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     813  0 Kommentare Der Hausmeister der Vorsehung

    Heute also das Ganze einmal anhand von Hunden, Autos und Müttern betrachtet.

    Manchmal sind es gerade die kleinen Dinge, die eigentlich nichts mit der wirklichen Sache zu tun haben, die plötzlich alles klar machen.

     

    Bei mir kommt dann auch immer noch der Unterschied zwischen dem inneren Verstehen und dem verstandesmäßigen Begreifen hinzu. Vom Verstand her kann ich vieles aufnehmen, doch richtig fühlen tue ich es nur, wenn es mich persönlich berührt.

     

    Zum Beispiel habe ich das mit dem Selbstbestimmungsgesetz erst wirklich intus seit ich durch Zufall wieder das wunderschöne Lied "When I Said I Wanted to Be Your Dog" von Jens Lekman gehört habe.

     

    Noch besser gelingt das innere Verankern jedoch, selbst wenn ich das nicht will, wenn es mit Menschen zu tun hat, die ich persönlich kenne, wie zum Beispiel unseren Hausmeister.

     

    Hierbei ging es um das Saubermachen der Tiefgarage in der Wohnanlage, in der ich wohne. Dafür hatte man zwei Tage angesetzt und so lange mussten alle Autos raus. Zwei ganze Tage?, habe ich mich gefragt, putzen die vielleicht mit der Zahnbürste?

     

    Der Termin war auch wirklich blöd, denn am zweiten Tag musste ich mein Auto bis mittags unbedingt dort wieder abstellen. Ich bin denn auch an diesem Tag bereits früh nach unten gegangen und es sah gut aus, denn die Seite, auf der sich mein Stellplatz befindet, war bereits sauber, die Zufahrt dorthin aber noch nicht.

     

    Ich hätte also prima schnell dort hineinhuschen können mit meinem Auto.

     

    Doch der Hausmeister ist entrüstet, als ich ihn frage. Es seien nun einmal zwei Tage ausgemacht und dabei bleibe es auch. Ich versuche ihm klarzumachen, dass ich doch nichts dreckig machen würde, was nicht noch dreckig ist, und dabei auch niemanden störe.

     

    Also warum nicht? Weil das so ausgemacht ist! Deshalb käme hier niemand vor 16 Uhr rein, sagt er, und zwar haargenau so, wie das in dem Schreiben stehe, das alle Mieter bekommen haben. Ich merke, ich habe keine Chance und mache mich daher lieber davon.

     

    Zuerst versuche ich, mir vorzustellen, was in so einer Situation wohl in Italien los wäre? Denn das würde ja kein Italiener jemals verstehen. Doch auch das heitert mich nicht auf.

     

    Im selben Moment wird mir dann aber klar, das ist genau das gleiche Denken und die gleiche Haltung, mit der wir damals die Juden umgebracht haben. Und mit der wir gegenwärtig unseren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Selbstmord durchführen.

     

    Weil jeder, der irgendeine Tätigkeit auszuführen hat, auch die unsinnigsten Dinge bis zur letzten Konsequenz durchzieht.

     

    Dem Hausmeister kann ich daher keinen Vorwurf machen, das ist mir in diesem Moment klar. Denn wer weiß, wer sich alles von den Großkopfeten aufgeregt hätte, wenn bereits vor Vollendung der Arbeit dort ein Auto dringestanden hätte. Nicht auszudenken das Ganze.

     

    Leider ist jedoch das, was für den Einzelnen angebracht und rational ist, oft genug für die Gesamtheit mehr als fatal. Gerade in Zeiten wie diesen für unser Land und unsere Gesellschaft.

     

    Wäre bei uns alles in Ordnung und befänden wir uns auf dem richtigen Gleis, dann wäre diese Befehlstreue wunderbar und würde sie unser Land stabil halten und erfolgreich machen wie in den guten Zeiten der Vergangenheit.

     

    Doch auf einem Narrenschiff so zu tun, als wären die Kapitän:innen nicht verrückt, kann durchaus zum Untergang führen.

     

    Am Ende bleibt deshalb wohl wirklich nur der Humor über das, was gerade bei uns abläuft, wie ich ihn dem schönen Bild auf X entnehme, in dem ein ekliger fetter Mann als Frau verkleidet ist, und darunter steht:

     

    Ich stelle mir gerade vor, wie Marco Buschmann seiner Mutter erklärt: "Ja, das ist eine vollwertige Frau, genau wie du, Mutti."

     

    Bernd Niquet

    berndniquet@t-online.de

     

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    Bernd Niquet
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    DER NEUNTE BAND VON "JENSEITS DES GELDES" IST ERSCHIENEN: Bernd Niquet, Jenseits des Geldes, 9. Teil, Leipzig 2023, 648 Seiten, 23,50 Euro

    Leseprobe: "Jenseits des Geldes".

    Eigentlich war ich vollkommen sicher, dass jetzt die Zeit dieser ganzen Auseinandersetzungen hinter mir lag. Deswegen hatte ich auch extra meine Mietrechtschutzversicherung gekündigt. Dann habe ich aber doch einmal in die Betriebskostenabrechnung hineingeschaut und musste unwillkürlich rechnen. 29.220 Euro im Jahr 2018 für die Reinigung der Treppen und Flure, das sind 93 Euro pro Haus pro Woche. Ich würde das jeweils in zehn Minuten schaffen, doch selbst wenn die ungelernte Hilfskraft zwanzig Minuten braucht, sind das 279 Euro Stundenlohn, den die Leiharbeitsfirma dafür einfährt. Wer dabei nicht an Sizilien denkt, kann eigentlich nicht mehr voll bei Verstand sein.

    Bernd Niquet ist Jahrgang 1956 und wohnt immer noch am letzten grünen Zipfel der Failed Stadt Berlin. Die ersten acht Teile von „Jenseits des Geldes“ sind ebenfalls im Engelsdorfer Verlag erschienen, und zwar in den Jahren 2011, 2012, 2013 sowie 2018, 2019, 2020, 2021 und 2022.

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    Verfasst von Bernd Niquet
    Der Hausmeister der Vorsehung Was für den Einzelnen richtig ist, ist oft genug für die Gesamtheit mehr als fatal