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Stefan Riße Die Inflation kommt!

11.02.2010, 17:30  |  4305   |   |   
Die erste Auflage seines Buchs „Die Inflation kommt” war in nur vier Wochen vergriffen. Jetzt präsentiert Stefan Riße eine erweiterte Version des Titel. Im Interview erklärt der Autor die Tücken der Geldpolitik – und wie Anleger ihr Vermögen schützen können.

von Jens Castner, Euro am Sonntag

Stefan Riße (41) sieht sich selbst als Value-Investor und ist Anlegern vor allem durch seine frühere Tätigkeit als Börsenberichterstatter des Fernsehsenders n-tv ein Begriff. Doch schon vorher hatte er, auch zusammen mit seinem langjährigen Freund André Kostolany, mehrere Bücher geschrieben. Es ist deshalb kein Zufall, dass Françoise Kostolany, die Witwe des verstorbenen Altmeisters, ein Nachwort zur zweiten Auflage verfasst hat. Das Vorwort stammt von Deutschlands bekanntestem Vermögensverwalter Dr. Jens Ehrhardt. Nach seiner journalistischen Tätigkeit – neben n-tv auch für Printmedien wie Focus, Forbes und die Wirtschaftswoche – wechselte Risse selbst in die Finanzbranche. Seit 2006 leitet er die deutsche Niederlassung des CFD-Brokers CMC Markets.



Stefan Riße: "Die Inflation kommt" - So schützen Sie sich vor der Inflation:
Das Buch "Die Inflation kommt" ist im Finanzbuch Verlag, München, erschienen (19,90 Euro).



Herr Riße, was macht Sie so sicher, dass die Inflation kommt?

Stefan Riße: Weite Teile der westlichen Welt haben ein Verschuldungsproblem. Und damit ist nicht nur die Staatsverschuldung gemeint. Auch private Haushalte, beispielsweise in den USA, in Großbritannien und in Spanien, haben zu lange auf Pump gelebt. Hinzu kommt, dass sich auch einige Unternehmen zu hohe Verbindlichkeiten aufgebürdet haben, um Übernahmen zu finanzieren. Beispiel: Schaeffler/Conti. Die Verschuldung in den USA ist sogar höher als in der großen Depression nach 1929.

Warum führen hohe Schulden Ihrer Meinung nach unweigerlich in die Inflation?

Weil uns die Alternativen fehlen. Der harte Weg, die Schulden abzuschreiben und eine Pleitewelle in Kauf zu nehmen, würde zur Deflation führen. Und die trifft am härtesten die Ärmsten der Armen, wie man 1929 gesehen hat. Die Folge wären soziale Unruhen. Auf die Straße gehen aber nur diejenigen, die nichts mehr zu verlieren haben. Deshalb widerspricht der deflatorische Ansatz dem gesellschaftlichen und politischen Konsens. Der einzig gangbare Weg besteht darin, die Schulden wegzuinflationieren.

Wie stark wird die Geldentwertung ausfallen?

Ich zähle mich nicht zur Fraktion der Crashpropheten und will auch kein Szenario einer Hyperinflation an die Wand malen. Vielmehr gehe ich davon aus, dass wir eine Phase gerade noch erträglicher, aber deutlich spürbarer Geldentwertung bei niedrigen Zinsen bekommen werden. Dazu reicht eine Inflationsrate von acht, neun Prozent. Wenn der Leitzins gleichzeitig nur zwischen ein und zwei Prozent liegt, erledigt sich das Problem mit der Zeit. Bei einer negativen Realverzinsung von 7,18 Prozent halbieren sich die Schulden innerhalb von zehn Jahren.

Grundsätzlich bekämpfen die Notenbanken inflationäre Tendenzen doch eher mit Zinserhöhungen, oder?

Davon werden sie sich verabschieden müssen – oder haben es längst getan. In den USA sind die Leitzinsen, zugegeben mit gewissen Schwankungen, von 18 Prozent im Jahr 1983 auf heute nahezu Null gefallen. Gleichzeitig stiegen die Preise für bestimmte Wirtschaftsgüter immer weiter, was sich in Blasen wie am Aktienmarkt 1999/2000 oder im Immobilienmarkt sieben Jahre später offenbarte. Zusätzlich stieg die Verschuldung seit 1983 von 160 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf inzwischen 375 Prozent. Das alles ist Folge einer Politik des billigen Geldes. Diese führt noch nicht automatisch zu Inflation, doch machen die dahinter stehenden Schulden uns abhängig von den tiefen Zinsen, so dass eine zum Beispiel durch steigende Rohstoffpreise ausgelöste Inflation nicht bekämpft werden kann. Eine Lohn/Preisspirale und eine Flucht in Sachwerte, die die Inflation weiter anheizen, sind dann die Folge.

Für Europa gilt das nicht im selben Maße.

Zugegeben: Die Geldpolitik ist moderater, aber eben auch expansiv: Die Wirtschaft in der Eurozone ist seit der Euro-Einführung im Jahr 1999 kumuliert um 43 Prozent gewachsen, die Geldmenge M3, die auch Schulden berücksichtigt, jedoch um 113 Prozent. Und die Krise wird die Europäische Zentralbank zwingen, ihre Politik zu ändern.

Inwiefern?

Geldwertstabilität wird nicht mehr ganz oben auf der Prioritätenliste stehen. Vielmehr wird auch die EZB bei anziehender Inflation die Zinsen auf niedrigem Niveau belassen müssen und damit eine negative Realverzinsung in Kauf nehmen.

Wie gelangen Sie zu dieser These?

Greifen wir mal aus den vier südeuropäischen Ländern mit hohem Staatsdefizit – Portugal, Italien, Griechenland und Spanien, im Börsianerjargon PIGS genannt – die Griechen heraus. Was die EZB von Griechenland verlangt, um die Stabilitätskriterien wieder halbwegs zu erfüllen, ist eine gnadenlose Deflationspolitik. Das ist in einer Demokratie nicht durchsetzbar. Wenn der Leidensdruck zu groß wird, werden die ersten Politiker mit dem Slogan „Raus aus der Eurozone” in den Wahlkampf ziehen.
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