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Rickmers Pleite: Rechtsanwalt Andersen sagt Anlegergelder sind auf Grund laufen Rickmers Insolvenz: Niels Andersen sagt: Anleihe-Investoren haben Chancen

Gastautor: Martin Brosy
21.06.2017, 15:42  |  2310   |   |   

Es war ein Paukenschlag für die Anleger: Am 1. Juni 2017 hat die altehrwürdige Rickmers Holding AG – eine der großen und traditionsreichen Reedereien – überraschend einen Insolvenzantrag gestellt, nachdem das Sanierungskonzept von der HSH Nordbank AG abgelehnt wurde. Privatanlegern der Anleihe droht nun ein finanzielles Fiasko. Sie stellten der Reederei 250 Millionen Euro über eine hochverzinste Rickmers-Anleihe mit einem Coupon von 8,875 Prozent zur Verfügung und müssen nun durch den Kurssturz der Anleihe den Totalverlust befürchten. Insbesondere viele Kleinanleger werden davon betroffen sein. Geschädigte sollten nun umgehend handeln und ihre Optionen prüfen.

Frachtschiff Rickmers Seoul – Eines von 114 Schiffen der Rickmers Holding AG

Im Namen der Reedereigruppe Rickmers Holding AG waren zuletzt 114 Schiffe auf den Weltmeeren unterwegs. Hier passiert das Frachtschiff Rickmers Seoul die Elbmündung im Hafen von Cuxhaven am 13. April 2017. Fotoquelle: MartinLueke – 634902317 / Shutterstock.com

Der Schuldenberg ist über zwei Milliarden Euro hoch

Mit angeblich rund 1,5 Milliarden Euro ist die HSH Nordbank AG wohl die mit Abstand größte Gläubigerin. Laut Konzernabschluss 2015 wies die Rickmers-Gruppe Gesamtverbindlichkeiten über 2,3 Milliarden Euro auf. Im Geschäftsjahr 2016 wurden bei einem Gesamtumsatz von 483 Millionen Euro weitere 341 Millionen Euro Verlust gemacht. Das Problem für Anleger: 2013 hatte die Rickmers Holding eine Anleihe ausgegeben, über die zunächst 175 Millionen Euro von Kapitalanlegern eingeworben wurden. Noch im selben Jahr erfolgte die Emission einer weiteren Tranche im Wert von über 75 Millionen Euro. Da die Anleihe nicht nur institutionellen Anlegern zugänglich war und im „breiten Markt“ angeboten wurde, sind nun auch viele private Kapitalanleger unter den Gläubigern.

Dauerkrise der Schifffahrtsbranche ist nur eine Ursache der Insolvenz

Die Anleihe sah anfänglich ein sinnhaftes Konzept vor: Die Erlöse aus dieser Emission sollten zu etwa gleichen Teilen dem Wachstum und der Refinanzierung der Rickmers-Gruppe dienen. Der Schifffahrtsmarkt, also Reedereien und Besitzer von Containerschiffen, sind seit 2008 in einer Dauerkrise. Zurückzuführen ist diese Entwicklung auf hohe Überkapazitäten und den darauffolgenden Preisverfall der Charterraten und hiermit zusammenhängend der Schiffswerte. Die Schiffe stehen meist nicht im Eigentum der Reeder, sondern gehören Fondsgesellschaften, bei denen Kapitalanleger und Banken investiert haben und die Reederei die Geschäftsführung innehat – so auch in diesem Fall. Zugleich verfügt die Rickmers-Gruppe über ein eigenes Emissionshaus nebst Treuhandverwaltungsgesellschaft, genauer die früher so firmierende ATLANTIC Gesellschaft zur Vermittlung internationaler Investitionen mbH & Co. KG. Über sie wurde nach eigenen Angaben ein Investitionsvolumen von über einer Milliarde Euro abgewickelt.

HSH Nordbank AG lehnte Sanierungskonzept ab

Eine weitere Ursache der Insolvenz der Rickmers Reederei ist die Ablehnung des Sanierungskonzeptes durch den Hauptgläubiger HSH Nordbank AG. Das Konzept sah die Gründung einer luxemburgischen Holding vor, die die Verbindlichkeiten sowie einen Großteil der Aktien der Rickmers Holding AG übernehmen sollte. Innerhalb eines Zeitplans von fünf Jahren sollte die Holding das Unternehmen sanieren, die Aktien veräußern und aus den Erlösen die Gläubiger bezahlen.

Allerdings kalkulierte das Sanierungskonzept auch von vornherein mit Verlusten für alle Beteiligten. Im Detail enthielt der Entwurf unter anderem den Verzicht auf folgende Forderungen:

  • HSH Nordbank AG: Verzicht auf Forderungen in Höhe von knapp 200 Millionen Euro sowie Stundung weiterer rund 110 Millionen Euro.
  • Anleger der Anleihen: Rückfluss von etwa einem Drittel des eingesetzten Kapitals inklusive eines Verzichts einkalkulierter Zinsen.
  • Firmeneigner Bertram Rickmers: 75 Prozent seiner Unternehmensanteile fließen in die luxemburgische Holding. Er wird nicht am späteren Verkaufserlös der Aktien beteiligt. Nur 25 Prozent der Aktien bleiben in seinem Besitz.
  • Hyundai Heavy Industries: Die koreanische Werft hat ebenfalls noch offene Forderungen aus Schiffbauverträgen und soll auf einen Teil davon verzichten.

Weitere Gläubiger sind unter anderem UniCredit, die Deutsche Bank, die DNB Bank sowie die NordLB. Dem Sanierungskonzept hätten alle Gläubiger, also auch die privaten Investoren der Anleihe zustimmen müssen. Da die HSH Nordbank AG als Hauptgläubiger aber das Sanierungskonzept ablehnte, kam es nicht mehr zu der Abstimmung, die für den 1. Juni 2017 geplant war. Stattdessen wurde beim Amtsgericht ein Antrag auf ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltunggestellt, in dessen Verlauf der Vorstand dieSanierung anstrebt, indem der Schiffsbetrieb weiter fortgesetzt wird.

Handeln ist nun gefragt

„Wir empfehlen betroffenen Investoren der Rickmers-Anleihe, sich möglichst gemeinsam vertreten zu lassen. Dies ist gerade in einem größeren  Fall wie dem der  Rickmers-Anleihe sinnvoll. Es gilt, buchstäblich das Ruder in die Hand zu nehmen und nun schnell die Ansätze für mögliche Schadensersatzansprüche neben dem anstehenden Insolvenzverfahren zu prüfen. Der Kurs der Anleihe notierte vor dem Insolvenzantrag noch bei sechs Prozent des Ausgabepreises. Inzwischen ist der Kurs auf unter drei Prozent gefallen. Die Gefahr eines Totalverlusts ist somit sehr wahrscheinlich und die Anleger können bei Nichtstun insgesamt 250 Millionen Euro abschreiben“ sagt Rechtsanwalt Niels Andersen. Aus dem Insolvenzverfahren wird nach derzeitiger Einschätzung kaum ein Rückfluss an die privaten Investoren mehr zu erwarten sein.

Bild: Rechtsanwalt Niels Andersen.

Wie kann Schadensersatz durchgesetzt werden?

Die auf das Kapitalanlage-, kapitalmarktnahe Gesellschafts- und Insolvenzrecht spezialisierte Kanzlei Andersen Rechtsanwalts GmbH, würde eine eingehende Überprüfung der Ausgangssituation zur Emission im Jahr 2013 vornehmen. Dabei würde auch und gerade die Rolle der HSH Nordbank AG untersucht werden. Die gemeinsame Landesbank der Länder Hamburg und Schleswig-Holstein wollte sich zum größten Schiffsfinanzierer weltweit aufschwingen. 2009 standen Kredite für rund 3.200 Schiffe in den Büchern der Bank. Die Finanzkrise brachte die Bank stark in die Bredouille. Etwa 80 Prozent der enormen Verluste stammen aus faulen Schiffskrediten, die nie zurückgezahlt wurden – in weiten Teilen ein strukturell hausgemachtes Problem der Bank aus Sicht der Andersen Rechtsanwalts GmbH. Bis Februar 2018 muss die HSH Nordbank AG verkauft oder abgewickelt werden. Experten rechnen mit einem Schaden für den Steuerzahler im Wert von mindestens 17 Milliarden Euro.

Eine Prüfung der Informationen für den Kapitalmarkt in Form der Anleiheprospekte ist dabei wichtig. Die Vermutung liegt nahe, dass Investoren für die Anleihe nicht ausreichend informiert wurden, weil die hohen Risiken der Branche mit zahlreichen Insolvenzen nicht deutlich herausgearbeitet wurden. Retrospektiv betrachtet, gab es bereits kurz nach Ausbruch der Finanzkrise bei ersten Schiffsfondsgesellschaften Insolvenzen, ab 2010 war der gesamte Markt immer breiter betroffen.

Stand heute sind mehrere hundert Fondsgesellschaften und zugleich auch deren Privatinvestoren insolvent oder deren Schiffe über sog. „Notverkäufe“ aus den Beteiligungsgesellschaften und den dortigen seinerzeit aufgebauten Finanzierungsstrukturen „herausgenommen“ worden. „Unsere Kanzlei vertritt Investoren gerade in solchen Fällen – wie auch bei dem oben genannten Emissionshaus Atlantic der Rickmers-Gruppe – und berät daneben Mandanten bei Insolvenzverfahren. Dabei legen wir den Fokus immer auf eine effiziente Sanierung zum Nutzen der Gesellschafter, der Investoren. In vielen von uns bisher bearbeiteten Fällen gingen betroffene Anleger am Ende als Sieger oder mit sehr guten Vergleichslösungen vom Platz. Dazu ist es erforderlich, dass allen Aktivitäten der Handelnden durch gewissenhafte Anwälte auf den Grund gegangen wird. Oft können nach eingehender Prüfung Schadensersatzforderungen wegen Fehlern von Verkaufsprospekten umfassend begründet und darauf basierend erfolgreich durchgesetzt werden“ betont Rechtsanwalt Andersen.

Eine weitere Verschärfung der Lage ist absehbar

Andersen führt fort: „Über die vergangenen acht Jahre – seit den ersten Insolvenzfällen – haben wir uns als spezialisierte Kanzlei ein hohes Maß an Expertise und detaillierte Erfahrungen der maritimen Wirtschaft erworben. Hierzu gehört auch die chronische Verzahnung der Banken mit den Marktakteuren. Ein Phänomen konnte wiederholt beobachtet werden: Aus Beteiligungsgesellschaften wurden Schiffe zu Lasten der privaten Investoren – via Insolvenz oder via „Verkauf“ – entnommen und hinterher wieder auf neue Eigentümergesellschaften übertragen, bei denen die zuvor Handelnden – Bank und/oder Reeder – wieder „mit im Boot“ saßen. Aus Sicht der Andersen Rechtsanwalts GmbH ein Vorgang, der gegen die gesetzlichen Absichten verstößt.

Im vorliegenden Fall des zur Rickmers-Holding gehörenden Emissionshauses ist eine weitere Besonderheit festzustellen: Sowohl das Emissionshaus wie auch die Treuhandgesellschaft wurden vor einiger Zeit über komplexe Umstrukturierungen des Gesellschaftsvertrags nach Luxemburg „verschoben“ - nach unserer Bewertung zum massiven Nachteil unserer Mandanten.“ Fazit: Nun ist schnelles Handeln gefragt, um weiteren Schäden vorzubeugen.

Fotoquelle: MartinLueke – 634902317 / Shutterstock.com

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