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Marktkommentar: Dr. Georg von Wallwitz (Eyb & Wallwitz): Entscheiden wie die Klassiker
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Marktkommentar Dr. Georg von Wallwitz (Eyb & Wallwitz): Entscheiden wie die Klassiker

Nachrichtenquelle: Asset Standard
13.02.2019, 09:40  |  553   |   |   

Einen Hinweis, wie im derzeitigen Umfeld Investment-Entscheidungen zu treffen sind, finden wir wie so oft in der Lektüre der Klassiker.

Herodot von Halikarnassos, Vater der Geschichtsschreibung, Geograph und Ethnograph, berichtet in seinen Historien von den Eigenheiten der Perser, die wir verstehen müssen, wenn wir uns über den Hergang der zahlreichen Kriege informieren möchten, welche sie mit den Griechen geführt haben. Etwa bemerkte Herodot, dass die Perser eine recht abstrakte Religion hatten, ohne einen unterhaltsamen Ort wie den Olymp (Historien, Buch I,131) und sie brachten ihre Opfer ganz ohne Musik und Feuer dar. Das hatte vielleicht mit dem Umstand zu tun, dass es, anders als bei den Hellenen, eine professionelle Priesterkaste gab, die Magier. Die Perser waren ein selbstbewusstes Volk, welches sich selbst am höchsten schätzte. Das hinderte sie freilich nicht daran, Bräuche anderer Völker anzunehmen, wie etwa die lustigen Hüte von den Medern und die Knabenliebe von den Griechen (135). Höchster Feiertag war bei den Persern der Geburtstag. Bei dieser Gelegenheit wurden bei den Reichen ein Ochse oder ein Pferd oder ein Kamel am Stück geröstet und dann, damit niemand (wie sie es den Griechen unterstellten) hungrig nach Hause ging, gewaltige Nachspeisen serviert. Es wurde viel Alkohol getrunken und es war verboten, ihn in Gegenwart der anderen Gäste wieder auszukotzen (133). An dieser Stelle machte Herodot noch eine für praxisorientierte Menschen interessante Beobachtung: Wichtige Entscheidungen pflegten die Achämeniden zweimal zu treffen, einmal nüchtern und einmal in trunkenem Zustand. Insgesamt schien der Iran 450 v. Chr. schon ein attraktives Reiseziel gewesen zu sein.

Als Fondsmanager sind Entscheidungstheorien wie die hier von Herodot beschriebene für mich immer ein wichtiges Thema gewesen.

Die Frage, warum Entscheidungen mal so und mal anders fallen, ist keineswegs trivial. An der Börse hängt alles davon ab. Jeder Investor muss einen Investmentprozess haben, mit welchem er Entscheidungen so weit wie möglich rational zu unterlegen versucht. Wir analysieren Bilanzen, Geschäftsberichte und Geschäftsmodelle. Wir wägen die Perspektiven und den bisherigen Geschäftsverlauf, schätzen zukünftige Gewinne ab und legen erprobte Wertmaßstäbe an. So weit so gut. Aber Investment-Entscheidungen erschöpfen sich nicht in der Analyse von Zahlen, denn das einzig Gewisse sind die Kurse von gestern und vorgestern. Der Blick in die Zukunft hängt von früheren Überzeugungen ab und ist von unvollständigen Informationen und Missverständnissen getrübt. Entscheidungen sind also bestenfalls auf gut fundierten Wahrscheinlichkeitsüberlegungen gegründet.

Tolstoi beschreibt in Krieg und Frieden, dem großartigsten Roman seit der Ilias, das Problem der Entscheidungsfindung in einem sich permanent verändernden Umfeld.

Der General Kutusow, wundert sich über sich selbst, als er den heranrückenden französischen Truppen Moskau überlässt.

„Habe ich wirklich Napoleon bis Moskau kommen lassen?“, sinniert er während seine Generäle Kriegsrat halten. „Und wann habe ich das getan? Wann war der Wendepunkt? Vielleicht gestern, als ich Platow befahl, sich zurückzuziehen? Oder vorgestern, als ich einschlummerte und Bennigsen das Kommando übergab? Oder noch früher? Aber wann, wann war dieser Wendepunkt? Jetzt muss Moskau aufgegeben werden, und die Truppen müssen sich zurückziehen!“ Es ist eine monumentale Entscheidung, die zwei Kaiserreiche ins Mark erschüttert, aber der Verantwortliche kann sich nicht entsinnen, wann und wie er sie getroffen hat. Kutusow weiß, dass er verantwortlich ist, aber hat er die Kontrolle? Wie auch immer sein Entscheidungsprozess war, Kutusow ging in die Geschichte als der Mann ein, der Napoleon besiegte.

Der wesentliche Punkt bei Herodot und Tolstoi ist, dass es gerade die großen Entscheidungen sind, die sich oft rational nicht nachvollziehen lassen. Sie werden ohne hinreichende Daten gefällt, sind nicht das Ergebnis eines Algorithmus, sondern basieren einzig auf einer Theorie (wenn sie nüchtern gefällt werden) oder einem Gefühl (wenn sie auf persisch-trunkene Art erfolgen). Die kleinen Entscheidungen, die einen überschaubaren Zeithorizont und eine begrenzte Auswirkung haben, lassen sich erheblich leichter rational fassen und begründen.

Was für eine Armee das Terrain ist, das sind für den Investor die sich ändernden wirtschaftlichen Umstände. Was eben noch gut begründet war, hält in wenigen Wochen oder Monaten der Realität vielleicht nicht mehr stand. Als General Motors 2007 seinen Geschäftsbericht veröffentlichte, wies die Bilanz eine Cash-Position von 25 Milliarden Dollar auf und die Firma feierte sich zum 76sten Mal in Folge als den Größte Automobilhersteller der Welt. Ein Unternehmen wie eine Festung. Und doch, 18 Monate später meldete GM Insolvenz an.

Das eine sind die wirtschaftlichen Realitäten, welche sich sehr schnell ändern können. Das andere ist die Sicht des Marktes auf die Fakten. Denn welche Zahl wie aufgenommen und an der Börse verdaut wird, hat im Wesentlichen mit Erwartungen und nicht viel mit den Zahlen zu tun. Wie er eine bestimmte Neuigkeit aufnimmt, hat viel damit zu tun, in welcher Verfassung der Markt ist und welche Erwartungen er hegt. In der laufenden Berichtssaison hat Apple schlecht berichtet und Amazon gut. Die Aktie von Apple ist gestiegen und die von Amazon gefallen – die Erwartungen waren eben andere.

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