Gilead liefert auf den ersten Blick ein starkes Quartal ab. Vor
allem das Kerngeschäft rund um HIV läuft weiterhin wie ein
Uhrwerk. Wenn man Veklury, also das frühere Corona-Medikament,
herausrechnet, wachsen die Produktumsätze um starke 8 %. Genau
das wollte der Markt sehen. Das Unternehmen zeigt damit, dass die
Story mittlerweile wieder deutlich breiter aufgestellt ist und
nicht mehr von Pandemieeffekten lebt.
Besonders beeindruckend bleibt Biktarvy. Das HIV-Medikament
bringt inzwischen 3,4 Milliarden Dollar Quartalsumsatz und wächst
trotzdem noch um 7 %. Das ist für ein Produkt dieser
Größenordnung enorm stark. Noch spannender finde ich allerdings
Descovy mit plus 38 %. Hier sieht man ganz klar, dass Prävention
und Langzeittherapien im HIV-Bereich weiter boomen.
Insgesamt stiegen die HIV-Umsätze um 10 % auf 5 Milliarden
Dollar. Das ist die eigentliche Maschine bei Gilead. Genau
deshalb wird die Aktie am Markt oft eher wie ein defensiver
Cashflow-Wert gesehen als wie ein klassischer Biotech-Zocker.
Auch die Profitabilität sieht gut aus:
Umsatz: 6,96 Milliarden Dollar (+4 %)
Non-GAAP EPS: 2,03 Dollar statt 1,81 Dollar im Vorjahr
Operative Marge steigt auf starke 46,9 %
Free Cashflow bei 2,4 Milliarden Dollar
Das ist richtig solide.
Trodelvy gefällt mir ebenfalls. Plus 37 % Wachstum im
Onkologiegeschäft zeigt, dass Gilead dort langsam ernsthaft Fuß
fasst. Genau das war jahrelang die große Baustelle des Konzerns.
Die Krebs-Sparte beginnt nun langsam, relevant zu werden.
Die Schwäche liegt aktuell klar bei der Zelltherapie:
Yescarta -14 %
Tecartus -4 %
Hier spürt man Konkurrenzdruck. Das ist aktuell der größte
operative Bremser im Zahlenwerk.
Der eigentliche Knackpunkt liegt aber woanders:
Die Prognose wirkt auf den ersten Blick katastrophal, ist es
operativ aber nicht wirklich.
Denn Gilead senkt die Gewinnprognose ab:
vorher Non-GAAP EPS 8,45 bis 8,85 Dollar
jetzt plötzlich minus 1,05 bis minus 0,65 Dollar
Das klingt erstmal nach Totalschaden. Der Grund sind aber
hauptsächlich massive Übernahmekosten und
Forschungsabschreibungen durch die großen Deals rund um Arcellx,
Ouro und Tubulis. Operativ hebt Gilead die Umsatzprognose sogar
an:
neuer Umsatz-Ausblick: 30 bis 30,4 Milliarden Dollar
zuvor: 29,6 bis 30 Milliarden Dollar
Und genau das ist entscheidend.
Der Markt dürfte deshalb wahrscheinlich eher auf die starke
operative Entwicklung schauen als auf die bilanziellen
Sondereffekte.
Mein Eindruck:
Die Zahlen sind insgesamt besser, als sie auf den ersten Blick
wirken. HIV bleibt eine Gelddruckmaschine, Oncology beginnt
langsam zu zünden und die Pipeline wirkt stärker als noch vor
einigen Jahren. Gleichzeitig kauft sich Gilead mit den Übernahmen
gezielt Zukunftstechnologien ein.
Kurzfristig könnte die Aktie wegen der verwirrenden Guidance
trotzdem volatil bleiben. Mittel- bis langfristig wirken die
Zahlen für mich aber eher bullish als bearish. Ein schneller
Anstieg bleibt wohl zunächst aus. Aktuell gibt Gilead nach.