Marktkommentar: Christian Schmitt (ETHENEA): Never catch a falling knife!?
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Marktkommentar Christian Schmitt (ETHENEA): Never catch a falling knife!?

Gastautor: Asset Standard
10.11.2020, 09:15  |  169   |   |   

Wie verhält man sich künftig geschickt, wenn die Kurse nochmals fallen sollten?

November 2020 - Die Warnung vor dem Griff ins fallende Messer zählt zu den bekanntesten Börsenweisheiten. Wer die Regel dieses Jahr beherzigt hat, konnte beispielsweise das Wirecard-Debakel teilnahmslos von der Seitenlinie beobachten. Auf der anderen Seite stehen jedoch zahlreiche verpasste Einstiegschancen in attraktive Aktien, die seit den Turbulenzen im Frühjahr die Wende nach oben geschafft haben. Welchen Mehrwert bietet die genannte Börsenweisheit also generell? Und wie verhält man sich künftig geschickt, wenn die Kurse nochmals fallen sollten?

Lassen Sie uns mit einer kurzen, humorvollen Geschichte einsteigen: Beim jährlichen Kochevent des Börsenclubs fällt aus Versehen ein schweres und scharfes Küchenmesser von der Arbeitsplatte und steuert geradewegs auf den Fuß eines Teilnehmers zu. Ein danebenstehender technischer Analyst beobachtet das Geschehen und will geistesgegenwärtig nach dem Messer greifen, zieht dann jedoch in letzter Sekunde die Hand wieder zurück. Für den Fuß seines Nachbarn, ein klassischer Value-Investor, hat das unangenehme Konsequenzen. Nach einem lauten Schmerzensschrei raunt dieser seinen Nachbarn an, warum er das Messer nicht aufgehalten habe. Der technische Analyst verweist abgebrüht auf eines seiner Prinzipien: „Greife niemals in ein fallendes Messer!“. Umso erstaunter fragt er den Value-Investoren zurück, warum dieser nicht einfach seinen Fuß weggezogen habe. Dieser erwidert nur: „Ich hätte nie gedacht, dass das Messer so tief fällt.“

Anhand dieser Pointe wird nachvollziehbar, warum der Vergleich fallender Kurse mit dem Bild des fallenden Messers hinkt. Was beim fallenden Küchenmesser sehr anschaulich wirkt und physikalisch sowohl durch das Newtonsche Gravitationsgesetz als auch durch die allgemeine Relativitätstheorie bis ins kleinste Detail beschrieben werden kann, konnte bis dato weder von Isaac Newton noch von Albert Einstein oder anderen klugen Köpfen in halbwegs praxistauglichen Formeln für fallende Kurse ausgedrückt werden. Ganz im Gegenteil. So ist über Isaac Newton überliefert, dass er große Teile seines Vermögens durch Spekulationen an der Börse verloren hat. Seine Resignation gegenüber den Kapitalmärkten fand dabei Ausdruck in folgendem Zitat: „Ich kann zwar die Bahn der Gestirne auf Zentimeter und Sekunden genau berechnen, aber nicht, wohin eine verrückte Menge einen Börsenkurs treiben kann.“

Wie gefährlich ist nun das fallende Messer am Aktienmarkt? Wie so oft im Leben gilt auch hier: Es hängt von den Umständen ab. Bei einer einzelnen Aktie ist grundsätzlich alles möglich, wie zuletzt das Beispiel des ehemaligen deutschen DAX-Konzerns Wirecard eindrucksvoll belegt hat. Diese Erfahrung bewegte auch Isaac Newton zu seiner Aussage. Tatsächlich schlagen regelmäßig Einzelaktien wie ein Küchenmesser auf dem Boden auf, und jegliche Fangversuche auf dem Weg Richtung Null enden zwangsläufig blutig. Die bereits zurückgelegte Fallhöhe ist dabei unerheblich. Auch wenn bereits ein Minus von 98 % zu Buche steht, verliert ein neu einsteigender Käufer auf dem Weg zu -99 % die Hälfte seines Investments. Dennoch kann die Wahrscheinlichkeit eines Totalausfalls oder übermäßiger Kursrückgänge effektiv minimiert werden. Eine gesunde Bilanz, ein stabiles Geschäftsmodell, ein bereits vorhandener Erfolgsnachweis und eine nachvollziehbare Bewertung sind wichtige Kriterien zur Risikoeinschätzung. Abgesehen davon gibt es einen übergeordneten Ratschlag, dessen Bedeutung beim Investieren gar nicht überschätzt werden kann: Diversifikation. Ein durchdacht diversifiziertes Portfolio kann einige Turbulenzen abfedern. Und damit kommen wir von der kleinen wirtschaftlichen Einheit, dem einzelnen Unternehmen, zur großen wirtschaftlichen Einheit, dem Gesamtmarkt.

Der gesamte Aktienmarkt, insbesondere auf globaler Ebene, kann als gut diversifiziertes Aktienportfolio angesehen werden. Rückblickend hat dieser schon viele Krisen kommen und gehen sehen. Das Messer war sozusagen schon oft im freien Fall, hat aber jedes Mal die Wende geschafft. Sind die Gravitationsgesetze dort also außer Kraft gesetzt? Ganz im Gegenteil: Sie wirken! Jedoch sind sie an den Aktienmärkten besser als „mean-reversion“ bekannt – auf Deutsch „Rückkehr zum Mittelwert“. Der Mittelwert bezieht sich dabei auf einen inneren oder tatsächlichen Wert, ist aber zum Zeitpunkt der Kursfeststellung aufgrund vielfältiger politischer und ökonomischer Unsicherheiten unbekannt. Fest steht aber, dass dieser Wert immer deutlich größer als Null sein wird. Und damit steigt mit jedem Prozent Kursrückgang am globalen Aktienmarkt die Wahrscheinlichkeit, dass man auf mittlere Sicht wieder einen attraktiven Kursgewinn vereinnahmen kann.

In vergleichsweise ruhigen Zeiten an den Kapitalmärkten erfährt das „mean-reversion“-Prinzip auch wenig Widerspruch. Aber wehe man begleitet den freien Fall selbst schon eine Weile lang mit eigenem Geld. Die Anlegerpsychologie ist mittlerweile ein sehr gut erforschtes Gebiet, und Unbehagen ist eine milde Beschreibung für das, was die menschliche Psyche in Phasen erhöhter Volatilität an den Aktienmärkten aushalten muss. „Kaufen, wenn die Kanonen donnern!“ oder „Gierig werden, wenn andere Angst haben!“ sind anerkannte Argumente für den lohnenden Griff ins fallende Messer. Aber offensichtlich ist dies leichter gesagt als (im richtigen Moment) getan.


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