Rekordjagd in der Krise / Kommentar zur Verfassung der Finanzmärkte von Christopher Kalbhenn

Nachrichtenagentur: news aktuell
10.07.2020, 21:40  |  236   |   |   
Frankfurt (ots) - Zu den überraschenden und außergewöhnlichen
Begleiterscheinungen der Corona-Pandemie an den Finanzmärkten zählen die
Geschwindigkeit und das Ausmaß, mit denen sich die Aktienmärkte von den im März
erreichten Crash-Tiefen erholt haben. Jedoch wird diese spektakuläre Erholung
auf Gesamtmarktebene von der Hausse der großen Technologiewerte in den Schatten
gestellt. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass mehrere Titel aus der Riege der
Tech-Dickschiffe wie etwa Amazon, Apple und Microsoft Rekordhöchststände
erreichen. Selbst an Tagen, an denen die Aktienmärkte insgesamt schwächer
tendieren, zieht der Sektor an, so zuletzt am Donnerstag, als der Dow 1,4%
einbüßte und der Nasdaq Composite 0,5% zulegte.

Wie sehr der Aufschwung der Aktienmärkte von einer kleinen Gruppe sehr großer
Tech-Werte, der sogenannten FAANG-Gruppe (Facebook, Amazon, Apple, Netflix und
die Google-Betreiberin Alphabet) und einer kleinen Auswahl weiterer Titel des
Sektors getragen wird, zeigt deren beeindruckende Outperformance. Der Nyse FANG+
Index, der neben den FAANG die chinesischen Tech-Riesen Alibaba und Baidu sowie
Nvidia, Tesla und Twitter enthält, hat seit dem Jahresbeginn sagenhafte 50,6%
gewonnen, während der S&P mit einem Minus von 2,2% auf der Stelle tritt. Sogar
dem Tech-Auswahlindex Nasdaq (23%) sind FAANG & Co. meilenweit enteilt.

Nicht nur hat Tesla, seit Jahresbeginn mit 237% im Plus, Toyota als Nummer 1 der
Automobilbranche nach Börsenbewertung überholt, auch innerhalb des Tech-Sektors
gab es in der abgelaufenen Woche eine Entthronung. Nvidia ist an der Börse mit
259 Mrd. Dollar nun mehr wert als die Nummer 1 der Chip-Branche Intel, deren
Marktkapitalisierung bei 250 Mrd. Dollar liegt.

Historisch gesehen ist es nicht ungewöhnlich, dass die Aktienmärkte wie zuletzt
Mitte März im Umfeld der schlimmsten Phase einer Krise den Boden ausbilden und
einen Bullenmarkt starten. Ungewöhnlich ist jedoch, wenn Rekordhöhen erreicht
werden, während die Krise noch anhält. Es ist derzeit völlig unklar, wann die
Pandemie überwunden wird, und es besteht das Risiko einer heftigen zweiten Welle
ab dem Herbst und weiterer Lockdowns. In den USA ist die Lage derzeit außer
Kontrolle, die täglichen Neuinfektionen eilen von Rekord zu Rekord. In
Australien ist der Bundesstaat Victoria mit der Millionenmetropole Melbourne in
der abgelaufenen Woche wegen zunehmender Infektionen unter Quarantäne gestellt
worden, die Grenze zum benachbarten Bundesstaat New South Wales, in dem Sydney
liegt, wurde abgeriegelt - erstmals seit der Spanischen Grippe.

Doch was treibt die Investoren, FANG+-Aktien zu kaufen, als gäbe es kein Morgen
mehr? Abgesehen von der Tatsache, dass die massiven geld- und fiskalpolitischen
Impulse derzeit alle Risiko-Assets treiben, die bei drei nicht auf den Bäumen
sind, ist der Höhenflug gerade dieser Aktiengruppe bis zu einem gewissen Grad
fundamental begründbar. Schon 2019 stand die Gruppe in einem Umfeld allgemein
sinkender Wirtschafts- und Gewinnwachstumsraten aufgrund ihrer stark steigenden
Erlöse und Gewinne und überdurchschnittlichen Wachstumsaussichten bei Anlegern
hoch im Kurs. Die Coronakrise wirkt in dieser Hinsicht als Verstärker, denn
während in den meisten Branchen das Geschäft eingebrochen ist, profitieren
Unternehmen wie etwa der Online-Handelsriese Amazon, dessen Aktie seit
Jahresbeginn mehr als 70% gewonnen hat, mit stark steigenden Erlösen und
Marktanteilsgewinnen. Insofern ist auch ein Vergleich mit der Dotcom-Blase, als
die Geschäftsmodelle vieler innovativer Tech-Unternehmen (noch) nicht
funktionierten, unangebracht.

Dennoch ist der Höhenflug der FANG+-Aktien eine eher ungesunde Entwicklung. Denn
es handelt sich um einen sogenannten Crowded Trade in extremer Ausprägung. Immer
mehr Anleger drängen in diese Aktiengruppe, die Hausse hat längst einen sich
selbst verstärkenden Charakter. Die Bewertungen haben anspruchsvolle Niveaus
erreicht, was ebenfalls auf Rückschlagrisiken hindeutet. Laut Bloomberg liegt
das 2020er KGV des Nyse FANG+ Index bei 43. Was aber nicht zwangsweise ein in
naher Zukunft bevorstehendes Ende der Tech-Hausse bedeutet. In der Vergangenheit
haben Haussen regelmäßig noch lange angehalten, nachdem bereits sehr hohe
Bewertungsniveaus erreicht waren, und der geldpolitisch induzierte Mangel an
Anlagealternativen zu Dividendentiteln wird noch lange Bestand haben.

(Börsen-Zeitung, 11.07.2020)

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