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Energiekrise Öl- und Gasflation – Rohstoffanalyst Tretter: „Totgesagte leben doch länger"

Was ist los bei den Energiepreisen? Wird der Rohstoffboom anhalten und wie können Anleger von der aktuellen Preisrallye profitieren? Wir haben bei zwei Rohstoffanalysten nachgefragt.

Die Auswirkungen des Hurrikans im Golf in den USA und die Nord Stream 2-Unsicherheiten münden derzeit in unaufhaltsam hohen Energiepreisen. Während Erdöl so teuer wie zuletzt vor drei Jahren ist, zeichnet sich auf dem europäischen Gasmarkt eine kritische Versorgungslage im Winter ab. Im europäischen Durchschnitt hat sich der Erdgaspreis seit Jahresmitte fast verdreifacht und ist auf dem höchsten Stand seit 2014.

„Bei den fossilen Brennstoffen kann man sicherlich davon sprechen, dass Totgesagte eben doch länger leben", meint Rohstoff- und Minenexperte Tobias Tretter der Commodity Capital AG. "Nachdem der Ölpreis ja im vergangenen Jahr kurzfristig sogar negativ war, so ist er aktuell wieder auf dem Niveau von 2018 und damit so teuer wie seit 2014 nicht mehr."

Grundsätzlich dürfe man bei all dem Hype um das Elektroauto und dem Ausstieg aus den fossilen Brennstoffträgern die Realität nicht aus den Augen verlieren, meint Tretter weiter: "Wir haben bereits 2010 den Durchbruch des Elektroautos vorhergesehen und auch wenn es damals bereits absehbar war, so ist es doch ein langer Weg des Umstiegs. Und genau hierin liegt die Chance für steigende Ölpreise."

Entgegen den Markterwartungen

Die Weltwirtschaft und insbesondere die Afrikanischen oder Asiatischen Staaten würden weder bis 2030 noch bis 2050 komplett auf nicht fossile Brennstoffträger umstellen können oder auch wollen. "Die Welt wird also auch in den kommenden Jahrzehnten weiterhin auf Öl und Gas angewiesen sein und die Nachfrage wird sich in unseren Augen weit weniger schnell reduzieren, als dies vom Markt angenommen wird", fasst Tretter zusammen.

Angebotsrückgang

Damit ergebe sich aktuell ein Bild, bei dem auf der einen Seite die Nachfrage weiterhin stabil bleibe, auf der anderen Seite aber kaum noch Investitionen in neue Ölprojekte getätigt würden, meint der Rohstoffexperte. Und insbesondere der Rückgang der Preise nach 2014 sei in erster Linie der zusätzlichen Produktion von Schieferöl in den USA geschuldet gewesen, was die USA von einem Nettoimporteur von Öl zu einem Nettoexporteur von Öl aufsteigen habe lassen. Die Bohraktivitäten für neue Ölfelder in den USA seien aber auf ein Minimum geschrumpft, so dass von dieser Seite mit einem deutlichen Angebotsrückgang in den kommenden Jahren ausgegangen werden könne: "Aus reiner Angebots- und Nachfragesicht spricht derzeit vieles für weiter steigende Ölpreise sowohl kurz als auch mittelfristig," schätzt Tretter.

Gasmarkt

Hinsichtlich des Gaspreises sehe die Situation insbesondere in Europa etwas differenziert aus. Zwar habe sich im vergangenen Jahr auch der Gaspreis in den USA verdoppelt, in Europa dürfte das Hauptproblem allerdings in der Eröffnung von Nord Stream 2 liegen: "Gazprom wird erst zusätzliches Gas nach Europa liefern, sobald die finalen regulatorischen Genehmigungen aus Deutschland vorliegen. Und solang dies nicht der Fall ist, dürften die Preise insbesondere in diesem Winter weiter ansteigen und damit nicht zuletzt auch die Inflation weiter anziehen lassen", fasst Tretter die Lage des Gasmarktes zusammen.

Rohstoffexperte Carsten Fritsch von der Commerzbank sieht dagegen bei Energieträgern nur noch begrenztes Anstiegspotenzial und nächstes Jahr wieder niedrigere Preise, da sich die derzeit angespannte Marktlage dann wieder merklich entspannen sollte: "So dürfte der Ölmarkt 2022 tendenziell überversorgt sein, wenn die OPEC+ die Ölproduktion so stark erhöht wie beabsichtigt. Dann dürfte das Angebot stärker steigen als die Nachfrage. Die derzeitigen Angebotsengpässe bei Erdgas erachten wir ebenfalls als vorübergehend."

Anlagemöglichkeiten

Eine Direktanlage sei nur in Terminkontrakten möglich: "Allerdings können dabei Performance und Preisentwicklung stark voneinander abweichen, so dass dies mit großer Vorsicht zu genießen ist", mahnt Carsten Fritsch.

Auch Tobias Tretter warnt vor Future Kontrakten. Am einfachsten sei für Anleger sicherlich der Kauf entsprechender Öl- bzw. Gasproduzenten. Ansonsten bieten sich entsprechende ETF- oder ETC-Produkte an. "Vom Kauf von Future Kontrakten können wir hingegen nur abraten, da eine Situation wie im April vergangenen Jahres mit einem negativen Ölpreis aktuell zwar sehr unwahrscheinlich ist, sie aber leider nie ausgeschlossen werden kann und es für Privatinvestoren sicherlich schwierig sein dürfte Öl zu Hause im Gartenteich oder Keller aufzubewahren", schließt der Experte.

Autorin: Gina Moesing, wallstreet:online Zentralredaktion


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29.09.2021, 15:27  |  12036   |   |   

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