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Nordsee-Öl "Wir stehen kurz vor dem Kollaps"

23.01.2015, 09:23  |  20275   |   |   

Amerika wird den Ölpreis-Krieg verlieren, siegen wird Russland“, titelte wallstreet:online in der vergangenen Woche. Bloomberg Autor Leonid Bershidsky hatte einen „langen blutigen Kampf“ ums Öl vorausgesagt, bei dem jeder Akteur verlieren werde. Nun könnte die Talfahrt des Ölpreises sein erstes Opfer gefordert haben: das Nordsee-Öl.

Einst war das Nordsee-Öl Europas ganzer Stolz: Neben der guten Qualität des Öls waren es vor allem die strategischen Gründe, die für die Nordsee sprachen. Die Aussicht, in Zukunft weniger abhängig von Ölproduzenten wie Russland und der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) zu sein, sorgte für einen regelrechten Öl-Boom. Nach dem Startschuss in den 70ern, kletterte die Ölproduktion in der Nordsee Ende der 90er-Jahre auf mehr als 250 Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr. Aber das ist lange her. Heute, fast 20 Jahre später steht die Branche am Rande des Abgrunds.

„Wir stehen kurz vor dem Kollaps“, zitiert das „Handelsblatt“ den Chef des britischen Branchenverbands Brindex, Robin Allan. Anfang des Jahres war der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Marke Brent erstmals seit Mai 2009 unter die psychologisch so wichtige Marke von 50 US-Dollar gefallen. Das Fatale: Der Ölpreis scheint seither dauerhaft auf diesem niedrigen Niveau zu verharren. Und genau das könnte der Ölbranche in der Nordsee zum Verhängnis werden.

Aufwand zu teuer, Rendite zu gering

Denn die goldenen Förderzeiten der 90er Jahre sind längst passé. Die Ölproduktion hat sich inzwischen mehr als halbiert und das aus einem ganz einfachen Grund: Die Ölvorkommen schwinden, in der Folge müssen die Ölfirmen mit immer größerem technischen Aufwand versuchen, das noch verbliebene Öl zu fördern. Logisch, dass dieser Aufwand entsprechend teuer ist. Seit 2011 seien auf den Ölfeldern vor der Küste Schottlands die Förderkosten um mehr als 60 Prozent gestiegen, so das „Handelsblatt“. Und auch logisch, dass die Produktion bei einem niedrigen Ölpreis zunehmend unrentabel wird. So konstatiert auch Robin Allan: „Beim derzeitigen Ölpreis ist es fast unmöglich, Geld zu verdienen.“

Arbeitsplätze sind in Gefahr

Wenn das Geschäft keinen Gewinn bringt, dann gibt es für Unternehmen meist nur ein Zauberwort: „Rationalisierung“. Unter diesen schönen Begriff fallen mindestens ebenso schöne Schlagwörter wie „Kostensenkung“ und „Effizienzsteigerung“. Unterm Strich bleibt oftmals eine bestimmte Stellschraube, an denen nun auch die Ölunternehmen in der Nordsee zu drehen beginnen: Arbeitsplätze. Einem Bericht der „WirtschaftsWoche“ zufolge müssen immer mehr Ölfirmen Mitarbeiter entlassen – auch oder gerade in der Nordsee. So streicht der britische Ölkonzern BP mindestens 400 Stellen im Nordsee-Geschäft. Laut „Handelsblatt“ sollen in Norwegen rund zehn Prozent der rund 100.000 Arbeitsplätze zur Disposition stehen. Der staatliche Energiekonzern Statoil war im vergangenen Jahr erstmals seit dem Börsengang vor 13 Jahren in die roten Zahlen gerutscht. Statoil hatte daraufhin bekannt gegeben, seine Kosten bis 2016 um insgesamt 1,3 Milliarden US-Dollar senken zu wollen. In den USA kündigte der weltweit führende Ölförderungsdienstleister Schlumberger unlängst an, 9000 Stellen zu streichen. Das entspricht rund sieben Prozent der gesamten Belegschaft.

Andere Unternehmen werden wohl ebenfalls nicht um Entlassungen umhinkommen bzw. legen ihre Investitionspläne erst einmal auf Eis. In der britischen Ölbranche werden zudem Rufe laut, der Staat möge ebenfalls auf den sinkenden Ölpreis reagieren, beispielsweise indem er die Steuern für Ölgewinne reduziert. Derzeit zahlen britische Ölunternehmen dem Bericht zufolge 60 bis 80 Prozent Steuern, die übrige Wirtschaft dagegen nur 20 Prozent.

Die Talfahrt des Ölpreises im Ein-Jahres-Chart:

 

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