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US-Aktien im Himmel

Gastautor: Klaus Singer
23.10.2017, 10:52  |  2673   |   |   

US-Aktien steigen und steigen. Das gilt nicht nur für die großen Indices wie Dow (DJI), S&P 500 und Nasdaq, sondern auch für den Russell 2000, in dem viele niedrig kapitalisierte Unternehmen versammelt sind. Auch der Dow Jones Transport (DJT) hat zuletzt ein neues Allzeithoch erreicht. Nach Dow-Theorie bestätigt eine synchrone Bewegung von DJT und DJI eine Kursbewegung – in diesem Fall also eine bullische Disposition.


Am zurückliegenden Donnerstag gab es einen unvermittelten Einbruch der Aktienkurse, als dessen Anlass der Katalonien-Konflikt vermutet wurde. Es hätte auch der sprichwörtliche Sack Reis in China sein können. Interessanterweise führte dieser kurze Einbruch genau bis zu einer aus Ende August herrührenden Aufwärtslinie zurück. Am darauffolgenden Freitag wurde diese Schwäche im S&P (auch im DJI und DJT) mit einer Aufwärtslücke gekauft.

Aktuell steht der S&P 500 knapp unter der Oberseite eines langfristigen Aufwärtskanals (magenta, aktuell bei 2586). Als Anlass für steigende Kurse musste am Freitag erneut die Trumpsche Steuerreform herhalten. Ein Budget-Plan erreichte im US-Senat eine knappe Mehrheit, er sieht für die kommenden zehn Jahre eine Neuverschuldung von 1,5 Bill. Dollar vor. U.a. soll damit die Steuerreform finanziert werden, die nach anderen Angaben in diesem Zeitraum Mindereinahmen von 2,2 Bill. Dollar verursachen wird. Die technische Lage der Index kann nur mit stark überkauft eingeordnet werden. Wenn man will, kann man als technische Formation aufwärts gerichtete kurzfristige Wimpel oder Flaggen ausmachen (Chartquelle).

Im großen Bild ist der Index mit der Wahl Trumps zum US-Präsidenten im November 2016 in die nach Dow-Theorie dritte Phase einer bullischen Bewegung eingetreten. In der ersten Phase eines bullischen Primär-Trends nach Dow-Theorie entsteht neues Vertrauen in die geschäftliche Zukunft, clevere Anleger steigen ein (Akkumulationsphase). In der zweiten Phase reagieren immer mehr Anleger auf bekannt werdende Verbesserungen der Gewinnsituation der Unternehmen und springen auf den Kurszug auf (Partizipationsphase). In der dritten Phase wuchert die Spekulation, Kurse werden v.a. von Hoffnungen und Erwartungen (auf was auch immer) getrieben. In diesem “spekulativen Exzess” steigen immer mehr uninfomierte (Klein-)Anleger ein, das “Smart Money” der ersten Stunde verkauft hingegen nach und nach (Distributionsphase). Es herrscht bevorzugt Herdentrieb, man will dabei sein, nicht so sehr aus eigener Überzeugung, sondern weil die anderen ja auch mitmachen. Außerdem werde die Berechtigung für die Kurs-Übertreibung sicher zukünftig noch nachgeliefert, so die Hoffnung.

Für die erste Phase der Bodenbildung, die gewöhnlich mit dem Beginn eines neuen Konjunkturzyklus zusammenfällt, ist typisch: Aktienkurse und Unternehmensgewinne sind niedrig, die Inflation ist gedrückt, die Zinsen sind relativ niedrig (die Anleihekurse hoch). Die Gewinnrendite steigt recht bald deutlich an, weil die Unternehmensgewinne schneller steigen als die Kurse. In der zweiten Phase belebt sich die Inflation etwas, die Renditen steigen, Aktienkurse steigen deutlicher. Die Gewinnrendite verläuft flacher, das KGV steigt an. In der dritten Phase beschleunigt sich die Inflation zunächst noch, die Renditen erreichen ihr Topp und beginnen zu sinken. Die Aktienkurse steigen weiter, die Unternehmensgewinne halten nicht mehr Schritt, die Gewinnrendite sinkt deutlich ab, das KGV steigt beschleunigt weiter.

Finden wir diese Ideal-Merkmale der dritten Dow-Phase im aktuellen Geschehen wieder?

Die Übertreibung im S&P 500 lässt sich an folgendem Chart verdeutlichen. Er zeigt das zyklisch adjustierte und inflationsbereinigte KGV nach Shiller (Shiller CAPE). Es liegt mit 31,4 heute etwas höher als beim Börsencrash 1929, allerdings immer noch deutlich unter dem Niveau am Ende der dotcom-Blase. Ob das als Rechtfertigung für das elaborierte Kursniveau gelten kann, sei dahingestellt. Die rote Linie repräsentiert die lineare Regression über den gesamten Zeitraum, sie ist als Referenzlinie besser geeignet als irgendwelche statischen Größen (Chartquelle).

Die Trumpschen Vorhaben, insbesondere seine Steuerreform, werden häufig verglichen mit der Reagan-Ära der 1980er Jahre und daraus auch die Erwartung abgeleitet, die Kurse könnten heute genauso deutlich steigen wie seinerzeit. Bezogen auf das KGV (oder auch die Gewinnrendite) gibt es aber einen wichtigen Unterschied – das KGV lag seinerzeit deutlich unter der Referenzlinie, die Gewinnrendite umgekehrt klar darüber. Will sagen – aus Sicht der Bewertung der Aktienkurse gab es damals bessere Argumente für steigende Kurse als heute.

Inflation – in ihrer Beschleunigung ist sie eine weitere Begleiterscheinung der dritten Dow-Phase. Sie schafft zunächst die Illusion steigender Werte und gilt so als Rechtfertigung für höhere Kurse. Das wird gestützt dadurch, dass die Bond-Halter höhere Zinsen sehen wollen, um die Beeinträchtigung der realen Rendite zu kompensieren. Höhere Zinsen führen zu sinkenden Anleihekursen, was auf der Jagd nach Ertrag Aktien zunächst günstiger erscheinen lässt als sie tatsächlich sind. Illusionen nachzujagen, das passt besonders zur Phase des von Hoffnungen geprägten spekulativen Exzesses.

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