Coronavirus und ungesundes Framing: „Aus dem Schlagzeilen-Wust das Seriöse vom Unseriösen unterscheiden“

Nachrichtenquelle: DAS INVESTMENT
05.03.2020, 08:34  |  1736   |   |   
In Zeiten turbulenter Märkte – wie aktuell angesichts des Coronavirus – kämpfen viele Instanzen um die Deutungshoheit über die Ereignisse: Medien, Vertriebe, Investmentgesellschaften. Jeder setzt seinen Frame – im eigenen Interesse. Anleger müssen darauf achten, dass sie ihre eigene Agenda nicht aus den Augen verlieren, rät Ali Masarwah vom Analysehaus Morningstar.
Ali MasarwahFoto: Morningstar

Ich muss gestehen, dass ich seit meiner Kindheit ein gespaltenes Verhältnis zu Boulevardmedien habe; "Bild" hätte mir um ein Haar den Sommerurlaub meines Lebens versaut. Es war im Jahr 1979. Die US-Raumstation Skylab geriet außer Kontrolle und drohte unkontrolliert auf die Erde zu stürzen. Die NASA versuchte zwar, Skylab über auf das offene Meer abstürzen zu lassen, aber es war nicht sicher, ob das gelingen würde. Prompt war auf Seite 1 der Zeitung mit den großen Buchstaben zu lesen, dass Skylab über Deutschland abzustürzen drohe, ich meine sogar, dass die Region Frankfurt benannt wurde. Da ich zu der Zeit in Frankfurt sein wollte, waren meine Eltern drauf und dran, meine Reise zu stornieren. "Was passiert, Junge, wenn dir Skylab auf den Kopf stürzt?", waren die bangen Worte meiner Mutter. Ich konnte mich – Gott sei Dank – durchsetzen, und ich erlebte den Sommer meines Lebens. (Skylab stürzte im Juli 1979 über irgend einen Ozean ab, und ich weiß nicht, ob "Bild" darüber berichtete.) 
Schnitt. Gut 40 Jahre später fand ich mich Ende vergangener Woche gefühlt im Frühsommer 1979 wieder. Das Coronavirus, längst in China und Asien manifest, breitete sich rasant in Europa aus. Ab Montag vergangener Woche erreichte das Bewusstsein der Risiken einer Pandemie Kapitalmarktanleger in Europa und den USA. Die Börsen reagierten so, wie es bei Krisen häufig der Fall ist: mit hohen Kursverlusten. Am Ende der Woche stand bei den meisten Aktien-Indizes unter dem Strich ein niedriges zweistelliges Minus. Das war bemerkenswert.
Wenn schwarze Schwäne zum Massenphänomen werden
Es kam, wie es kommen musste. Etliche Medien berichteten vom "Schwarzen Freitag", von "Schwarzen Schwänen" und von "abstürzenden Börsen". Erst recht ging es in den sozialen Medien hoch her, die inzwischen für viele die erste Informationsquelle sind. Eine Google-Stichwortsuche "Corona Crash" förderte in 0,41 Sekunden fast 47 Millionen Ergebnisse zutage. 
Alarmismus in den Medien ist ein Problem für Anleger. Oft merken sie nicht, dass sie durch eine gezielte Wortwahl und Bildersprache, man nennt es auch Framing, in ihrer Wahrnehmung beeinflusst werden. Das galt auch für die bisherige Coronavirus-Berichterstattung. Es wurde ein klarer Krisen-Rahmen für die Ereignisse gesetzt. Das passierte auf wenig subtile Weise. Alles, was nach dem Stichwort "Crash" gelesen wird, wird unter den Vorzeichen gelesen: Drama, Terror, Krise. Wer von "abstürzenden" Börsen fabuliert oder anders dramatisiert, legt es darauf an, Panik zu verbreiten.
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