutsche. In den Nachbarländern Schweden und Norwegen sind die Zahlen höher. Einer der Gründe hierfür liegt darin, dass die ökonomische Situation Finnlands immer noch etwas schlechter ist als die der wohlhabenden Nachbarn.

Mindestens ebenso schwer dürfte aber ein sehr spezifisches Hindernis wiegen: die finnische Sprache. Es handelt sich dabei um eine finnougrische Sprache, weshalb sie erhebliche Unterschiede zu den in Europa absolut dominanten indogermanischen Sprachen aufweist. Mit seinen 16 Fällen erscheint das Finnische geradezu weltrekordverdächtig. Wem schon die reine Vorstellung daran Bauchschmerzen verursacht, der sollte vielleicht von der Tatsache beruhigt sein, dass die Finnen in Europa zu den Völkern mit den besten Fremdsprachenkenntnissen gehören. Englisch ist fast flächendeckend als Zweitsprache verbreitet. Einige Finnen sprechen auch gut Deutsch.

Wer seinen Lebensmittelpunkt nach Finnland verlegen will, profitiert davon, dass dort dieselben Arbeits- und Aufenthaltsbedingungen wie in anderen EU-Ländern gelten. Eine Aufenthaltserlaubnis muss erst beantragt werden, wenn man länger als drei Monate im Land lebt. Qualifizierte Fachkräfte wurden bisher vor allem in der Industrie (besonders Kommunikationsindustrie) und dem Bauwesen gesucht, ebenso wie in der Pflege und einigen Dienstleistungsberufen.

Fazit

Finnland stellt als Auswanderungsziel durchaus eine Alternative zu den anderen skandinavischen Staaten dar. Gerade weil es nicht zu den Top-Zielen für Auswanderungswillige gehört, bieten sich hier noch Chancen, die es andernorts so nicht mehr gibt.

Autor: Mathias von Hofen

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1 Kommentare

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Kommentare

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31.07.20 09:10:46
Als ich zum Ersten mal im Sommer in Finnland war ist mir aufgefallen, dass fast alle Menschen, die auf den Straßen feierten betrunken waren. Dann erfuhr ich, dass auch beruflichen Alltag der Schnaps in Wassergläser eingeschenkt wird. Vielleicht liegt es daran.

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