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„Flash-Crash“ an den Börsen: Wie Großinvestoren Kleinanleger über den Tisch ziehen

Gastautor: w:o Gastbeitrag
12.02.2018, 10:59  |  3460   |   |   

In der vergangenen Woche ist es an der New Yorker Aktienbörse mehrmals zu sogenannten „Flash-Crashs“ gekommen. Darunter versteht man extreme Kurseinbrüche, die nur wenige Minuten andauern und in deren Folge sich die Kurse zu einem beträchtlichen Teil wieder erholen.

In den Massenmedien werden diese „Flash-Crashs“ oft als nicht vorhersehbare, urplötzlich eintretende Ereignisse dargestellt, die besonders die großen Marktteilnehmer mit ihren riesigen Einsätzen hart treffen.

In Wahrheit ist genau das Gegenteil der Fall: Flash Crashs können von großen Marktteilnehmern wie Hedgefonds und internationalen Großbanken absichtlich herbeigeführt und zur eigenen Gewinnmaximierung genutzt werden. Verlierer des Spiels sind die Kleinanleger.

Das Ganze funktioniert folgendermaßen: Werfen ein oder mehrere Hedgefonds oder Großbanken gleichzeitig große Aktienpakete auf den Markt, dann bricht der Kurs der betreffenden Aktien blitzschnell kräftig ein. Viele Kleinanleger haben zum Schutz vor größeren Verlusten „Stop-Loss-Orders“ platziert, die dazu führen, dass ihre Aktien bei einem bestimmten Kursverlust automatisch verkauft werden. Meistens werden diese Orders bei einem Verlust von fünf Prozent aktiviert.

Hedgefonds-Betreiber müssen also nur dafür sorgen, dass es zu einem Kurssturz von mindestens fünf  Prozent kommt. Dann können sie abwarten, bis eine Verkaufswelle der Kleinanleger mit Stop-Loss-Ordern einsetzt und den Kurs weiter in die Tiefe treibt. Sobald der Kursrückgang dann abebbt, können sie erneut einsteigen und die Kurse so wieder in die Höhe treiben.

Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Der Kurswert einer Aktie liegt bei 100 Euro. Einige Hedgefonds beschließen, ihre Aktienpakete auf den Markt zu werfen, was den Kurs in Sekunden oder Minuten um fünf Prozent einbrechen lässt und bei Kleinanlegern automatisch die Stop-Loss-Orders auslöst.

Diese zweite Verkaufswelle treibt den Kurs um weitere vier Prozent nach unten. Sobald die Talsohle erreicht ist – ein Zeitpunkt, den die Algorechner der Profis sehr genau bestimmen können - steigen die Hedgefonds bei einem Kurs von 91 Euro pro Aktie wieder ein, was den Kurs wieder auf 97 Euro pro Aktie hochtreibt.

Die Hedgefonds haben also, obwohl der Kurs gegenüber dem Ausgangswert um drei Prozent gefallen ist, auf die einzelne Aktie einen Gewinn von 6 Euro gemacht. Kleinanleger mit einer Stop-Loss-Order, die wegen der rasanten Geschwindigkeit der Ereignisse erst nach dem Flash Crash wieder einsteigen, müssen dagegen einen Verlust von sieben Euro (fünf Euro beim Verkauf, zwei Euro beim erneuten Einstieg bei 97 Euro) hinnehmen.   

Das Flash-Crash–Phänomen zeigt nicht nur, wie sehr die Aktienmärkte von den großen Marktteilnehmern manipuliert werden. Es zeigt vor allem ihren zutiefst pervertierten Charakter, denn eigentlich dient das Prinzip der Stop-Loss-Orders, also der Eingrenzung von Verlusten, ja dem Schutz von Kleinanlegern. Mittlerweile aber haben die großen Player im Aktiengeschäft eine solche Marktmacht, dass sie sogar solche Schutzmechanismen zum eigenen Vorteil nutzen und sie dadurch in ihr Gegenteil verkehren können.

Da Flash-Crashs kein neues Phänomen sind und Großinvestoren Kleinanleger in der Vergangenheit bereits mehrfach auf diese Weise um erhebliche Summen erleichtert haben, werfen sie auch ein bezeichnendes Licht auf die vermeintliche „Finanzaufsicht“ sämtlicher Börsen. Bis heute ist weltweit kein Fall bekannt, in dem eine Behörde auch nur den Versuch unternommen hätte, diesem Treiben ein Ende zu bereiten.

Im Grunde wäre es allerdings auch ein aussichtsloses Unterfangen, denn die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass die internationale Finanzelite sich auf Grund ihrer Allmacht selbst dort, wo rechtliche Einschränkungen gelten, nicht darum schert und in den Fällen, in denen es tatsächlich zu gerichtlicher Verfolgung kommt, sowohl von der Justiz, als auch von der Politik mit Samthandschuhen angefasst wird.

 

 

Gastbeitrag von Ernst Wolff, erschienen am 12.02.2018.

Ernst Wolff, 1950 in Tianjin / VR China geboren, wuchs in Südostasien auf, ging in
Deutschland zur Schule und studierte in den USA.

Er arbeitete in diversen Berufen, u.a. als Dolmetscher und Drehbuchautor. Seit den
politischen Umwälzungen von 1968 beschäftigt er sich vor allem mit den Themen Politik
und Wirtschaft. Wegen der durch die Deregulierung herbeigeführten weltweiten
Finanzialisierung konzentriert er sich seit Jahren auf den in seinen Augen wichtigsten
Bereich der globalen Gesellschaft – den Finanzsektor.

Wolff lebt als freier Journalist in Berlin, schreibt regelmäßig zu aktuellen Themen und
hält weltweit Vorträge, die das aktuelle Tagesgeschehen vor seinen finanzpolitischen
Hintergründen beleuchten.

Wolff ist Autor der Bücher „Finanztsunami – wie das globale Finanzsystem uns alle
bedroht“, erschienen in der edition e. wolff und „Weltmacht IWF – Chronik eines
Raubzugs“, erschienen im Tectum-Verlag, Marburg, und einer der Autoren des Buches
„Fassadendemokratie und tiefer Staat“, erschienen im Promedia-Verlag, Wien.

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Kommentare

Ich denke auch dass es Schwachsinnig ist bei Einzeltiteln mit Stopp-Lost Order zu handeln.
Wer das Unternehmen gut analysiert hat, sollte nicht bei einem Kursverlust von 5% austeigen.
Das ist doch bescheuert. Besonders wenn man sich mal ein Chart ansieht der 20 Jahre gelaufen ist.

Wenn man sich auch nur ein bisschen informiert, was man durchaus tun sollte, wenn man Geld anlegt, für das man mehrere Tausend Stunden gearbeitet hat. Dann wird ein Buy and Hold öfters ins Auge fallen.

Vielleicht mag der Stopp-Lost sinnvoll sein, wenn man bei hoch spekulativen Penny Stocks mit Stopp-Lost arbeitet und eher als Trader unterwegs ist.
Oder wenn man sich in der Endsparphase befindet, sein Ziel erreicht hat und unter keinen Umständen große Kursverluste mehr hinnehmen oder aussitzen kann.

Wie will man denn jemand nachweisen, dass er mit Absicht jetzt den Flashcrash ausgelöst hat/verstärkt hat?
Wie immer gibt es zwei Seiten der Medaille.

Ein Flash Crash ist eben auch immer die Chance, günstig einzusteigen, etwa über Abstauberlimite, was ich schon mehrfach erfolgreich praktiziert habe (der Freitag nach dem Brexit-Referendum war ein Traum).

Wer dagegen mit Stop-Loss arbeitet, ist selber schuld. Je nach gewähltem Limit können bereits kleine Kursschwankungen (das muss ja nicht einmal ein Flash Crash sein) zu einem automatischen Verkauf führen.
Als Klein- und Kleinstanleger sollte man sich nicht der Hoffnung hingeben, man könnte mit den Profis mithalten. Grundsätzlich ist Kaufen und Halten der einzige Weg, Ausnahmen bestätigen die Regel, eine höhere Rendite als im Fondsinvestment zu erzielen. Richtig drollig finde ich die jahrelange Bombardierung der Kleinanleger mit Stopp/Loss-sonst-alles-weg-Aufforderungen ... Nur die dümmsten Kälber ... :-)

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