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Die "Marktpolizei" Spekulanten halten die Wirtschaft zusammen

29.06.2012, 06:18  |  4726   |   |   

Spekulanten sind in aller Munde. Sie ruinieren Währungen – angeblich. Sie manipulieren Preise, ob Öl, Rohstoffe, Nahrungsmittel oder Aktien, indem sie diese künstlich in die Höhe treiben oder auf ruinöse Tiefstände drücken – angeblich. Sie setzen Regierungen unter Druck, die jahrelang weit über ihre Verhältnisse gelebt haben und sich nun mit teureren Krediten finanzieren müssen – recht so!

Ludwig von Mises wies darauf hin, dass in der Wirtschaft letztlich alles Handeln Spekulation ist. Tatsächlich kann niemand die Entwicklung von Preisen exakt vorhersehen. Zweifelsohne gibt es viele irrational anmutende Entwicklungen, die mit psycholgisierenden Deutungen wie: verunsicherte Finanzmärkte, Vertrauensverlust, Panik oder Herdentrieb gleichermaßen unzureichend wie gern beschrieben werden. Besseres Wissen ist regelmäßig erst im Nachhinein verfügbar. Expertenwissen entspricht auf Börsen, genauso wie bei Kunst, Literatur und Sport, nicht den Interessen der Massen. Zugleich liegen Experten mit ihren prognostischen Einschätzungen häufiger falsch, als normale Menschen! Menschen auf Märkten irren sich – zweifelsohne. Indes zeichnen sich (freie) Märkte durch den Gewinn- und Verlustmechanismus aus, der das Entdeckungsverfahren via Versuch und Irrtum steuert.

Zu viel billiges Geld, (üblicherweise falsche) Regulierung und Bailouts sowie in Aussicht gestellte Übernahmen von Verlusten stören oder zerstören den Mechanismus. Wann mussten deutsche oder amerikanische Investoren bei großen, systemrelevanten „Pleiten“ schon einmal voll haften? Die Basel-Regulierung ermöglichte ab 2002 für AAA-Ratings einen 60 zu 1 Hebel (!), d.h. man musste nur 1,60 US-Dollar seines eigenen Geldes für eine 100 US-Dollar Investition verwenden. Lediglich 2 Prozent Wertverlust des Investments können also bereits eine Insolvenz oder einen Bankrott nach sich ziehen. Eine Marktwirtschaft ohne Verluste kann nicht funktionieren; eine so pervertierte Marktwirtschaft verursacht Krisen (Russ Roberts hat das anschaulich dargelegt in: „Gambling with other people's money“).

Zurück zu den Spekulanten: In der Regel ist bereits unklar, was überhaupt unter Spekulant verstanden wird. Spekulanten können als Marktteilnehmer angesehen werden, die Güter nicht zum (sofortigen) Verbrauch kaufen, sondern diese in Erwartung einer Wertsteigerung kaufen, auch in Form von Termingeschäften.

Grundsätzlich gilt es zu berücksichtigen, dass die Käufer erst dann wohlhabender werden, wenn sie zu einem niedrigeren Kurs verkaufen als der nächste Käufer, der ihnen beispielsweise die Aktien abnimmt. Short- und Put-Optionen helfen, Blasen zu vermeiden, in dem sie ihnen entgegen wirken. Das Schaffen von Lagerbeständen wappnet Unternehmen gegen ein knappes Angebot und verringert ihre Ausgaben für damit verbundene Preissteigerungen. Auch empirische Untersuchungen zeigen, dass auf diese Weise Preisentwicklungen geglättet werden. Spekulanten sorgen zudem nachweislich für eine geringere Volatilität der Preise und drücken diese in Richtung ihrer zukünftigen Wertanzeige. Das geschieht schneller, wenn keine staatlichen Beschränkungen vorgenommen werden, und es mildert Kurssprünge ab. „Korrekte“ Aktienpreise besitzen eine große Bedeutung. So zeigen „Penny stocks“, also Aktien, die nur wenige Cents wert sind, dass die Marktteilnehmer das Unternehmen nicht wertschätzen. Der Preis für einen Unternehmensanteil liegt dann nahe Null.

Ist nicht wenigstens der Ölpreis spekulationsgetrieben? Nein! Zwar ist die Ansicht weit verbreitet, dass der „historisch beispiellose Anstieg des Rohölpreises zwischen 2003 und 2008 nicht mit Fundamentaldaten erklärt werden kann“ schreibt Lutz Kilian auf Ökonomenstimme. Stattdessen sollen mächtige Finanzinvestoren den Markt für Rohöl-Termingeschäfte manipulieren. Allerdings herrsche unter Wissenschaftlern und Fachkundigen für Ölmärkte weitgehende Einigkeit, dass es keine hinreichenden Belege für die Hypothese gebe, Spekulanten hätten seit 2003 Einfluss auf den Rohölpreis genommen. Keine einzige glaubwürdige Studie zeige, dass die Ölpreisschwankungen zwischen 2003 und 2010 etwas mit Spekulation zu tun hatten. Im Gegenteil: „Es gibt ... eindeutige Belege dafür, daß der Anstieg sowohl der Rohölpreise an Terminbörsen als auch der Kosten der Rohölimporteure von fundamentalen Veränderungen im Markt für Rohöl ausging.“ Urteilt der Professor für Volkswirtschaftslehre an der University of Michigan in Ann Arbor.

Diese Erkenntnisse stehen im Einklang mit Ludwig von Mises, der bereits 1922 konstatierte: „Die Wirtschaft ist notwendig Spekulation, weil sie auf die ungewisse Zukunft eingestellt ist; die Spekulation ist das geistige Band, das die einzelnen Wirtschaftshandlungen zu einem sinnvollen Ganzen, zur Wirtschaft, zusammenfasst.“

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Kommentare

Der Widerspruch löst sich auf, sobald ein fehlendes Wort eingefügt wird: prognostisch.

"Zugleich liegen Experten mit ihren prognostischen Einschätzungen häufiger falsch, als normale Menschen!"

Besten Dank für den Hinweis!
Mein lieber Herr Gesangsverein:

Zitate vom Artikel
"Zugleich liegen Experten mit ihren Einschätzungen häufiger falsch, als normale Menschen! ""

--> Da ihrer Meinung nach Experten häufug falsch liegen

"Allerdings herrsche Fachkundigen für Ölmärkte weitgehende Einigkeit, Spekulanten hätten seit 2003 keinen Einfluss auf den Rohölpreis genommen. "

--> sollen sie hier aufeinmal richtig liegen.

Wow ein ganz schöner Widerspruch finden sie nicht auch.

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