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Die Unsicherheits-Trumpet(e) im Dow Jones

Gastautor: Sven Weisenhaus
07.02.2017, 08:51  |  1357   |   |   

Sehr verehrte Leserinnen und Leser,

seit Jahren hat Jochen Steffens an dieser Stelle auf ein immer wiederkehrendes Börsenphänomen aufmerksam gemacht: Wenn große Indizes ein wichtiges, meist rundes Kursniveau erreicht haben – an den schon aus charttechnischer Sicht eine Pause der Rally zu erwarten ist – stellt sich meist auch ein fundamentales Problem ein, das den Anstieg bremst.

So zeigt sich die Unsicherheit über die US-Politik im Chart

Zuletzt war dies im Juli 2014 der Fall, als sowohl der DAX vor der 10.000er Marke als auch der S&P 500 vor der 2.000er Marke stand. Damals kam es durch den Abschuss der malaysischen Passagiermaschine über der Ukraine zur einer (weiteren) Eskalation der Ukraine-Krise.

Aktuell steht der Dow Jones bekanntlich vor seiner 20.000er Marke. Hier sehen wir seit Wochen eine Seitwärtsbewegung, wobei der Index die Marke lange Zeit nicht einmal erreichen konnte. Und auch diesmal lässt sich ein ziemlich eindeutiger Grund für das zögerliche Vorgehen der Anleger ausmachen: die Unsicherheit über die künftige Politik der neuen US-Regierung.

Nun ist Unsicherheit an den Börsen eher die Regel als die Ausnahme. Aber manchmal ist diese Unsicherheit auch aus den Charts eindeutig ablesbar – in diesem Fall im Dow Jones:

Dow Jones - Unsicherheitstrompete 

Die Broadening Formation als Inkarnation der Unsicherheit

Hier sehen Sie, dass sich nach der starken (Trump-)Rally vom November/Dezember seit Mitte Dezember eine sogenannte Broadening Formation (blaue Linie) gebildet hat. Diese Formation ist insofern eine charttechnische Besonderheit, weil sie von auseinanderlaufenden Linien gebildet wird – also nach rechts breiter wird (daher auch der Name broadening = engl.: ausbreiten, verbreitern). Die meisten anderen Chartformationen werden hingegen entweder von parallelen Linien gebildet (Trendkanäle, Rechtecke) oder von zusammenlaufenden Linien (Dreiecke, Keile).

Die Broadening Formation ist die charttechnische Inkarnation von Unsicherheit an der Börse. Wir nennen sie aufgrund ihrer trompetenähnlichen Form seit Jahren auch „Unsicherheits-Trompete“. Mitunter – insbesondere bei einzelnen Aktien – ist die Ursache für diese Unsicherheit nicht genau bekannt. Wenn die Unsicherheits-Trompete aber bei großen Indizes auftritt, kann man in der Regel sehr genau sagen, welches Thema die Börsianer gerade in Atem hält. Derzeit ist das zweifellos die noch schwer einzuschätzende Politik der neuen US-Regierung unter Präsident Trump. Wir lassen uns daher natürlich nicht die Gelegenheit entgehen, den schon vorhandenen Wortspielen mit dem Namen des US-Präsidenten ein neues hinzuzufügen. Wir taufen diese Formation im Dow Jones daher „Unsicherheits-Trumpet(e)“ (trumpet = engl. Trompete).

Was eine Unsicherheits-Trompete bedeutet

Aber Spaß beiseite. Was haben wir von dieser Formation ganz allgemein zu erwarten und was sagt sie uns konkret für den weiteren Verlauf? Zunächst gilt: Unsicherheit ist einerseits potenziell schlecht für die Börsen. Andererseits kennen wir die „Mauer der Angst“, an der sich die Kurse allmählich zu neuen Höhen aufschwingen. Nur: Wenn sich die Kurse an der „Mauer der Angst“ emporhangeln, dann besteht ja ein Trend – der zwar zäh und flach verlaufen mag, aber immerhin aufwärts zeigt.

Wenn sich hingegen – so wie jetzt – die Unsicherheit als regelrechte Formation im Chart niederschlägt, dann ist das eher bearish zu werten. Das ist auch logisch: Wenn die Unsicherheit anhält oder sich die dahinterstehenden Befürchtungen sogar bewahrheiten, dann sind fallende Kurse sehr wahrscheinlich. Daher ist die Unsicherheits-Trompete generell leicht negativ und könnte daher zu einer – meist nur kurzfristigen – Top-Formation werden. Wenn sich allerdings die Unsicherheit verflüchtigt, kann die Unsicherheits-Trompete auch zur Fortsetzungsformation werden.

Welche Richtung die Kurse letztlich einschlagen, ist im Vorfeld schwer zu sagen – sonst gäbe es ja keine Unsicherheit! Meist hängt die Entscheidung auch von externen Faktoren ab, so wie aktuell: Wenn Trump seine angekündigten wirtschaftspolitischen Maßnahmen (Infrastrukturprogramme, Steuererleichterungen) so umsetzt, dass Wirtschaft und Börsen davon positive Impulse erwarten, dann können die Kurse noch eine Weile weitersteigen. Anderenfalls dürfte die Trump-Rally von Ende 2016 in sich zusammenfallen.

Das ist der psychologische Hintergrund der Formation

Um die Formation „lesen“ zu können, müssen wir uns veranschaulichen, welche psychologischen Hintergründe sie entstehen lassen. Zunächst muss ein Ereignis oder ein Prozess bevorstehen, dessen Ergebnis die Anleger mangels Erfahrung oder Wissen nicht einschätzen können. Das war z.B. während der Euro-Schuldenkrise 2010-2012 oder dem US-Haushaltsstreit 2011-2013 (inklusive Fiskalklippe und Government-Shutdown) zumindest teilweise der Fall. Auch die Amtseinführung von Donald Trump bzw. die Erwartung seiner ersten Schritte gehören zweifellos in diese Kategorie.

Zu diesem Zeitpunkt (der linken „Spitze“ der Trompete) schlafen die Kursbewegungen fast ganz ein, weil alle abwarten. Nur nach und nach wagen sich erste Anleger und einige Trader aus der Deckung – sei es, weil sie nur einen Versuchsballon steigen lassen oder weil sie glauben, etwas zu wissen. Aber nur sehr wenige Trader und Anleger werden diesem ersten Impuls folgen. Die Kursbewegungen – egal in welche Richtung – bleiben daher zunächst weiterhin sehr gering.

Nach und nach gibt es aber immer mehr Nachrichten, Analysen, Gerüchte und Meinungen zu diesem Ereignis oder Prozess – eventuell auch erste Maßnahmen oder konkrete Pläne, die sich bewerten lassen. Damit können sich schon ein paar mehr Anleger eine (eventuell sogar völlig neue) Meinung bilden und darauf an der Börse setzen. Diesem neuen Impuls werden schon mehr Trader und Investoren folgen. Dadurch werden die Kursausschläge größer. Wenn sie so stark werden, dass die Anleger und Trader mit gegenteiliger Meinung der Überzeugung sind, dass eine „Übertreibung“ vorliegt, werden sie dagegenhalten. Fast immer werden sie die Kurse dann schnell in die Gegenrichtung schlagen, weil natürlich die Überzeugung der ersten Gruppe längst nicht so gefestigt ist, dass sie um jeden Preis dagegenhalten. Insbesondere die Trader-Fraktion wird sich schnell mit kleinen Gewinnen zufriedengeben und sich zurückziehen.

Stark von externen Impulsen getrieben

So geht es unter zunehmenden Schwankungen hin und her. Die Schwierigkeit der Unsicherheits-Trompete liegt darin, dass die Kurse dabei keineswegs stets perfekt an die Begrenzungslinien der Formation laufen müssen. Da die Formation extrem durch externe Nachrichten getrieben wird, können plötzliche und unerwartete Nachrichten die Kurse sehr schnell und stark in jede beliebige Richtung treiben.

Beispiel: Nachdem Trump Ende Januar das Dekret zum Bau einer Mauer nach Mexiko unterzeichnet hatte, sprangen die Aktien von Bauunternehmen und Baumaschinenherstellern kräftig an. Auch der Gesamtmarkt zog mit und der Dow Jones konnte in der Folge die 20.000-Punkte-Marke überwinden – und das sogar mit einer großen Kurslücke und einer sehr bullishen Kerze! Trotzdem habe ich den Lesern meiner Stockstreet Investment Strategie nur wenige Tage später die Unsicherheits-Trumpet(e) präsentiert und vor voreiligen Schlüssen bezüglich einer schnellen Fortsetzung der Rally gewarnt. Und das, obwohl damals diese Formation charttechnisch noch gar nicht sicher war. Aber die Unsicherheit über die neue US-Politik war ja fast allerorten mit den Händen zu greifen. Und im Zusammenhang mit dem starken Widerstand bei 20.000 Punkten war die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die Seitwärtsbewegung weitergeht. Und dabei wiederum war die Unsicherheits-Trumpet(e) die wahrscheinlichste Variante.

Diese Hinweise gibt uns der Chart aktuell

So ist es nun auch gekommen, aber die spannende Frage ist natürlich, wie es weitergehen könnte. Einige charttechnische Hinweise gibt es zwar. Aber bei der Analyse der Kursbewegungen von Konsolidierungsformationen ist stets größte Vorsicht geboten. Das gilt insbesondere dann, wenn diese sehr eng sind. Dann besteht die Gefahr, dass man kleinsten Kursbewegungen eine zu große Bedeutung beimisst – obwohl sie de facto nur das Rauschen der Kurse darstellen. Diese Gefahr besteht auch bei der aktuellen Unsicherheits-Trumpet(e). Immerhin umfasst deren größte Ausdehnung bisher nur eine Kursspanne von maximal 2,3 % innerhalb von rund acht Wochen. Das kann ein Index wie der Dow Jones aber auch schon mal an einem Tag machen!

Hinzu kommen etliche widersprüchliche Signale. So gab es, wie gesagt, den eigentlich klar bullishen Ausbruch über die 20.000er Marke (siehe roter Pfeil im folgenden Chart). Doch kurz danach prallte der Kurs an der oberen blauen Linie ab und fiel wieder unter 20.000 Punkte (rote Linie). Damit gab es einen Fehlausbruch nach oben, der bearish zu werten ist. Zuvor bildete sich eine Insel-Umkehr am Hoch (roter Bogen). Das ist eine eindeutig bearishe Umkehrformation, die allerdings in diesem Fall nur aus drei Kerzen besteht, also nur eine sehr kurzfristige Bedeutung hat. Ihr Kursziel ist demzufolge gering – es liegt am Tief der vorhergehenden Minor-Bewegung zum Hoch, also an der grünen Linie.

Dow Jones - Unsicherheitstrompete (Details) 

Aber selbst dieses sehr nahe Kursziel wurde (noch) nicht erreicht. Die beiden Kerzen, die dem Fehlausbruch folgten, haben sehr lange „Lunten“ („Schatten“ nach unten) und damit eine (bullishe) Umkehrtendenz. Diese Tendenz setzte sich auch durch und deutlich vor der grünen Linie drehten die Kurse wieder ab (grüner Pfeil). Am Freitag wurde erneut mit einer großen Kurslücke und langen weißen (= bullishen) Kerze die 20.000er Marke überwunden. Am gestrigen Montag jedoch drehten die US-Futures vorbörslich wieder ins Minus und der Dow Jones eröffnete zunächst schwach. Er konnte aber immerhin die 20.000er Marke behaupten und sich danach deutlich erholen.

Keine klaren Richtungshinweise durch die jüngsten Kursbewegungen

Sie sehen also, dass auch die Chartanalyse derzeit keine klare Richtung erkennen lässt. Es ist zwar häufig so, dass die Broadening Formation in die Richtung aufgelöst wird, in die letztlich eine kleine Trendtendenz entsteht. Da Ende Januar die untere Linie nicht mehr erreicht wurde (siehe grüner Pfeil), entstand ein erstes höheres Tief als Zeichen eines möglichen Aufwärtstrends. Damit besteht nun eine kleine Chance für einen baldigen Ausbruch nach oben. Aber sicher ist dieser natürlich nicht. Schließlich gab es zuvor Ähnliches auch nach oben (siehe gelbe Ellipsen), ohne dass es zu einem Ausbruch nach unten kam.

Und wir müssen beachten, dass zusätzlich die runde 20.000er Marke eine große Anziehungskraft auf die Kurse ausübt – und zwar in beide Richtungen. So wie der Dow Jones bis Mitte Januar durch diese Marke von oben gedeckelt wurde, kann es sein, dass er von ihr von unten gebremst wird, wenn sich die Kurse demnächst doch über der roten Linie festsetzen sollten. Zudem ist es völlig normal, dass ein Index länger mit einer psychologisch wichtigen runden Marke kämpft.

Ein wichtiges Indiz mahnt zur Vorsicht

Es gibt jedoch ein wichtiges Indiz, das uns zumindest zur Vorsicht mahnt. Das ist die Umsatzentwicklung in der Unsicherheits-Trumpet(e). Normalerweise ist der Umsatzverlauf chaotisch, weil jegliche Richtung fehlt und die Anleger vielfach nur auf externe Impulse (Nachrichten, Gerüchte) reagieren. Das führt hier und da zu Umsatzspitzen, aber sonst einer eher flauen Umsatzverteilung.

Diesmal verzeichnen wir jedoch stetig steigende Umsätze (siehe dicke rote Linie im unteren Chartteil). Das allein ließe sich noch durch die zunehmenden Aktivitäten in der Formation erklären, wenn mit der Zeit immer mehr Anleger Mut fassen und sich in die eine oder andere Richtung engagieren. Auffällig ist aber das hohe Gesamtniveau dieser Umsätze. Es liegt um mehr als den Faktor 3 höher als die relevanten Durchschnittswerte der Jahre 2014-2017 (siehe dicke blaue Linie im unteren Chartteil)!

Ein solch kontinuierlich hoher Umsatz im Vergleich zu vorher könnte ein Hinweis auf größere Umverteilungen institutioneller Anleger und damit Vorbote einer Topbildung sein. Möglicherweise schätzen die Profianleger die weiteren Chancen für eine Aktienmarktrally inzwischen schlechter ein als noch kurz nach der Wahl. Dafür spricht auch, dass einige typische „Trump-Branchen“, wie die Ölindustrie und der Bausektor inzwischen wieder dem breiten Markt deutlich hinterherlaufen, also eine ausgeprägte relative Schwäche zeigen.

Aber natürlich sind diese Bedenken sofort hinfällig, wenn der Dow Jones nachhaltig nach oben ausbricht und seine Rally fortsetzt.

Fazit

Im wichtigen Dow Jones Index zeigt sich derzeit eine deutliche Unsicherheitsformation (Broadening Formation). Angesichts der nach wie vor fehlenden politischen Richtung der neuen US-Regierung unter Präsident Trump ist dies auch nachvollziehbar. Eine solche Unsicherheits-Trumpet(e) ist generell als eher bearish einzustufen, aber auch eine bullishe Auflösung ist möglich.

Die Kursbewegungen innerhalb der Formation liefern meist keine klaren Hinweise über den weiteren Verlauf. Das ist auch diesmal so, denn die Kursbewegungen sind höchst widersprüchlich und außerdem viel zu klein für belastbare Analysen.

Ein zusätzlicher negativer Aspekt ist jedoch das Volumen, unter dem die Formation bislang gebildet wurde. Das könnte ein Hinweis auf laufende Umschichtungen von Großanlegern und ein bevorstehendes Top im Dow Jones sein. Da zugleich auch die Branchenanalyse eine Schwäche der typischen „Trump-Branchen“ zeigt, sollten Sie zumindest mit einem möglichen Ende der seit November laufenden Trump-Rally rechnen – sofern nicht ein klarer Ausbruch nach oben alle Bedenken hinfällig macht.

Mit besten Grüßen

Ihr Torsten Ewert

(Quelle: www.stockstreet.de)

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