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Raimund Brichta hält es wie Warren Buffett: "Seid gierig, wenn die anderen Angst haben"

29.11.2018, 13:58  |  24337   |   |   

Der Dax bewegt sich in den letzten beiden Novemberwochen auf einen Jahres-Tiefstand zu. Im Vergleich zum Januar 2018 haben einige Papiere fast die Hälfte ihres Wertes eingebüßt. Die wallstreet:online Redaktion nahm diese Situation zum Anlass, um mit dem langjährigen Börsenexperten und Buchautor Raimund Brichta über die aktuellen Trends zu sprechen. Was können Anleger 2019 erwarten?

wallstreet:online: Wo sehen Sie den Dax zum Ende dieses Jahres?

Ein festes DAX-Ziel habe ich nicht. Aber erst vor zwei Wochen schrieb ich, dass ich die Ängste der Anleger inzwischen für groß genug halte, um selbst langsam wieder gierig zu werden. Frei nach dem Rat Warren Buffetts: "Habt Angst, wenn die anderen gierig sind. Seid gierig, wenn die anderen Angst haben". Daran erkennen Sie, dass ich zumindest nicht mit weiteren Kursverlusten rechne, sondern eher mit dem Gegenteil.

wallstreet:online: Und was erwarten Sie für das kommende Jahr?

Die allgemeinen Erwartungen für 2019 sind derzeit so negativ, dass ich auch hier eher mit Überraschungen auf der positiven Seite rechne. Klar, die nächste Finanzkrise kommt bestimmt, aber vermutlich noch nicht 2019. Sie kommt voraussichtlich erst dann, wenn die wenigsten mit ihr rechnen – ausgenommen natürlich die notorischen Krisenpropheten, die sie in jedem Jahr erwarten.

wallstreet:online: Welche Faktoren spielen die Hauptrolle für den diesjährigen Dax-Rückgang?

Da ich der Meinung bin, dass die Kurse die Nachrichten machen und nicht umgekehrt, ersparen Sie mir bitte das Wiederholen all jener Faktoren, die gemeinhin für den Rückgang verantwortlich gemacht werden. Sie waren in den einschlägigen Analysen und Kommentaren zur Genüge zu lesen. Wären die Kurse gestiegen, hätten diese Faktoren keine Rolle gespielt, sondern andere. Ich halte die Börsenentwicklung hauptsächlich für ein massenpsychologisches Phänomen und beteilige mich deshalb nicht an der allgemeinen Suche nach Begründungen.Das Überraschende in diesem Jahr ist für mich eher die Tatsache, dass sich Europa und Teile Asiens so negativ von der US-Börse abgekoppelt haben. Auch in der Vergangenheit gab es zwar schon gegenläufige Phasen, aber in dieser Intensität und Dauer habe ich es noch nie erlebt. Auch dies halte ich für ein psychologisches Phänomen, das sich wieder normalisieren wird. Es dürfte also nur eine Frage der Zeit sein, bis Europa und die USA wieder in Einklang kommen.

wallstreet:online: Auf was sollten interessierte Anleger jetzt achten?

Bei aller Psychologie halte ich derzeit einen Faktor für wichtig, den man im Auge behalten sollte: Droht der Weltleitwirtschaft USA eine Rezession oder nicht? Um das abschätzen zu können, scheint mir die amerikanische Zinsstruktur ein guter Indikator zu sein. Denn seit Ende des 2. Weltkriegs ging jeder US-Rezession eine Umkehrung der Zinsstruktur voraus. Das heißt, die kurzfristigen Zinsen stiegen über die langfristigen und blieben nicht darunter, wie das normalerweise der Fall ist. Ein knappes bis ein gutes Jahr nach einer solchen Umkehrung folgte dann jeweils eine Rezession. Da die langfristigen US-Zinsen nach wie vor über den kurzfristigen liegen, sollte man als Anleger noch entspannt bleiben können. Man sollte die Entwicklung aber aufmerksam beobachten.

wallstreet:online: Wird es eine verzögerte Jahresendrallye nach der CDU-Wahl geben?

Das dürfte schon zeitlich knapp werden: Nach der Vorstandswahl am 7. Dezember bleiben nur noch gut zwei Handelswochen in diesem Jahr. Auch das Brexit-Votum am 11. Dezember gilt es noch abzuwarten. Ich wage aber mal folgende Einschätzung: Selbst wenn beide Entscheidungen negativ für die Börse ausgehen sollten, halte ich das Kurspotential nach unten für begrenzt. Das Negative dürfte weitgehend eingepreist sein.

wallstreet:online: Welche Gefahren gehen von Italien aus?

Italien hat wie andere Länder das Potential, den Euro zu sprengen. Ich gehöre schon lange zu denjenigen, die den Eurozerfall vorhersagen. Aber im Unterschied zu anderen halte ich die Zeit dafür noch nicht für gekommen. Diejenigen, die den Euro zusammenhalten wollen, haben noch genügend Feuerkraft. Dazu gehört auch die EZB.

wallstreet:online: Wird der Brexit noch einen Einfluss auf deutsche Unternehmen haben?

Begrenzt. Ich glaube, dass in Sachen Brexit mehr Angst geschürt wurde als nötig. Deutsche Unternehmen werden auch nach dem Brexit mit Großbritannien gute Geschäfte machen.  

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7 Kommentare

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Kommentare

Das finde ich zum Beispiel so überhaupt nicht. Der DAX hat seit Frühjahr 2015 die schwarze 0 stehen mit zum Teil atemberaubenden Schwankungen. Die Schwankungen seines Fonds sind dafür sehr überschaubar und kalkulierbar, während trotzdem eine positive Rendite bei rum kommt. Und das ist auch eines seiner Ziele, weniger hohe Volatilität zu haben. Sein Ziel ist nicht jeden Index zu schlagen, sondern Volatilität raus zu nehmen.

Gruß
Stefan
Die Hinweise von Herrn Brichta wirken auf mich ausgesprochen pragmatisch und ausgewogen. Dies gilt insbesondere für seine Empfehlung, das Thema Brexit nicht überzubewerten. Denn tatsächlich ist es ja so, dass seitens der Politik in Sachen Brexit eine - hinsichtlich der Interessenlage - ziemlich durchsichtige Hysterie geschürt wird.
Trump hat (Stand 2.12.2018) den G20-Gipfel wirtschafts- und geopolitisch offenbar ziemlich clever genutzt. Dass der Handelsstreit mit China jederzeit wieder eskalieren kann, ist dennoch klar. Aber die Signale sind gut. Ich denke, man kann nächste Woche tatsächlich damit beginnen, ganz ruhig und moderat wieder Positionen aufzustocken oder neu zu bilden. Einige deutsche Aktien wie etwa BASF, Fresenius, Infineon, SAP oder - allerdings ziemlich riskant - ThyssenKrupp sind unbotmäßig "heruntergeprügelt" worden. Und die entsprechenden Aktien haben sicherlich wesentlich mehr Substanz und Potential als eine gewisse Vertreterin deutscher Politik, die sich auf dem G20-Gipfel leider wieder einmal in ihrer ganzen strategischen Hilflosigkeit zeigte.
Danke, Herr Brichta, für die Inspiration.
Wenn das so ist aus dem Munde von ein Loser kommt

"Seid gierig, wenn die anderen Angst haben"

dann gehts jetzt richtig im Keller! nicht Morgen oder Übermorgen aber Bald

und

wenn die Dummen Kaufen
Das Zitat von Buffett ist sicherlich richtig. Für mittel- bis langfristig ausgerichtete Käufer ist der Zeitpunkt zum Einstieg m.E. aber noch zu früh, die Fallhöhe des DAX zu hoch. Schaue ich mir die EMA auf verschiedenen Zeitebenen an, geht's erstmals noch weiter abwärts.

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