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Helmut Schleweis Sparkassen-Insolvenzen? Präsident verweist Sparkassen-Kritiker in ihre Schranken

22.10.2018, 12:38  |  20797   |   |   

Der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV), Helmut Schleweis, stellt sich den Fragen der wallstreet:online-Redaktion. Zuvor hatten Kritiker des Sparkassen-Systems von "versteckten Risiken" und "Insolvenz-Gefahren" gesprochen.

wallstreet:online: Herr Schleweis, auf verblüffend großes Interesse stieß unser Artikel „System-Kritik: Kettenreaktion von Sparkassen-Insolvenzen‘? - Was ist da dran?“. Ist dieser Artikel auch Sparkassenintern auf Interesse gestoßen?

Helmut Schleweis: Es ist auf jeden Fall aufgefallen, dass manche Vorurteile offenbar in gewissen Abständen immer wieder auftauchen. In den einzelnen Häusern haben die zitierten "Studien" aber eher für Kopfschütteln gesorgt, weil Verwaltungsräte, Vorstände und Mitarbeiter die Geschäftsstrategie ihres jeweiligen Hauses genau kennen. Sie wissen, dass ihre Häuser gut aufgestellt sind und dass die in dem Artikel beschriebenen Szenarien nur wenig mit der Realität zu tun haben.

wallsteet:online: Im Prinzip geht es um einen "Bloomberg"-Artikel über "versteckte Risiken", die von den deutschen Sparkassen ausgehen sollen. Wir fragen Sie: Was ist dran?

Helmut Schleweis: Nichts – es gibt bei Sparkassen keine versteckten Risiken. Jeder, der sich mit unseren Instituten auskennt, weiß, dass Sparkassen ein risikoarmes Geschäftsmodell mit verantwortungsvoller Kreditvergabe verfolgen. Es gibt gesamtwirtschaftliche Rahmenbedingungen, z. B. die lange andauernde Niedrigzinsphase, die wir zwar nicht beeinflussen können, auf die man sich als verantwortungsvoller Vorstand einer Sparkasse gemeinsam mit seinem Team aber einstellen und entsprechend Vorsorge treffen kann – das gehört zum Kerngeschäft einer Sparkasse.

wallsteet:online: Ralf Jasny, Professor für Allgemeine BWL und Finanzdienstleistungen an der Frankfurt University of Applied Sciences, sagte laut "Bloomberg": "Das größte Bankensystem in Deutschland wird überwiegend von Menschen gesteuert und überwacht, deren Finanzkenntnisse fragwürdig sind". Inwieweit trifft Jasnys Einschätzung zu?

Helmut Schleweis: Die Einschätzung, dass die Sparkassen-Finanzgruppe die größte kreditwirtschaftliche Gruppe Deutschlands ist, stimmt; der Rest nicht. Den Sach- und Fachverstand von Vorständen und Verwaltungsräten in Sparkassen anzuzweifeln, entbehrt jeder Grundlage. Gesteuert werden die Sparkassen von Vorständen die sämtliche bankfachliche und aufsichtsrechtliche Anforderungen an ihre Position so wie jeder Bankchef in Deutschland erfüllen. Das wird im Übrigen von der Aufsicht überwacht und sollte auch Kritikern öffentlich-rechtlicher Sparkassen bewusst sein.

wallstreet:online: Und was ist mit den Verwaltungsräten, die die Bankgeschäfte überwachen sollen?

Helmut Schleweis: Auch die Verwaltungsräte erfüllen die an sie gestellten, nicht minder regulierten und überwachten aufsichtlichen Anforderungen. Ihnen die notwendige Sachkunde abzusprechen ist unredlich. Darüber hinaus gehören zum Verwaltungsrat auch Personen, die in den Trägerkommunen der Sparkasse öffentliche oder politische Aufgaben wahrnehmen. Auch diese Mitglieder besitzen ein hohes Vertrauen in ihrer örtlichen Gemeinschaft, denn sie sind durch Wahlen demokratisch legitimiert. Ihr Sachverstand und ihre Erfahrung sind von großer Bedeutung für die Verwaltungsratsarbeit in den Sparkassen. Dies habe ich in meiner Zeit als Vorstand auch 30 Jahre in der Praxis so erlebt

wallstreet:online: Aber warum wird die Struktur von Sparkassen und ihrer Aufsichtsgremien von einigen Personen immer mal wieder kritisch hinterfragt?

Helmut Schleweis: Es gibt in Wissenschaft und Gesellschaft ab und an Einzelmeinungen, die die öffentlich-rechtliche Struktur und damit die kommunale Trägerschaft von Sparkassen grundsätzlich ablehnen. Wenn man dieser Meinung ist, muss man seine Ansicht aber auch sauber belegen können.

Tatsächlich sind Sparkassen ein entscheidender Stabilitätsanker für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung der Regionen. Deutschland hat in den vergangenen Jahrzehnten mit dem dreigliedrigen Bankensystem aus öffentlich-rechtlichen Sparkassen, genossenschaftlichen Volks- und Raiffeisenbanken und Privatbanken gute Erfahrungen gemacht. Immer sind es gerade die Sparkassen und die genossenschaftlichen Institute, die die kreditwirtschaftliche Versorgung in der Fläche übernehmen – das gibt es so in kaum einem anderen Land.

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Kommentare

Städte und Gemeinden sind nicht Eigentümer der Sparkassen. Ansonsten müsste man sie ja in den kommunalen Bilanzen wiederfinden. Die Sparkassen gehören, wenn man so will, sich selbst.
Aufgrund der früheren Gewährträgerhaftung der Städte und Kommunen gab es natürlich eine enge "eigentümerähnliche" Beziehung zu den Sparkassen. Aber die Gewährträgerhaftung gibt es nicht mehr.
Übrigens: Da die Sparkassen auch nicht so genau wissen, wem sie eigentlich gehören, haben sie dem Thema "Wem gehören die Sparkassen" 2008 in Magdeburg eine Veranstaltung gewidmet:
http://www.fzse.ovgu.de/fzse_media/Downloads/Veröffentlichungen/FZSE_Symposium+_Wem+gehören+die+Sparkassen__/Symposium_080529_Vortrag_4_Wohltmann.pdf
Laut Ratingbericht der Sparkassen haftet im Zweifel der Steuerzahler. Das ist ein wesentlicher Grund für das (noch) gute Rating der Sparkassen. Der Haftungsverbund der Sparkassen "verspricht" lediglich, notleidende Sparkassen und Landesbanken zu unterstützen, gibt aber keine Garantie. Die drohende Insolvenz von ein bis zwei großen Sparkassen würde den Haftungsverbund zudem bereits überfordern.
Die Sparkassen sind ein Auslaufmodell. Daran ändert auch nichts die Schönfärberei der jeweiligen Präsidenten. Allein bei der Besetzung der Verwaltungsräte muss doch jedem klar werden, dass keine Kontrolle gewollt ist. Selbst die meisten Wirtschaftswissenschaftler verstehen nicht, wie eine Bank funktioniert. Wie sollen da lokale Politiker die Geschäfte der Sparkassen beaufsichtigen?

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